Drei Wochen vor der Fasnacht kommt die erste zaghafte Frage, wie denn das Projekt mit dem virtuellen Hemdglonker-Umzug der Narrenmusik so läuft. „Bekommen haben wir bisher vier Videos und drei Bilder von einem Fleischfondue“ informierte damals Tobias Hinckeldein, Tenorhornist der Narrenmusik und technischer Kopf hinter dem Projekt, nüchtern.

Mehr als 150 mal der Narrenmarsch in allen Variationen

Wenig später hat sich der Musiker dem Eingang von mehr als 150 Videos stellen müssen. 150 Mal der Narrenmarsch in einer sehr individuellen Version: mit einem Instrument, gekleppert, gesungen oder geklatscht, von Narrenmusikern, Holzhauern, Froschen, Narrenräten, Exil-Radolfzellern, Frauen, Männern, Kindern, Großeltern, Mäschkerle und Hemdglonker.

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Dazu etliche Klepperleverse und Sprüche sowie kunterbunte Tanzszenen und Mini-Umzüge im Schnee oder im Wohnzimmer. Was es allerdings mit dem Fleischfondue auf sich hat, ist nicht wirklich aufgeklärt worden.

Vier Stunden Material gibt es zu bearbeiten

Diese fast vier Stunden Material hat Tobias Hinckeldein zu einem 22-minütigen Video geschnitten. Hat Tonspur für Tonspur bearbeitet und übereinandergelegt, damit man immer genau die im Einklang spielen hört, die auch zu sehen sind.

Selbstverständlich musste eine ausgewogene Auswahl an Blasinstrumenten, Sängern und Klepperle getroffen werden. Einzelszenen wie halsbrecherische Schlittenfahrten oder Spaziergänge durch das Hochwasser haben ihren Platz bekommen.

Bisher wurde der Hemdglonkerumzug auf Youtube mehr als 4300 Mal angeklickt. Wie oft Tobias Hinckeldein den Narrenmarsch hat anhören müssen, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Es muss oft gewesen sein. Sehr oft. Virtuell mitgelaufen sind übrigens nicht nur Radolfzeller, sondern auch Narren aus Kiel, Stuttgart oder Bad Kissingen.

„Wir sind überwältigt“

„Wir sind überwältigt von all den Videos und sagen Danke an alle, die mitgemacht haben“, sagt Narrenmusik-Boss Michael Back glücklich. Auch wenn ein paar Videos bei der Bearbeitung vergessen wurden. „Bei so vielen Dateien kann man auch mal den Überblick verlieren“, räumt Back entschuldigend ein. Man werde eventuell die Vergessenen nachreichen, niemand solle deswegen traurig sein.

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Auch wer nicht im digitalen Umzug vorkommt, hat dennoch Spaß daran. Es ist ein Querschnitt durch die Radolfzeller Fasnacht mit sehr intimen Einblicken in Wohn- und Schlafzimmer, Gärten, Küchen und Kellerräume der Narren. Manchmal springt eine Frau aus dem Schrank, manchmal sitzt der Narr auf einem Bagger – der ganz normale fasnachtliche Wahnsinn in den Radolfzeller Haushalten eben.

Es gibt wirklich viele Blasinstrumente in der Stadt

Die wohl auffälligste Erkenntnis ist, dass es in Radolfzell wirklich sehr, sehr viele Blechblasmusiker gibt. Die Musikstadt am See ist zwar ein viel bemühter Begriff, aber wenn man sieht, wer alles ein Instrument besitzt und beherrscht, dann passt der Slogan perfekt zu Radolfzell. Die zweite Erkenntnis ist, dass die Kinder besser als ihre Eltern kleppern können.

Auch die Sprüche sitzen tip top, egal in welchem Alter. Nur ein einziges mal musste nachgeholfen werden. Der Rest kam ohne Souffleuse aus. Außerdem ist der Narrensamen ungemein musikalisch, ob am Waldhorn, der Trommel oder dem Tamburin. Investitionen in den Musikunterricht scheinen sich zu lohnen.

Narrenmarsch auf Klavier und Geige

Die dritte Erkenntnis ist, dass der Narrenmarsch auf Instrumenten, die man beim richtigen Umzug eher selten sieht, wie zum Beispiel Klavier, Geige oder Gitarre, überraschend elegant klingt. Eigentlich schade, dass es erst eine Pandemie geben musste, um das auszuprobieren.

Viertens scheint es einen Trend zum Indoor-Narrenbaum zu geben. Vermutlich haben weise Radolfzeller gleich gewusst, dass das mit einem Baum dieses Jahr nix wird und haben ihren ausrangierten Christbaum kurzerhand umfunktioniert. Überhaupt ist das Thema Dekoration stark in den guten Stuben vertreten. Hier und da erkennt man die Käufer der Hausball-Tüten der Narrizella.

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Traditionalisten haben Lumpen-Girlanden und Luftschlangen hängen, richtig engagierte Fasnachter besitzen meterhohe Fahnen oder gar lebensgroße Figuren. Die eigenen vier Wände, an Fasnacht meistens sträflich vernachlässigt, bekommen in diesem Jahr besonders viel Aufmerksamkeit.

Wer es verpasst hat oder noch einmal schauen möchte, der virtuelle Hemdglonkerumzug findet sich auf Youtube.