Während nachts alle Katzen grau sind, geht es an der Kulturnacht in der Kernstadt von Radolfzell bunt zu – zumindest in den Räumen an den verschiedenen Kunststationen. Wohin man schaute, fröhliche Menschen, neugierige und begeisterte Besucher, eine unbeschwerte und warme Atmosphäre. Mit viel Leidenschaft haben die Kulturschaffenden ein zauberhaftes und vielfältiges Kulturprogramm auf die Beine gestellt und das Publikum genoss es sichtlich in vollen Zügen. Einziger Wermutstropfen: Die Zeit war wieder einmal viel zu kurz, um sich alles anzuschauen. Zum Glück konnte der zweite Schwerpunkt der Kulturnacht, die „Ortszeit“ in Böhringen schon im Vorfeld und am nächsten Tag besucht werden.

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„Die Kulturnacht im 17. Jahr ist aus Radolfzell nicht mehr wegzudenken“, sagte Oberbürgermeister Simon Gröger bei der Eröffnung der Kulturnacht 2022 im Milchwerk. Er bedankte sich ausdrücklich bei allen Künstlern, „die mit ihren inspirierenden Angeboten die Besucher in ihren Bann ziehen“, aber auch den großzügigen Sponsoren. „Genießen Sie die vielen schönen Momente“, gab er den Besuchern auf den Weg .

Die Radolfzeller Kulturnacht lockte die Nachtschwärmer in die Stadt. Im Milchwerk eröffnete Oberbürgermeister Simon Gröger (Mitte) den ...
Die Radolfzeller Kulturnacht lockte die Nachtschwärmer in die Stadt. Im Milchwerk eröffnete Oberbürgermeister Simon Gröger (Mitte) den Abend eröffnete, rechts neben ihm Stadtpräsident Gabriel Macedo aus Amriswil. | Bild: Kupferschmid, Marina

Unter den Gästen war auch eine kleine Delegation aus der Partnerstadt Amriswil. „Wir sind nicht nur zum Genießen, sondern auch zur Spionage hier“, gestand Stadtpräsident Gabriel Macedo dem Publikum mit launigen Worten. „Für unsere dritte Kulturnacht vor kurzem in Amriswil haben wir das Konzept von Radolfzell übernommen und sind gespannt, was wir diesmal mitnehmen können!“ Mitgebracht haben die Schweizer Gäste die junge Singer-Songwriterin Selina Schildknecht. Mit gefühlvollem Gesang und warmen und souligen Gitarrenklängen gelang ihr eine berührende musikalische Umrahmung und auch auf ihrem Streifzug durch die Kunststationen in der Stadt erntete sie großen Beifall.

Mit einfühlsamen Songs und Gitarrenklängen begeisterte die Schweizer Sängerin Selina Schildknecht das Publikum bei der Eröffnung.
Mit einfühlsamen Songs und Gitarrenklängen begeisterte die Schweizer Sängerin Selina Schildknecht das Publikum bei der Eröffnung. | Bild: Kupferschmid, Marina

Wer seine Kunsttour im Milchwerk startete, konnte in der dortigen großen Kunstausstellung gleich die Arbeiten von 20 Kreativen bestaunen – eine riesige Bandbreite an Malereien, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen und Kunsthandwerk von einheimischen Kunstschaffenden und Gästen. Das große Angebot machte es schwer, sich auf einzelne Werke einzulassen. Die Verschnaufpausen zwischendurch bei der kleinen Revue des Bailando Tanztrainings mit Stepp und Showtanz zu Schlagerperlen der 50er und 60er Jahre im kleinen Saal oder den Darbietungen der Musikschullehrer, die mit atmosphärischer Salonmusik und feiner Kammermusik schöne Akzente setzten, taten gut.

Themenabend in der Zeller Kultur

Nur wenige Meter weiter dann der Szenenwechsel bei der Zeller Kultur. Sie nutzten die Kulturnacht, um ihre aktuellen Aktivitäten vorzustellen. Das Jugendtheater unter Leitung von Anny de Silva greift in seinem November-Stück, das Thema „Gewalt gegen Frauen“ auf. Aufgelockert mit Gedichten, Poetry Slams und Performances trugen die Jugendlichen das Stück engagiert, ausdrucksstark und mit großer Spielfreude vor.

