700 Lehrerstellen bleiben in Baden-Württemberg laut Kultusministerium zum neuen Schuljahr unbesetzt, in Radolfzell und auf der Höri ist von diesem Lehrermangel allerdings wenig zu spüren: Zum neuen Schuljahr ab kommenden Montag, 10. September, starten Schulen mit ausreichend Lehrerwochenstunden. Wenn auch teils kurzfristig, konnten bisher fehlende Lehrkräfte ersetzt werden. Das bestätigen Schulleiter im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Karlheinz Deußen ist Amtsleiter des staatlichen Schulamts in Konstanz, das auch für die Lehrer in Radolfzell und auf der Höri zuständig ist. Er fasst kurz zusammen: "Wir kommen gerade über die Runden."

Auflösung der Teggingerschule vom Tisch

Vor wenigen Monaten sah das noch anders aus: An der Tegginger-Werkrealschule in Radolfzell fehlten 20 Lehrerwochenstunden, an der Hermann-Hesse-Schule in Gaienhofen ebenso. Beide Schulleiter äußern sich heute aber zufrieden: "Erstaunlicherweise hat es geklappt, ich war hocherfreut", sagt Günter Aßfalg für Gaienhofen. Im vergangenen Jahr sei kurzfristig eine Lehrerin ausgefallen und er habe das gesamte Jahr unterbesetzt bestreiten müssen, nun begrüßt Aßfalg fünf neue Lehrer. Norbert Schaible konstatiert für die Teggingerschule: "Unser Bedarf ist gedeckelt." Für den Schulleiter gibt es noch einen weiteren Lichtblick: Nachdem wegen geringer Anmeldungen für die fünfte Klasse mittelfristig die Schließung der Teggingerschule drohte, kann mit inzwischen 18 Anmeldungen nun eine reguläre Klasse entstehen. "Wir können wieder ein Jahr weiter planen und die Auflösung ist vom Tisch."

Stundenplan funktioniert dank Nichterfüllern und Abordnungen

Norbert Schaible kann auch dank einer sogenannten Nichterfüllerin vorerst sorglos für 35 Lehrer und 380 Schüler planen. "Wenn wir diese Kollegin nicht hätten, würden uns Stunden fehlen." Als Nichterfüller werden Lehrer ohne Lehramtsstudium bezeichnet, die meist nur von einem Jahr zum nächsten beschäftigt werden. Die Zusage dafür kam allerdings erst am Montag, also eine Woche vor Schulbeginn. Schulamtsleiter Karlheinz Deußen bestätigt, dass sie mit befristeten Verträgen arbeiten, um den Bedarf zu decken. Laut Landeskultusministerium besteht der Bedarf besonders durch Pensionierungen und fehlenden Nachwuchs. Und laut Schulamtsleiter Karlheinz Deußen steht der Landkreis Konstanz dabei noch besser da als etwa der benachbarte Landkreis Tuttlingen.

Schulleiterin Ulrike Heller vom Friedrich-Hecker-Gymnasium freut sich auf den Schulstart.
Schulleiterin Ulrike Heller vom Friedrich-Hecker-Gymnasium freut sich auf den Schulstart. | Bild: Johannes.Renner

Ein übliches Mittel für eine möglichst gute Abdeckung der nötigen Lehrerwochenstunden ist es, Lehrer quasi auszuleihen: "Wir sind 100-prozentig abgedeckt, weil wir für ein Jahr von einem Kollegen aus Singen unterstützt werden", sagt Ulrike Heller als Leiterin des Friedrich-Hecker-Gymnasiums. Das sei ein Geben und Nehmen – das FHG sei zum Beispiel im Bereich Kunst überversorgt und gebe eine halbe Stelle nach Stockach ab. Auch an der Gerhard-Thielcke-Realschule kann der Bedarf dank eines Wechsels gedeckt werden, wie Rektorin Gabriele Wiedemann erklärt: Fünf neue Kollegen werden an die Schule kommen. "Der Pflichtbereich ist komplett abgedeckt, es gibt einzelne Angebote im AG-Bereich", fasst die Rektorin zusammen.

