Der Mond scheint, der Wind weht und die ganze Höri schläft. Die ganze Höri? Nein, Zeitungszusteller Michael Fleiner ist seit mehreren Stunden auf den Beinen und fährt mit seinem Kleinwagen im Stop-and-go-Modus durch die Straßen von Horn: anfahren, anhalten, aussteigen, Zeitung falten, einstecken, zurück ins Auto und weiter – nach dem Briefkasten ist vor dem Briefkasten.

Es ist kurz nach vier Uhr und das Thermometer in seinem Dienstauto misst zwölf Grad Celsius. Die Gemeinde Horn ist der zweite Bezirk, in dem er in dieser Nacht den SÜDKURIER, Fremdzeitungen und Briefe ausliefert. Fleiner trägt Thermohose, Mütze und eine Stirnlampe. „Ohne die Lampe wäre ich aufgeschmissen“, sagt er beim Weg zu einem Briefkasten. Denn in den dunklen Vorgärten warte so manche Stufe oder Stein. „Manchmal erschrecke ich mich bei Katzen, die vorbeirennen, oder Statuen in der Dunkelheit.“ Vorfälle mit Hunden hatte er dagegen nie. „Gott sei Dank“, sagt der Vollzeitzusteller.

Was tun, wenn ein Paar in der Einfahrt intim wird?

Während er durch das Wohnviertel rollt, erzählt der 53-Jährige gern Anekdoten aus seinem Berufsleben. Eine besonders kuriose Geschichte ereignete sich eines Samstagnachts vor ein paar Jahren: Ein Paar, das in einem Auto Sex hatte, stand ihm bei seiner Arbeit sprichwörtlich im Weg. „Die Einfahrt war eng und ich musste an den Briefkasten gelangen, doch der Wagen versperrte den Durchgang.“ Durch das offene Autofenster habe er das Stöhnen einer Frau gehört und wusste nicht, wie er sich nun angemessen verhalten sollte. „Ich habe mich gefragt: ‚Schleiche ich leise vorbei oder gebe ich kurz Bescheid, dass ich einen Brief einwerfen muss?‘“

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Fleiner habe sich für Zweiteres entschieden. „Entschuldigung, ich muss kurz einen Brief einwerfen“, habe er gesagt. In dem Auto sei es abrupt still geworden. Fleiner sei wieder zurück zu seinem Auto geschlichen und habe seine Tour fortgesetzt. Ob das Paar anschließend den Geschlechtsakt fortgesetzt habe, wisse er nicht, sagt er. Doch er habe ihnen zum Abschied noch ein schönes Wochenende gewünscht.

Unterwegs ab ein Uhr nachts

Seit 19 Jahren ist Michael Fleiner Zeitungszusteller bei der DKZ, einer Tochterfirma des SÜDKURIER Medienhauses. Ursprünglich arbeitete der Radolfzeller als Bäckermeister. Später verdiente er sich als Moderator von Sportwettkämpfen und Ayurveda-Masseur seine Brötchen. Mit dem Job als Zeitungszusteller begann er, um sich etwas dazu zu verdienen, erzählt er. Doch der Neben- wurde zu seinem Hauptjob. Vor allem während der Corona-Pandemie, wo die meisten Veranstaltungen ausfielen. Seit drei Jahren ist er als sogenannter Springer fest angestellt. Sechs Tage arbeitet er die Woche und deckt die Bezirke von der Höri über Steißlingen bis nach Allensbach ab – je nachdem, wie der Bedarf in der jeweiligen Nacht ist.

Seit 19 Jahren ist Fleiner bereits Zeitungszusteller. Er liefert neben dem SÜDKURIER auch Fremdzeitungen und Briefe aus.
Seit 19 Jahren ist Fleiner bereits Zeitungszusteller. Er liefert neben dem SÜDKURIER auch Fremdzeitungen und Briefe aus. | Bild: Cian Hartung

Täglich beginnt seine Arbeit gegen ein Uhr nachts, wenn er die Zeitungen und Briefe von der Ablagestelle abholt. „Davor schlafe ich drei bis vier Stunden. Kaffee oder Tee, um wach zu bleiben, trinke ich aber nicht“. Seine Wundermittel gegen die Müdigkeit seien dagegen Wasser, Traubenzucker oder Bananen. „Nach rund sieben Stunden geht mir schon auch mal die Puste aus. Dann gehe ich zum Bäcker und hole mir eine Brezel“, erklärt er.

