„Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf…“ – die aus dem 11. Jahrhundert stammende und in der Osternacht 1945 ebenso gesungene, sehr eindringliche Ostersequenz mit der Auseinandersetzung von Tod und Leben, mochte wohl bei vielen am Kriegsende wie eine Vorahnung geklungen haben. Noch verliefen die Ostertage weitgehend ohne gravierende Störungen ab. Die Apriltage 1945 zählen zu den dramatischsten Momenten in der Geschichte von Radolfzell und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre die Stadt zu einem Schutt- und Aschehaufen bombardiert worden.

Am 13. April mussten alle männlichen Einwohner zwischen 14 und 70 Jahren im Scheffelhof die Hetzreden des SS-Kampfkommandanten Schmidt und des Hauptsturmführers Kurt Groß anhören, in denen jene, wütend über die „lasche Haltung“ der Radolfzeller, den Befehl des Führers verlasen, dass jeder Ort bedingungslos zu verteidigen sei und jeder Widerstand mit dem Tod durch ein Standgericht bestraft würde.

In der darauffolgenden Nacht verschmierten Hitlerbuben die Kirche, das Rathaus und zahlreiche Schaufenster mit armseligen Parolen. Dass dies keine leere Drohung war, belegen die Erschießungen des Unterscharführers Stiefel am 22. Februar und des 17-jährigen Gottfried Staub am 11. April wegen angeblichen Fluchtversuches aus der Kaserne, weil sie den weiteren Kampf für sinnlos erachteten. Weitere Erschießungen folgten.

Angriffe am 21. April

Es begannen angsterfüllte Tage des Wartens. Spätestens am Samstag, 21. April 1945, wurde den Radolfzellern bewusst, wie die direkten Kriegsfolgen nun auch die Stadt erreicht hatten. Gegen neun Uhr erfolgten erste Angriffe durch britische Jagdflieger auf das Bahnbetriebswerk und die Gleisanlagen, bei denen zwei Eisenbahner den Tod fanden. Bei einer zweiten Angriffswelle um 10 Uhr wurde das Krankenhaus beschossen und mehrere Flügelminen durchschlugen das Dach. Wie durch ein Wunder blieb eine Phosphorgranate im zweiten Obergeschoss zerbrochen liegen, ohne zu explodieren.

Zimmermeister Blum wurde in der Bismarckstraße von einem Tiefflieger schwer verwundet. Am Güterbahnhof trafen Jagdflieger zwei Güterzüge. Die zum Teil in Brand geratene Munition löste den ganzen Tag über Explosionen aus und beschädigte benachbarte Lagerhallen und angrenzende Wohnhäuser der Mooser- und Friedrich-Werberstraße. Erst nach einiger Zeit gelang es, die Munitionswaggons des einen Zuges abzukoppeln.

Vier Tote und 14 Verletzte

Am Abend und in der Nacht plünderten Einheimische sowie ausländische Arbeiter das übrige Material aus den unbeschädigten Waggons und den Lagerhallen. Dabei kam es zu grotesken Situationen. Als der Ortsgruppenleiter Gräble Militärstiefel durch die Schiebetüre verteilte, angelte ein Bursche auf dem Dach durch ein Lüftungsrohr auf eigene Faust Stiefel heraus und gab sie an seine Kameraden weiter. Aus den erbeuteten blau-weiß karierten Decken schneiderten sich später manche Frauen Kleider. Bei den Luftangriffen kamen mindestens vier Einwohner ums Leben und 14 wurden verletzt, einige davon schwer.

Am 22. April 1945 kamen junge Burschen der Radolfzeller SS unter Führung des fanatischen Sturmführers Groß nach Wahlwies, um den Vormarsch der Franzosen zu stoppen. Dabei erschossen sie vier Mann des Volksturmes, die das Schließen der Panzersperren als Unfug bezeichneten. Die Angst vor weiteren Angriffen wuchs und der unsinnige Verteidigungsbefehl förderte die Unsicherheit in der Bevölkerung, so dass eine Fluchtbewegung in die Umgebung einsetzte, um wenigstens das Notwendigste in Sicherheit bringen zu können.