Unterrichtsausfall kündigt sich an

Schwierig wird es an allen befragten Schulen, falls ein Lehrer krank oder eine Lehrerin schwanger wird. "Für kommende Ausfälle haben wir noch keine Perspektive", sagt Angelika Haarbach von der Ratoldus-Gemeinschaftsschule. An ihrer Schule wurden vier Stellen neu besetzt, insgesamt kommen dafür acht neue Lehrer – zwei davon wurden versetzt, sechs starten ganz neu. 34 Lehrer kümmern sich dann um 360 Schüler. Weil die Gemeinschaftsschule nach und nach wächst, bräuchten sie in jedem Jahr stetig Verstärkung. In diesem Jahr starte beispielsweise erstmals die achte Klasse. Auch am FHG kündigt sich ein Stundenausfall bereits an: "Sobald ein Krankheitsfall auftritt, gibt es keine Vertretung", sagt Ulrike Heller. Der Vertretungspool sei vor einigen Jahren abgeschafft worden, damit sei Unterrichtsausfall etwa während einer Grippewelle vorprogrammiert. Bei Eltern sorge das jedes Jahr im Winter und Frühjahr für Unmut, im Elternbeirat sei das dann Hauptthema. "Wir sind aber noch gut dran im Gymnasialbereich", sagt Heller.

Grundschulen haben genügend Lehrer, aber keine Zeit für Extras

Doch wie sieht die Situation an den Grundschulen aus, wo es laut Kultusministerium landesweit für 1650 freie Stellen erst 1280 Lehrer gibt? Sie seien mit fünf Lehrern für 75 Schüler recht gut versorgt, sagt Klaus Rieger als Leiter der Grundschule in Güttingen. "Im Moment muss man ja froh sein, wenn der Pflichtunterricht versorgt ist." Noch sei aber eine Abordnung möglich für eine Schule, an der ein größeres Defizit herrsche. Rieger bemängelt, dass Pflichtstunden allein aber nicht genügen – es fehle grundsätzlich die Zeit für Extras: "Auch in einer Dorfschule ist Förderunterricht für viele Kinder nicht unwichtig", sagt der Schulleiter.

Klaus Rieger, Leiter der Grundschule Güttingen, an seinem Schreibtisch.
Klaus Rieger, Leiter der Grundschule Güttingen, an seinem Schreibtisch. | Bild: Johannes Renner

In Markelfingen ist der Bedarf bis auf eine Stunde ebenfalls gedeckt, wie Schulleiterin Johanna Seib berichtet. Und für Böhringen ist Schulleiterin Alexandra Biechele teils selbst aktiv geworden: "Wir haben seit Dezember auch selbst Lehrkräfte gesucht und sind fündig geworden." Daher könnten sie gut ins neue Schuljahr starten.

Auch Privatschule muss nach Lehrern suchen

Die Schule Schloss Gaienhofen geht als Privatschule anders vor als staatliche Schulen und sucht Lehrer auf dem freien Stellenmarkt statt über das Schulamt. Alle Stellen konnten laut Schulleiter Dieter Toder besetzt werden, 70 Lehrer kümmern sich um 761 Schüler. "Wir merken nur, dass die Bewerbungen von Realschullehrkräften dünner sind als in den vergangenen Jahren", sagt Toder. Im vergangenen Jahr habe sich gar kein Realschullehrer beworben.

Das sagt das Kultusministerium

  • Lehrer gesucht: "Wir suchen immer noch Lehrkräfte für die Grundschulen, dafür gerne auch Gymnasiallehrkräfte, aber auch Lehrerinnen und Lehrer für weiterführende Schulen in weniger gut versorgten Regionen“, teilt Kultusministerin Susanne Eisenmann zum Schulbeginn mit. Das reguläre Einstellungsverfahren laufe noch bis 30. September, auch danach würden aber Lehrer eingestellt. Teils sind die Bewerber in ihren Augen nicht flexibel genug: „Wir könnten zahlreiche Stellen problemlos besetzen, wenn wir Bewerberinnen und Bewerber hätten, die flexibel und mobil sind, aber das geografische Beharrungsvermögen von Junglehrern ist erstaunlich.“
  • Reaktionen: Wie bereits im Jahr 2017 zeichnet sich laut Landeskultusministerium erneut ein Bewerbermangel in den Lehrämtern Grundschule, Sonderpädagogik sowie erstmals regional im Lehramt Werkreal-, Haupt- und Realschule ab. „Wir müssen erneut zu Maßnahmen wie Versetzungen greifen“, sagt Ministerin Susanne Eisenmann. Bis jetzt wurden demnach knapp 1500 Versetzungen und Abordnungen zugunsten schwächer versorgter Regionen vorgenommen. Außerdem würden rund 2000 Menschen mit befristeten Verträgen beschäftigt.
  • Vor Ort: Im Landkreis Konstanz gibt es Stand Anfang September noch zwischen 31 bis 50 Einstellungsmöglichkeiten an Grundschulen sowie zwischen sechs und zehn an weiterführenden Schulen. Das zeigt eine Grafik des Kultusminsteriums.