Worauf die aufgeklärte Welt entsetzt blickt, ist die Verrohung der Sitten in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter. Da rutschen Politiker mal auf der Maus ab oder ein Präsident spielt mit dem roten Knopf. Brave Bürger pöbeln mit einem Vokabular, das kaum an eine gute Kinderstube erinnert. An der Tastatur lebt der Mensch enthemmter. Das gilt – leider – auch für E-Mails im geschäftlichen Bereich. Nicht selten hac­ken die Verfasser elektronischer Briefe ihren Zorn ungefiltert in die Tasten. Und ab geht die elektronische Post, mit all ihren Fehlern, die von allzu viel Blutdruck künden. Für den Empfänger selten schön, für den Absender mitunter hinterher peinlich.

Das alles ist zu beheben, wenn die Post und ihre Aussagen eine Sache zwischen Sender und Empfänger bleiben. Im Radolfzeller Rathaus haben die rohen Sitten der E-Mail-Sprache eine neue Dimension erreicht. Weil Oberbürgermeister Martin Staab seine E-Mail an Bürgermeisterin Monika Laule keine zwanzig Minuten später an alle Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat "vertraulich" weitergeleitet hat, wird diese Angelegenheit für ihn zum Verhängnis. Über Wortwahl und Vorwürfe hätten vielleicht alle Stadträte noch hinweggeschaut, nicht aber über einen Umstand, der laut Strafgesetzbuch eine Straftat darstellt: Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer als Amtsträger die Vertraulichkeit des Wortes verletzt. Der OB hat seiner Bürgermeisterin schriftlich gedroht, dass es einen Tonmitschnitt über "ihre Lügen" gebe.

Nun gibt es zwei Ansichten im Gemeinderat. Die einen sagen, das hätte die Bürgermeisterin selbst mit dem OB und der Rechtsaufsicht klären sollen. Die Mehrheit oder 14 Stadträte entschlossen sich, den Vorgang publik zu machen, weil ein offensichtlicher Rechtsbruch die Vertraulichkeit aufhebe. Für beide Sichtweisen gibt es Argumente, nun ermittelt der Staatsanwalt. Nur auf höhere Staatsmächte zu setzen, wird dem Gemeinderat auf Dauer nicht helfen. Wie beschied ein Sachbearbeiter im Regierungspräsidium auf Nachfrage: "Wir können nicht bei jedem Streit den Friedensrichter spielen."

Das ist die politische Gefechtslage: Der OB wird bei der Suche nach Mehrheiten für die Stelle eines Baubürgermeisters mit diesem Vorfall kaum punkten. Streiche die Stelle der Sozialbürgermeisterin und bekomme einen Baubürgermeister – diese Rechnung geht nicht auf. Die CDU hat deutlich gemacht, dass sie sich ihre Bürgermeisterin nicht aus dem Amt drängen lässt. Monika Laule will sich einer Wiederwahl durch den Gemeinderat 2019 stellen, Martin Staab will 2021 für eine zweite Amtsperiode als OB wiedergewählt werden. Ob diese Ziele mit rohen Sitten zu erreichen sind, darf bezweifelt werden.