Sonntagnachmittag, kurz vor 16 Uhr im Gasthaus Kreuz in Radolfzell. Ich bin verabredet mit Peter Schubkegel und Heinz Küster vom Bürgerforum Bauen Radolfzell (BBR). Die beiden Herren begrüßen mich herzlich. Man sieht ihnen die Freude an, dass sich jemand für ihre harte Arbeit und ihr Anliegen interessiert. Sie kämpfen für Transparenz, möchten mit ihrem Einsatz etwas in Radolfzell verändern und noch mehr Bürger animieren, sich zu beteiligen.

Für dieses zivilgesellschaftliche Engagement erhält das BBR in diesem Jahr den Bürgerpreis der SPD Radolfzell. Auch wenn die beiden mehrmals bescheiden betonen, dass es ihnen nicht darum gehe, Preise zu bekommen oder in der Zeitung zu erscheinen, ist es an der Zeit für ein kurzes Porträt. Wer sind die beiden Herren, die den Preis stellvertretend für den BBR entgegennehmen?

Beiden liegt Radolfzell sehr am Herzen

Heinz Küster und Peter Schubkegel sind beide nicht in Radolfzell geboren, leben aber schon einige Jahre, im Falle von Küster sogar Jahrzehnte hier. Ihnen liegen Radolfzell und seine Entwicklung am Herzen. Schubkegel stammt aus dem Rhein-Main-Gebiet. Er erklärt, dass er dort eine wenig nachhaltige Baupolitik miterlebte. Deshalb möchte er daran mitarbeiten, dass zukunftsträchtige Entscheidungen in Radolfzell nachhaltig getroffen werden.

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Beide Männer haben erfolgreiche Karrieren hinter sich. Für sie ist die Arbeit für den BBR ein Neustart nach dem Arbeitsleben, sie sind hoch motiviert und knien sich gerne in neue Aufgaben hinein. Heinz Küster ist es ein wichtiges Anliegen, gerade der jüngeren Generation, etwas wiederzugeben, solange es gehe. Die Themen Umweltschutz, Wahrung der Identität von Radolfzell und die Entschleunigung von Bauvorhaben stehen im Vordergrund.

Das BBR gibt es seit 2016

Im Jahr 2016 hat das BBR seine Arbeit aufgenommen. Schubkegel und Küster, zwei der Gründer, legen Wert darauf, dass das Forum kein Verein ist, sondern informell funktioniert und im besten römischen Sinne als ein Marktplatz der Ideen und des Austauschs verstanden werden soll. Jeder, der dazu kommt, besitzt Stimmrecht. Diese „Walk-in“-Demokratie berge auch ein gewisses Risiko, schildert Schubkegel, aber das sei eben „urdemokratisch“. Das Forum finanziert sich ausschließlich über Spenden.

Die Arbeit ist in thematischen Arbeitskreisen und Stabstellen organisiert. Sie zeigen mir ein Organigramm, Schubkegel erklärt, dass es eigentlich dem Aufbau eines „Minikonzerns“ entspreche. Diese perfekt organisierte und professionelle Herangehensweise beeindruckt mich zutiefst. Es gebe 20 Mitglieder, die den harten Kern bildeten, etwa 40 im weiteren Kern und 80 im weitesten Kern. Seit 2016 haben sie 38 Treffen gehabt, etwa 12.000 Arbeitsstunden, rechnet mir Schubkegel vor, seien geleistet worden.

Das Bürgerforum ist ein eingespieltes Team

Die Begeisterung über ihre Projekte ist ihnen anzumerken, manchmal verlieren sie sich in Details und kommen nahtlos von einem zum anderen Thema. Sie haben viele Unterlagen mitgebracht: einen eigens erstellten Leitfaden für nicht computer-affine Mitglieder, selbst gedrehte Videos und Grafiken sowie eine Power Point Präsentation für unser heutiges Treffen. Beim Berichten ergänzen sich die beiden perfekt und gehen sehr respektvoll miteinander um. Sie sind ein eingespieltes Team.

Hier soll der Preis verliehen werden

Heinz Küster, erzählen sie mir, brauche kaum Schlaf und sitze oft bis nachts um vier an der Recherche für die Projekte des BBR. Den Rest hole er mit autogenem Training nach, das habe er beim Kunstturnen und von seiner Mutter gelernt. Er besucht so vorbereitet jede Sitzung im Gemeinderat. Manchmal sei es frustrierend, dass man gut eingearbeitet sei, aber kein Rederecht habe. Einen Erfolg kann das BBR jedoch verzeichnen, den Sitz im Gestaltungsbeirat, wo das Forum von Brigitte Pucher vertreten wird. Man habe zwar kein Stimmrecht, aber Rederecht.

