Hansjörg Blender (67) hat die SÜDKURIER-Serie im Lokalteil Radolfzell über „Das besetzte Feuerwehrhaus„ aufmerksam verfolgt. Nach dem Lesen des siebten und letzten Teils über den Abriss des Gebäudes auf dem Untertorplatz und die Demonstration am 31. Juli 1980 erhebt er Widerspruch zur These: „Die Jugend hatte keine Lobby.“

Da müsse man unterscheiden, fordert Blender: „Die organisierte Jugend hatte eine Lobby, wir von der Jugendfeuerwehr hatten einen Raum im Haus der Jugend und dann im neuen Feuerwehrgerätehaus.“

„Meistens waren die Lehrlinge in Vereinen, während die Gymnasiasten eher zu den Nichtorganisierten gehörten.“

Im Haus der Jugend, heute die Alte Forstei, seien viele organisierte Jugendgruppen in den Sechziger- und Siebzigerjahren untergekommen: Das Jugendrotkreuz, die Schachjugend, die christlichen Pfadfinder oder die Junge Union. „Wir haben als Jugendliche keinen Mangel gehabt“, sagt Blender.

Allerdings unterscheidet der Feuerwehrmann zwischen den organisierten und nichtorganisierten Jugendlichen. „Meistens waren die Lehrlinge in Vereinen, während die Gymnasiasten eher zu den Nichtorganisierten gehörten.“

Gymnasiasten trafen sich oft im „Leierkasten“

Für die Gymnasiasten sei auch das Szene-Lokal Leierkasten der Treffpunkt gewesen. „Ich war dort so gut wie nie.“ Lehrling Blender ging wie die meisten aus der Handwerkerjugend in die Drachenburg in der Poststraße. „Dort gab es einen Flipper.“ Deshalb sei die Lehrlingsszene auch nicht von der Schließung des Leierkastens Ende Juni 1980 betroffen gewesen, ihre Kneipe hatte ja weiterhin auf.

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Doch viel wichtiger sei für die Mitglieder der Jugendfeuerwehr der Raum im Haus der Jugend gewesen: „Wir haben ihn selbst hergerichtet, eine Decke eingezogen und die Wände gestrichen“, erinnert sich Blender. Von seinen ersten beiden Lehrlingsgehältern habe er sich einen Plattenspieler gekauft. „Einen Dual P 35 in Schwarz“, kennt Blender noch genau das Fabrikat.

Den Plattenspieler habe er zusammen mit seiner Plattensammlung – „alle Beatles- und Rolling Stones-Platten“ – in den Jugendfeuerwehrraum getragen. Musikhören war wichtig. „Dann kamen auch die Mädchen zu Besuch“, lacht Blender.

Vom schwarzen Dual P35 erklangen die Beatles und die Stones

Doch die Geschichte hat für ihn einen bitteren Nachgeschmack. Eines Tages war der Raum aufgebrochen, der Plattenspieler und alle seine Platten weg: „Den Platten trauer ich heute noch nach“, sagt Blender.

Ansonsten hat er den Raum und das Haus der Jugend in guter Erinnerung. Für ihn und seine Kameraden war dort der Raum, wo sie sich ungezwungen treffen konnten. Zusammen mit Hausmeister Karl Troll hätten sie im HdJ – so das gängige Kürzel in Radolfzell für das Haus der Jugend – im Erdgeschoss einen Partyraum hergerichtet: „Der konnte auch von der nichtorganisierten Jugend angemietet werden.“

Jugendfeuerwehr hatte einen Raum im neuen Gerätehaus

Die Besetzung des alten Feuerwehrgerätehauses im Juli 1980 habe er nicht in Augenschein genommen: „Das hat mich nicht interessiert, wir von der Jugendfeuerwehr haben ja auch einen Raum im neuen Feuerwehrgerätehaus bekommen.“

Von diesem neuen Feuerwehrgerätehaus in der Steißlinger Straße hat die Jugendfeuerwehr damals ein Modell gebaut. „Beim Dach hat uns der frühere Stadtbaudirektor Ralf Nüsse geholfen, das haben wir alleine nicht hinbekommen.“

„Jeder hat gelernt, Verantwortung zu tragen“

Das Modell mit der extravaganten Dachform steht immer noch in einer Vitrine im Eingangsbereich des Feuerwehrgebäudes, das 1979 in Betrieb genommen worden ist. Auf diese Modellarbeit ist Hansjörg Blender immer noch stolz. Genauso wie auf die Arbeit in der Jugendfeuerwehr, er war Jugendleiter und Jugendwart. „Das war meine beste Zeit“, sagt Blender.

Die Jugendfeuerwehr habe eine Ordnung gehabt wie ein Verein. „Jeder hat gelernt, Verantwortung zu tragen, ob als Kassier oder Schriftführer.“ Das sei charakterbildend gewesen. Er habe für die Jugendfeuerwehr seinen ersten Rhetorik-Kurs besucht: „Den hätte ich sonst nirgends bekommen.“

Die Jugendkameraden von damals treffen sich auch heute noch

Mit den ehemaligen Jugendfeuerwehrkameraden treffe er sich noch heute. Für die Jugend etwas zu machen, sei immer sein Anspruch gewesen, sagt Blender. Und gerade deshalb hat er mit einer Tradition gebrochen. Als Oberholzer der Holzhauergilde der Narrizella Ratoldi.

Früher sei keiner bei den Holzhauern aufgenommen worden, wenn er nicht bei der Feuerwehr war. „Das habe ich abgeschafft“, lacht Blender. Warum ausgerechnet er als leidenschaftlicher Feuerwehrmann? „Die Zeiten haben sich geändert, es wollten halt immer mehr zu den Holzhauern, die nicht bei der Feuerwehr waren.“