Mit einem Benefiz-Konzert zu Gunsten der Radolfzeller Tafel und damit für die bedürftigsten Bürger in der Stadt schloss die Stadtkapelle Radolfzell mit einem herausragenden Adventskonzert in der Meinradskirche ihr Jubiläumsjahr zum 250-jährigen Bestehen des Orchesters ab. Den Auftakt zu dem festlichen und bis in das Mark treffende Konzert der oberen Leistungsklasse gestaltete das Jugendblasorchester (JBO).

In einer Rede erinnerte Oberbürgermeister Simon Gröger an den Tod von Ladislaus Vischi am 1. November diesen Jahres. Vischi starb im Alter von 67 Jahren. Simon Gröger würdigte in seiner Gedenkrede die weitreichende Leistung des ehemaligen Dirigenten beider Orchester, durch sein Wirken habe er nicht nur die beiden Orchester ganz entscheidend geprägt, sondern die Radolfzeller Musiklandschaft. Das emotionsreiche Konzert beider Orchester dirigierte Kuno Rauch.

Breitgefächertes Programm

Das Jugendblasorchester startete mit dem Meisterstück „A Festival Prelude“ des US-amerikanischen Komponisten Alfred Reed. Die opulente Eröffnungssequenz mit Cymbal- und mehreren Paukenschlägen wurde mit Trompetenfanfaren fortgeführt und von den Holz- und Blechbläsern sowie den Querflöten mit rasantem Schwung aufgegriffen. Das breitgefächerte Werk führte mit reicher Textur für Holzbläser, Hörner und Saxophone durch ruhigere Gegensätze und mündete schließlich mit Höhepunkten für Trompeten und Hörner.

Kuno Rauch dirigiert fabelhafte Jungmusiker des Jugendblasorchester beim traditionsreichen Adventskonzert.
Kuno Rauch dirigiert fabelhafte Jungmusiker des Jugendblasorchester beim traditionsreichen Adventskonzert. | Bild: Georg Lange

„Imagasy“ ist ein Kofferwort bestehend aus Imagination (Vorstellungskraft) und Fantasy (Fantasie). Laut dem Komponisten des gleichnamigen Werks, Thiemo Kraas, liege der Ursprung aller Kreativität in der Vorstellung und der Illusion. Sehr klangvoll und emotional gehalten und mit sehr vielen verspielten Attitüden für nahezu jedes Instrument verwob das JBO Kraas‘ Werk mit dem Titel zu einem teils wehmütigen und teils heiteren Klangteppich.

Viel Applaus für die Jugend

Der Name des Werks „New Baroque Suite“ vom Komponisten Ted Huggens aus den Niederlanden führte dagegen ein wenig in die Irre. Mutmaßlich nach barrocken Motiven komponiert klang die temperamentvolle Komposition eher nach einem modernen, vollmundigen Medley mit barrocken Einsprengseln durch die solistischen Auftritte aus dem Orchester.

Fast schon humoristisch und sich selbst aufs Korn nehmend, rutschte beispielsweise im ersten Finale ein von Trompeten und Schlagzeug dominierter Ragtime in eine Blechbläser-Etüde à la Bach und über den Jazz zurück in einen ausladenden Barockstil – und das innerhalb weniger Sekunden. Die Aufführung zeigte Stilsicherheit in den Variationen, eine hohe Qualität des JBOs und wurde ebenso wie die übrigen vom Publikum mit einem anhaltenden Applaus belohnt.

Aufruf zum Frieden auf Erden

250 Jahre Stadtkapelle Radolfzell und ein krönender Abschluss des Jubeljahrs mit Werken aktueller Komponisten aus den Niederlanden, Belgien und dem Vereinigten Königreich verwöhnten die Ohren, die Seele und den Geist. Das dargebotene Werk „Et In Terra Pax“ des belgischen Komponisten Jan van der Roost begann etwas düster angehaucht mit Schlagwerk, Bläsern und durcheinander gewürfelten Worten von Musikern der Stadtkapelle.

