Sonntag, 17. Mai, am Wasserspielplatz: Von der von OB Martin Staab viel beschworenen Disziplin der Radolfzeller ist an dieser Stelle am Ufer nicht viel zu sehen. Der Mülleimer quillt am Abend über, drumherum reihen sich auf dem Boden Pampers, Plastikbecher, Pappbecher, Papier- und Mülltüten zu einem beredten Stillleben zusammen. Titel des Werks: „Endlich waren wir wieder einmal alle zusammen am See.“

Ein Brief von einem Herr Freiheit 2020 landet in der Redaktion

Montag, 18. Mai, Post im Redaktionsbriefkasten: Das Anschreiben lässt erahnen, woher der Wind weht. Es ist überschrieben mit „Medien, Herausgeber und Journalisten/Redakteure“. Ein gewisser „Wir“ sieht sich veranlasst, eine Stellungnahme zu „derzeitigen regionalen Pressemitteilungen“ abzugeben. Bei der Nachschau, wer den „Wir“ sein könnte, finden wir – also wir in der Redaktion Radolfzell – keinen Absender. Weder auf dem Schreiben, noch auf dem Umschlag. Nur am Schluss steht ohne freundlich zu grüßen „Freiheit 2020“.

Sollen wir es lesen, nur weil Vorname Freiheit, Nachname 2020 den nach unseren Vorstellungen gebotenen Anstand im Briefverkehr hat fahren lassen? Also gut, lesen wir die – vornehm ausgedrückt – dreiseitige Betrachtung über das Medienwesen. Vorname Freiheit, Nachname 2020 versucht es in Sachen Corona mit einer Analyse: „Es entsteht das Bild einer gekauften Presse.“

Wir suchen in der Redaktion das besagte Bestechungsgeld

Da – die Ausdrucksweise erinnert stark an einen Herrn – Herr Freiheit 2020, die von ihm sonst so vehement geforderte Quellenangabe bei seinen Beschimpfungen vermissen lässt, schauen wir in der Kaffeekasse nach. Im Bastkorb liegen drei Zettel: Eingang 3 Bitcoins von Bill Gates, 5 Rubel von Wladimir Putin und 2 Ostmark von Angela Merkel.

Wir geben jetzt nicht zum Besten, was der vorlaute Volontär am Kaffeeautomat ruft (“Für zwei Ostmark bekommen wir nicht eine Banane“), sondern studieren weiter das Schreiben von Herrn Freiheit 2020: „Es ist offensichtlich, dass eine Spaltung der Bürger in Deutschland beabsichtigt ist. Warum? Das verstehen bereits Kinder.“

Gegen das Vergessen

Eine Blitzumfrage des Volontärs in der Teggingerstraße ergibt: Nicht einmal Erwachsene verstehen das. Wahrscheinlich wohnt Herr Freiheit 2020 nicht in der Teggingerstraße. Wir lassen ihn noch einmal von der Kette: „Diktatorische motivierte Volkssender, die die Gebührenzahler als Spinner und Wirrköpfe titulieren, haben in einer freiheitlichen Demokratie nichts zu suchen. Wir werden nicht vergessen.“

Dienstag, 19. Mai, im Redaktionspapierkorb: Genau da landet der Brief von Herrn Freiheit 2020. Haben wir ganz vergessen, das gestern zu erledigen.

Die Kolumne: Das Corona-Tagebuch der Redaktion Radolfzell begreift sich als hoffentlich vorübergehende Erscheinung.

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