Französische Truppen kommen

Es war in den frühen Morgenstunden des 25. April 1945, als sich von Singen aus drei französische Verbände über Überlingen am Ried, Böhringen und Steißlingen auf den Weg nach Radolfzell machten. Die Spannung in der Bevölkerung über das weitere Schicksal der Stadt wuchs, zumal die Führung nicht von dem Befehl der Verteidigung abrückte. Vier Tage zuvor hatte der von den Nazis seit März eingesetzte elsässische Bürgermeister Rainer Schlegel eine Notiz hinterlassen, wonach die Stadt sich ergeben würde. Dies wurde von Bürgermeister-Stellvertreter August Kratt über den Stadtfunk verkündet. Die Erleichterung währte indes nur wenige Stunden.

Auf Druck der SS musste Kratt dies als „Falschmeldung“ zurücknehmen und damit die Verteidigung aktivieren. Die gefährliche Spannung wurde nicht zuletzt durch zahllose versprengte Soldatengruppen ausgelöst, die auf der Flucht vor den Franzosen neben geflohenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern die Stadt durchzogen. Zudem wusste niemand genau, wie viele SS-Männer sich noch in der Kaserne befanden.

Die Chronologie des 25. April

Die dramatischen Ereignisse des 25. April im Zeitraffer: Der Tag beginnt um 6 Uhr mit der traditionellen Markus-Prozession, die mit dem Gottesdienst im Münster abgehalten wird. Gegen 7.30 Uhr melden Luftschutzbeobachter auf dem Turm französische Truppenbewegungen vor Böhringen und Überlingen am Ried. Gegen 9 Uhr werden auf Befehl des Kampfkommandanten die Panzersperren und Stadteingänge in Radolfzell geschlossen. SS-Leute drangsalieren Bewohner der Innenstadt und zwingen ältere Männer des Volkssturmes zu Arbeiten an den Sperren. Der französische Beschuss mit Panzergranaten und mittlerer Artillerie beginnt.

Im Laufe des Tages erhalten insbesondere die Firmen Schiesser und Allweiler, sowie die Post und einige Privathäuser Treffer. Der Angriff wird von der Flak der Kaserne erwidert. Daraufhin schießen die Franzosen das Wirtschaftsgebäude und das Führerheim der Kaserne in Brand. Als ein französischer Panzerspähwagen vor Neubohlingen getroffen wird, stockt die Kolonne und antwortet mit Artillerie und Maschinengewehr, dabei wird ein Mann schwer verletzt, der anderntags seinen Verwundungen erliegt. Das Stellwerk neben der Mooser Eisenbahnbrücke wird zerstört. Auch die Rotkreuzschwester Christa Kiefer wird auf dem Weg zu einem Einsatz nach Böhringen tödlich getroffen. Die Beschießung der Stadt setzt sich bis 13 Uhr fort.

Die Panzersperren in der Seestraße beim Heilig-Geist-Spital waren versetzt angeordnet. Links auf Höhe der Spitalkapelle, rechts bei der ehemaligen Drogerie Bartak (heute „Salzgrotte“).
Die Panzersperren in der Seestraße beim Heilig-Geist-Spital waren versetzt angeordnet. Links auf Höhe der Spitalkapelle, rechts bei der ehemaligen Drogerie Bartak (heute „Salzgrotte“). | Bild: Stadtarchiv Radolfzell

Gegen 11 Uhr verlassen die vier Beobachter der Luftschutzpolizei den Münsterturm. Vikar Ruby, der von Stadtpfarrer Josef Zuber auf den Münsterturm gesandt wird, hält fernmündlich Kontakt mit Polizeichef Frei. Dieser versucht vergeblich, Bürgermeister-Stellvertreter Kratt zu erreichen.

Gegen 11.30 Uhr nimmt ein französischer Offizier von dem bereits eingenommenen Böhringen aus Kontakt mit Radolfzell auf. Der Postbeamte Berger versteht glücklicherweise Französisch und findet Kratt vor dessen Haus. Zusammen gehen sie zum Hotel Sonne-Post (heute Volksbank), dem Standortquartier der Kampfkommandantur. Dort treffen sie aber nur auf Untergebene, die versprechen, den Kommandanten zu informieren. Währenddessen zerstört schwere Artillerie Teile der Firma Allweiler.

