Radolfzell – Und sie bewegen sich doch. Stadtverwaltung und Gemeinderat Radolfzell haben in seltener Einmütigkeit und Einstimmigkeit das Programm "Bezahlbarer Wohnraum und Anschlussunterbringung" auf den Weg gebracht. Es soll ein dezentraler sozialer Wohnungsbau werden, der mit kleineren Einheiten verwirklicht wird (siehe auch untenstehendes Erklärstück).

An dreizehn Standorten ist eine Durchmischung von finanziell schwächer gestellten Menschen mit einer Anschlussunterbringung für Geflüchtete vorgesehen. Eine Einschränkung hat Sozial-Bürgermeisterin Monika Laule in der Gemeinderatssitzung erläutert: "Pro Standort wollen wir maximal acht bis zehn Wohneinheiten mit einer Durchmischung umsetzen." Ohne Anschlussunterbringung soll der Standort Strandbadstraße neben dem Spielplatz verwirklicht werden. Oberbürgermeister Martin Staab ergänzte: "Es ist noch nicht gesichert, dass alle Standorte funktionieren. Wir hoffen aber, die richtige Auswahl getroffen zu haben."

Die Wiese an der Ecke Schlesierstraße/Ostlandstraße gehört der Stadt: Hier sollen in Nachbarschaft zu einem Supermarkt drei dreigeschossige Gebäude mit insgesamt 18 Wohnungen errichtet werden.
Die Wiese an der Ecke Schlesierstraße/Ostlandstraße gehört der Stadt: Hier sollen in Nachbarschaft zu einem Supermarkt drei dreigeschossige Gebäude mit insgesamt 18 Wohnungen errichtet werden. | Bild: Becker, Georg

Bis es zu dieser Entscheidung gekommen ist, gab es mehrere Anläufe, eine Anschussunterbringung in größerem Ausmaß auf dem Gelände des Spielplatzes in der Strandbadstraße unterzubringen. Dort, so glaubte die Verwaltung, sei auf einem städtischen Grundstück schnell eine Anschlussunterbringung mit Containern oder in Modulbauweise unterzubringen. Das führte zur Gründung einer Interessengemeinschaft mit vielen Eltern und Anwohnern, die sich für den Erhalt dieses Spielplatzes einsetzten. Nach einigen Planungs- und Beratungsrunden in verschiedenen Ausschüssen kassierte OB Staab Anfang Juli diesen Plan. "Es war ein Fehler, ein Spannungsfeld zwischen Kinderspielplatz und Anschlussunterbringungen entstehen zu lassen", begründete Staab seine Entscheidung.

In der Beratung ging SPD-Stadtrat Norbert Lumbe noch einmal auf diese Entwicklung ein: "Im ersten Anlauf sind wir grandios gescheitert." Es sei von beiden Seiten Fehler gemacht worden: "Von Verwaltung und Gemeinderat." Man könne keine Entscheidung über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg fällen. "Jetzt haben wir Information und Klarheit." Und, sagte Lumbe: "Wir wollen Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedingungen die Möglichkeit geben, Wohnraum zu erlangen."

Aus allen Fraktionen gab es Lob für den Bürgerworkshop mit den Anliegern in der Strandbadstraße. "Der ist überraschend gut gelaufen", stellte Siegfried Lehmann (Freie Grüne Liste) fest. Martina Gleich (CDU) erinnerte daran, dass ohne die Spielplatzinitiative diese Vorlage für bezahlbaren Wohnraum in Radolfzell nicht entstanden wäre. Sie und Nina Breimaier (FGL) vertraten die Ansicht, dass dieses Grundstück schon mit Blick auf das in der Nähe zu bauende Pflegeheim in städtischer Hand bleiben sollte. Während Jürgen Keck (FDP) mit dem Verkauf der Fläche die Baumaßnahmen finanziert hätte.

Dietmar Baumgartner (Freie Wähler) holte zu einer kleinen Grundsatzrede aus und schloss mit dem Punkt: "Die Integration muss gelingen, um den sozialen Frieden nicht zu gefährden." Bei Stefan Neumeirs (CDU) Stellungnahme ging ein Raunen durch den Bürgersaal: "Endlich mal eine gute Vorlage von der Stadtverwaltung."

Die Stadt will "vernünftige" Häuser bauen

  • 183 Wohneinheiten sind in der Vorschlagsliste der Stadtverwaltung Radolfzell für bezahlbaren Wohnraum aufgelistet. Wie Baudezernatsleiter Thomas Nöken berichtete, habe die Verwaltung "sämtliche städtischen Grundstücke einem Schnellcheck unterzogen". Nach dieser Prüfung kommen diese Standorte in die Auswahl: 1. Quartiersplatzrandbebauung Stadterweiterung Nord, 2. Stadterweiterung Nord, zweiter Bauabschnitt, 3. Ecke Ostlandstraße/Schlesierstraße, 4. Östlicher Rand des Parkplatzes Friedrich Hecker-Gymnasium, 5. Quartier Josef-Bosch-Straße, 6. Neubaugebiet Hübschäcker in Böhringen, 7. Neubaugebiet im Tal in Markelfingen, 8. Fritz-Kleiner-Straße in Böhringen, 9. Neubaugebiet Stürzkreut Süd, 10. Schoch-Areal in der Stockacher Straße, 11. Flurstück 2230 in Stahringen, 12. Baugebiet Hübschäcker in Böhringen an der Ecke Freiherr-vom-Stein-/St.-Nikolaus-Straße, 13. Platz neben dem Rathaus in Möggingen, 14. Wohnaus in der Strandbadstraße.
  • Parkplatz am Hecker-Gymnasium: Obwohl die Vorschlagsliste einstimmig vom Gemeinderat auf den Weg gebracht worden ist, zeigte sich in der Beratung, dass der Standort östlicher Parkplatz vor dem Friedrich-Hecker-Gymnasium kritisch beurteilt wird. Der Wegfall von mindestens 21 Stellplätzen dort sei auch wegen der Besucherfrequenz in die Unterseesporthalle nur schwer zu verkraften.
  • Immer Ärger mit Modulen: Die Verwaltung hat mit dem Begriff Modulbauweise selbst die Fährte gelegt. Immerhin war man im Gemeinderat schon froh, über den Stand von Wohncontainern hinweggekommen zu sein. Dennoch wollte OB Martin Staab eins gesagt wissen: "Zur Klarstellung: Es werden vernünftige Häuser gebaut." Auch der Begriff der Wohneinheiten schmeckte Staab nicht: "Für mich sind das immer noch Wohnungen."
  • Stadt als Mieter oder Käufer: Auch künftig will die Stadt Radolfzell als Erstmieter für die Anschlussunterbringung auf dem Wohnungsmarkt auftreten. Dafür will sie selbst Wohnungen anmieten oder "geeignete Mehrfamilienhäuser" erwerben. Dieses Modell hat die Stadt bereits bei zwei ehemaligen Gasthäusern in Markelfingen und Böhringen praktiziert.