Bereit für den Szenenwechsel: Das Jugendtheater der Zeller Kultur beleuchtet in der Kulturnacht das Thema „Gewalt an Frauen“.
Bereit für den Szenenwechsel: Das Jugendtheater der Zeller Kultur beleuchtet in der Kulturnacht das Thema „Gewalt an Frauen“. | Bild: Kupferschmid, Marina

David Gräber aus Berlin, der seine Leidenschaft zum Schauspiel und Filmemachen bei der Zeller Kultur entwickelt hat, zeigte den Film „Morgen ist auch noch ein Tag“, in dem es um eine Beziehungsgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann geht. Ein Film mit Tiefgang.

Lebensfreude und bunte Bilder

Im Carl-Duisberg-Centrum dann wieder darstellende Kunst geballt, mittendrin die Künstlergruppe Art:Ligg, deren Mitglieder aus dem Ortsteil Liggeringen regelmäßig gemeinsam in einem Atelier arbeiten und sich austauschen. „Ich möchte Lebensfreude transportieren und liebe bunte Bilder“, kommentierte Anita Joos ihre farbenfrohen Exponate. Klaus Lindenau andererseits überführt gerne Ideen mit technischem Hintergrund in Zeichnung und Malerei. Er genieße an diesem Abend die vielen interessanten Gespräche mit Besuchern, ließ er wissen. Ein Stock tiefer zog die Bienenkunst von Sabine Carrillo aus Wahlwies viele Blicke auf sich. Die Bilder aus Wachs, Propolis, Pollen und Blattgold zeigen die Zuneigung und Bewunderung der Künstlerin für diese Tiere, die sie auch als Imkerin faszinieren.

Auf dem Marktplatz wurden die angekündigten Foodtrucks und auch die Beleuchtung des Münsters und die Illumination des Österreichischen Schlösschens vermisst. Dafür hatte die „Poetry Bite Nacht“ in der Stadtbibliothek eine ungeheure Kraft. Die ersten Vorstellungen der sechs wortgewaltigen, teils preisgekrönten Künstler wie Kai Bosch, Johannes Elster und Marvin Suckut, auf zwei Bühnen zu jeder vollen Stunde wurden mit jeweils 250 Besuchern regelrecht überrannt. Ob witzige, spritzige, nachdenkliche Texte oder Geschichten aus dem Leben – diese neue Kunstform an der Kulturnacht scheint eine Gewinnerin zu sein.

Ohrenschmaus im Scheffelhof

Viel Zulauf auch im Eiscafe Fernando, wo der Radolfzeller Maler Willy Cierpinsky Ölbilder, Aquarelle und Tuschebilder mit südländischen Eindrücken zeigte. Die Kapelle „Take Four“ sorgte für zusätzlichen Genuss und die Besucher wippen begeistert mit. Unübertroffen als Publikumsmagnet bliebt an diesem Abend die neue Veranstaltungsadresse Sound Idea Lounge im Keller des historischen Scheffelhof – erstmals zugänglich für die Öffentlichkeit. In spannender Atmosphäre erlebten die Nachtschwärmer eine fantastische Symbiose aus Bildern der Fotofreunde Blende 20 und schönstem Ohrenschmaus der Band „Sound-Idea“ mit Uli Meidel (Schlagzeug), Andi Richter (Piano) und Bernadette Meidel (Sängerin). Das machte Lust auf mehr.

Wenig Papier

Zweifellos wurde an diesem Abend alles geboten, was Kultur in Radolfzell ausmacht. Breite Kritik wurde allerdings laut, weil erstmals ein Programmheft mit ausführlichen Informationen zu den Kunstschaffenden fehlte und es nur einen Flyer zu den Stationen gab. „Zuviel Papier für sechs Stunden!“ begründet Murielle Orgé vom Organisationsteam die Entscheidung, Programm und QR-Codes zu den Künstlern in Radolfzell nur im Internet anzubieten. Sollte etwa die Digitalisierung in Radolfzell manchem zu schnell gehen?