Sämtlichen Werken beim Adventskonzert der Stadtkapelle Radolfzell und des Jugendblasorchesters zollte das Publikum mit viel Applaus ...
Sämtlichen Werken beim Adventskonzert der Stadtkapelle Radolfzell und des Jugendblasorchesters zollte das Publikum mit viel Applaus Respekt vor dem Können der Musiker. | Bild: Georg Lange

Die unkenntlichen Laute strukturierten sich im Verlauf des ersten Teils rhythmisch zur synchronisierten Massenstimme, die zum Frieden auf Erde aufrief. Die anfänglich traurig klingende Melodie führte zu einer Klangexplosion des Orchesters und fiel urplötzlich auf dessen Anfang zurück – in dem nun ein Erzähler ein vom Orchester begleitetes Gedicht des Dichters Charles Hamilton Sorley in englischer Sprache vorlas.

In dem Sonett wurde die Grausamkeit und Sinnlosigkeit eines Kriegs in treffende Worte gefasst. Immer wieder wurde im Stück der Wunsch nach einem Frieden auf Erden wiederholt, bis die aufgeladene Eröffnung letztlich einer in Klängen und Worten verpackten Hoffnung wich. Ein sehr langer Applaus schloss den Auftakt des dreiteiligen Adventskonzerts von der Stadtkapelle ab.

Stadtkapelle zeigt sämtliche Register

Obwohl auch die Einleitungssequenz von „Choral Music“ des Komponisten Jacob de Haan mit seiner Eröffnung im Stil eines Monumentalfilms nicht sofort an klassische Choralbegleitung erinnerte, so mündete das Werk mit wiederkehrenden Verweisen immer wieder in die Melodie des Chorals „Sollt ich meinem Gott nicht singen“ von Johannes Schop. Hier wie im Vorgängerstück präsentierte auch das Schlagwerk seine Kunstfertigkeiten im Zusammenspiel und als Taktgeber bis hinein ins rasante Finale.

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Im Werk „Choral and Variations“ des Briten Philip Sparke zeigten sämtliche Register der Radolfzeller Stadtkapelle ihr Können. Die dunkleren und tieferen Register stellten den Choral vor, der von lyrischen Variationen im Tenor-Register abgelöst wurde und in einen heiteren und flotten Melodienlauf mündete. Das Duett der Klarinette mit sehr hoch klingendem Schlagwerk erweckte kurz den Eindruck wie bei einer erwartungsvollen Übergabe weihnachtlicher Geschenke. Sie wurden im zweiten Teil vom gesamten Orchester abgelöst.

Hohe Holzbläser dominierten den dritten Teil. Zunächst verhalten eingesetzt führten sie mit Blechbläsern und Pauken das Werk in einen triumphalen Schluss. Ihren Respekt vor der grandiosen Aufführung zollten die Besucher mit einem eineinhalb Minuten andauernden Applaus, ehe die beiden Orchester gemeinsam ihre traditionelle Zugabe „Macht hoch die Türe“ zum Mitsingen für das Publikum gaben.

Emotionen reißen Publikum mit

Im Gespräch mit dem SÜDKURIER bestätigte Dirigent Kuno Rauch den überaus emotionalen Charakter der Werke, die manch einen Besucher mit aufkommenden Tränen kämpfen ließen. Eine Besucherin wurde derart überwältigt, dass sie das Konzert sogar vorzeitig verlassen musste. Ein Musiker der Stadtkapelle lobte im Anschluss an das Konzert die Fähigkeit des Dirigenten, die Klangfarben und Mischungen brillant austarieren zu können, sodass sie weder dumpf noch grell klingen würden, sondern die Gefühle berühren können.

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Musik gehe einfach ins Herzen, kommentierte im Nachgang auch der erste Vorsitzende der Stadtkapelle, Thomas Späth: „Wir hatten heute Musikstücke gespielt, die sicherlich nachdenklich machen.“ Es war ein krönender Abschluss zur 250-Jahr-Feier der Stadtkapelle Radolfzell.