Sie begleiten Bauprojekte in der ganzen Stadt als aufmerksame Beobachter

Auf die Frage, wie es denn möglich sei, ihre gut überlegten Vorschläge an den Gemeinderat heranzutragen, erläutern sie mir, dass es sich oft um das Zuarbeiten und das Recherchieren zu den jeweiligen Themen handele. Auch das Schreiben von Leserbriefen und Stellungnahmen zu Baubeteiligungen direkt an die Stadtverwaltung seien Mittel der Beteiligung.

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Neben etlichen Aktionen der jüngeren Vergangenheit zeigen sie mir ein brisantes hochaktuelles Projekt: ihr Gegenkonzept für die Bebauung des Streuhau. Alles detailliert und sogar ein kartographierter professionell erstellter Gegenentwurf, der die tatsächliche Größe der projektierten Ferienhäuser abbildet. Ein qualitativ hochwertiges und soziales Angebot sei wichtiger, als im Bereich der Tourismusplanung den gleichen einseitigen Weg zu gehen wie bei der Bebauungsplanung, findet Küster.

Ziel ist „echte“ Bürgerbeteiligung

Besonders stolz sind sie auf ihr präventives Baumgutachten, welches sie im Vorfeld des Umbaus der Mole erstellt haben. Jeder Baum wurde fotografiert und seine Unversehrtheit verzeichnet. Im Gutachten sind Vorschläge zu finden, wie diese Bäume in der Nähe einer Baustelle geschützt werden könnten. Zum Start der Baustelle wurden nun Wurzelzäune um die Bäume herum aufgestellt. Ein toller Erfolg! Trotzdem wird Peter Schubkegel an dieser Stelle bescheiden, er glaubt nicht, dass dies allein Ergebnis ihrer Arbeit sei.

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Ihr wichtigstes Ziel: mehr „echte“ Bürgerbeteiligung. Echt bedeutet für die beiden vor allem transparent. Bürger sollen nicht nur konsultiert werden, sondern auch an der Entscheidung beteiligt werden. Bisher gehe Bürgerbeteiligung nur bis zu einem gewissen Grad, erläutert Schubkegel mit einem Diagramm. Beide glauben, dass Intransparenz zu Politikverdrossenheit führe, welche sich dann in Abwendung hin zu undemokratischen Alternativen zeige. Auch in der Verwaltung in Deutschland sei vieles suboptimal, sie lebe von veralteten Ritualen, die es aufzubrechen gelte. Schubkegel berichtet aus seiner Zeit als internationaler Projektmanager und erklärt, dass Ideen in einem iterativen Prozess immer wieder revidiert werden müssten, bevor sie gut werden.

Sie wollen gerne mehr Einfluss nehmen

Es wird deutlich, dass das BBR gerne mehr und stärker Einfluss auf die Entscheidungen in Radolfzell nehmen würde. Gleichwohl ist ihnen bewusst, dass ihr Ansatz der Politikgestaltung außerhalb der verfassten kommunalpolitischen Strukturen von manchen kritisch gesehen wird. Sie berichten mir, dass sie gemischtes Feedback aus Radolfzell für ihre Arbeit erhielten. Sie sind sich einig, dass sachliche Kritik und auch Kritik innerhalb einer Arbeitsgruppe sehr wichtig seien, um weiterzukommen.

Bei persönlicher Kritik erklärt Küster, dass er aus seiner Turnerzeit gelernt hat, dass ihn das nur stärker macht. Schubkegel gibt zu, dass er manchmal etwas Zeit braucht, um diese zu verarbeiten. Für Schubkegel ist die Verleihung des Bürgerpreises deshalb ein großartiges und sehr demokratisches Zeichen. Auch Küster stimmt zu, er konnte es kaum glauben. Für ihn war es eine tolle Überraschung.

In unserem zweieinhalbstündigen Gespräch wurde deutlich, mit wie viel Herzblut und Zeit die beiden kritisch und konstruktiv an der Veränderung der Stadt arbeiten. Trotz Gegenwind lassen sie sich nicht unterkriegen wollen auch zukünftig versuchen, Stadtentwicklungsprozesse mitzugestalten, Entscheidungen transparenter zu machen und noch mehr Bürger dazu animieren, sich aktiv zu beteiligen.