Gegen 12.30 Uhr droht der französische Offizier erneut die Bombardierung an. Auf der Post bitten die versammelten Berger, Kratt, Gräble und Volkssturmführer Schreiber um eine 20-minütige Feuerpause. Kurz danach kommt vom Kampfkommandanten aus Güttingen die letzte Drohung, Radolfzell zu halten und wer fliehe, werde erschossen.

„Haben Sie mich verstanden?“

Die Feuerpause läuft ab und der französische Befehlshaber teilt Revierführer Frei auf der Polizei mit: „Hier spricht der Kommandeur der französischen Armee. Ist der Herr Bürgermeister bei Ihnen? Sagen Sie dem Bürgermeister, wenn die unsinnige Schießerei in Radolfzell nicht sofort aufhört, wenn Sie die SS nicht aus der Stadt jagen, wenn Sie die Panzersperren nicht sofort öffnen, werde ich in allerkürzester Zeit 30 bis 40 Flugzeuge schicken. Ich werde schwere Artillerie auffahren lassen und die Stadt zu einem Trümmer- und Aschehaufen machen lassen. Haben Sie mich verstanden?“

Frei erreicht Kratts Schwager, den Gastwirt Volk, der Stadtpfarrer Josef Zuber informiert. Gegen 13.20 Uhr zeigt der stellvertretende Kampfkommandant Reichardt Einsicht und zieht die restlichen Truppen nach Osten ab. Es verbleiben nur noch führungslose Spähtrupps in der Altstadt.

Die weiße Fahne wird gehisst

Um 13.25 Uhr begibt sich Vikar Ruby wieder auf den Münsterturm. Pfarrer Zuber und Volk geben das Signal zum Hissen der weißen Fahne. Franz Stuber und Mathäus Hermann sichern mit Zuber den Eingang zum Turm. Volk lässt auf dem Kamin der Obstbau durch Stuber eine zweite Fahne hissen. Von der Kreuzung Post-Schützenstraße aus versuchen SS-Leute, die Fahne abzuschießen.

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Als SS-Major Herbert in Güttingen vom Hissen der Fahnen erfährt, verlangt er die unverzügliche Beseitigung und macht die Amtsträger persönlich haftbar. Die Franzosen stellen ein letztes Ultimatum. Als Kratt erklärt, die weiße Fahne sei gehisst und es gebe keine Truppen mehr in der Stadt, geben sich die Franzosen zufrieden und befehlen den Einmarsch.

Gegen 14 Uhr rücken die ersten Panzer ein und vor der Polizei in der Bismarckstraße findet die Übergabe durch Frei, Kratt und Volk statt. In den nächsten Stunden erfolgt die vollständige Besetzung. Auf der Höhe des Bahnüberganges in der Schützenstraße versuchen einige junge SS-Männer mit einer kleinen Flak die Franzosen zu beschießen. Ein französischer Panzer schießt vom Café Lohr aus zurück und tötet die vier Flakhelfer.

Keine größeren Übergriffe

Mit wenigen Ausnahmen kommt es offensichtlich zu keinen größeren Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Eine Vergewaltigung wird von der französischen Armee sofort geahndet, kurz nach der Tat werden zwei Soldaten vor dem Obertor erschossen.

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Die angespannte Stimmung an diesem Tag erwuchs weniger aus Furcht vor den Franzosen als vielmehr vor den unberechenbaren und versprengten SS-Leuten. Bedenkt man die Vorgänge in den umliegenden Orten – in Singen wurde am 23. April Bürgermeister Bäder von Radolfzeller SS-Leuten aufgehängt, weil er sich gegen eine Verteidigung der Stadt stellte – so lässt sich erahnen, welche Furcht herrschte und welches Risiko jene auf sich nahmen, die sich für die Übergabe der Stadt einsetzten.