Einbrüche, Schlägereien und Betrunkene auf der Straße

Warum er bei dem Job geblieben sei? „Die Arbeit macht mir Spaß“, sagt der Radolfzeller, „das eigenverantwortliche Arbeiten, die körperliche Aktivität und die nächtliche Ruhe“. Nachts sei ein anderes Leben und niemand sei unterwegs, sagt Fleiner. Neben der nächtlichen Idylle habe er in dieser Zeit aber auch Einbrüche bei Supermärkten, Schlägereien am Radolfzeller Marktplatz oder Betrunkene auf der Straße zwischen Moos und Iznang erlebt. „Solche Vorfälle sind aber eher die Ausnahme als die Regel“, sagt er.

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Vor allem in der warmen Jahreszeit zeigten sich die Sonnenseiten seines Berufs. „Wenn die Sonne morgens über Bankholzen aufgeht, das ist herrlich“, sagt er. Manchmal liege für ihn eine Packung Pralinen, ein paar Gummibärchen oder an Weihnachten auch mal ein Umschlag mit einem kleinen Schein vor der Haustür, sagt er. Außerdem habe er immer Anekdoten von seinen Nachtschichten zu erzählen.

2600 Kalorien pro Nacht verbrannt

Trotz der Sonnenaufgänge im Sommer und der nächtlichen Kuriositäten, könne seine Arbeit im Herbst und im Winter aber ungemütlich werden, sagt er. „Kälte, Regen, Schnee oder Gewitter erschweren die Arbeit.“ Viele Zeitungszusteller würden auch von den Arbeitszeiten und der körperlichen Belastungen abgeschreckt, sagt er. Fleiner ist da aber anders. „Für mich gibt es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ Zudem betrachtet er seine Touren auch als Work-out, sagt er. Bis zu 23.000 Schritte zählt seine Smartwatch am Handgelenk in der Nacht. „Das sind bis zu 2600 Kalorien pro Nacht.“

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Der Sport spielt für Michael Fleiner ohnehin eine große Rolle. In jeder freien Minute sitzt er auf seinem Mountainbike. Das Hobby sei zwar teuer, doch sein Einkommen als Zusteller reiche dafür aus. Seine große Leidenschaft sei die Moderation und Organisation von Laufwettkämpfen. Seit der Pandemie sei dies aber flachgefallen. Doch er weiß: „Bis zur Rente will ich als Zeitungszusteller arbeiten und danach nur noch moderieren.“ Die Auftritte seien schließlich „seine große Liebe“, sagt er. „Und alles, was man mit Liebe macht, kommt gut bei den Leuten an.“

Er kennt die Wünsche der Leser

Das gelte für ihn auch für das Zeitungen zustellen. Konzentriert fährt er durch die Straßen und weiß die Laufwege zu den Briefkästen wie im Schlaf. Er kennt vermutlich jedes Zeitungsrohr zwischen Höri und Allensbach. Er weiß auch, welcher Kunde welche Sonderwünsche hat und welcher Leser seine Zeitung morgens am Toilettenfenster liegen haben möchte, damit er beim ersten Toilettengang des Tages eine Lektüre hat.

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Nach anderthalb Stunden ist er mit seiner Arbeit in Horn fertig. Der Reporter, der ihn in dieser Nacht begleitet, hat in der Dunkelheit längst die Orientierung verloren, Fleiner aber nicht. Nach der Gemeinde Horn folgen noch vier weitere Zustellbezirke. Und wenn die Sonne aufgeht, die Menschen mit Zeitung und Kaffee am Frühstückstisch sitzen, ist seine Tour beendet. „Normalerweise so zwischen acht und neun Uhr“, sagt Fleiner. Dann kehrt er nach Hause zurück, schläft zwei Stunden und schwingt sich anschließend zu einer Fahrradtour auf seinem Mountainbike. Denn nach der Tour ist vor der Tour.