Der Zweite Weltkrieg hinterließ in Deutschland weitaus größere Zerstörungen als der erste. In den 1950er-Jahren setzte dann wieder eine wirtschaftliche Aufwärtsbewegung ein, begünstigt durch amerikanische Hilfe, eine positive Entwicklung der Weltkonjunktur und ein erhöhtes Leistungsvermögen der modernen Technik. Bis zur Währungsreform 1948 konnte für den Wiederaufbau nichts Wesentliches getan werden. Doch 1950 wurde in Deutschland das neue Wohnungsbaugesetz verabschiedet, das den Bau von 1,8 Millionen Wohnungen innerhalb von sechs Jahren vorsah.

Die westliche Bodenseeregion ist von Zerstörungen weitgehend verschont geblieben. Trotzdem wurde auch in Radolfzell in den 50er-Jahren vor allem der Wohnungsbau vorangetrieben sowie Bauten größerer Geschäftsgebäude und städtischer Komplexe, die das Stadtbild bis heute prägen. Am 7. Juni 1958 wurde die Mettnaukur eröffnet. Im Oktober desselben Jahres wurde die Zentralkläranlage am Markelfinger Winkel in Betrieb genommen.


Am 25. Juli 1959 zog die Bezirkssparkasse Radolfzell vom Verwaltungsgebäude an der Ecke Teggingerstraße/Fürstenbergstraße in das neugebaute Sparkassengebäude am Marktplatz. Auf dem Foto der SÜDKURIER-Ausgabe des 25. Juli 1959 ist eine im Halbkreis gebaute Schalterhalle zu sehen. "Modern, sachlich und doch hübsch" lautet die Bildunterschrift. Der ausgesprochen schlicht gehaltene, weite Eingangsraum ist von riesigen, kreisrunden Deckenleuchten erhellt. Stünden nicht die vier nierenförmigen Stühle im typischen Stil der 50er-Jahre um das kleine Tischchen in der Mitte des Wartebereichs, könnte man das Bauwerk für einen Innenraum aus neuerer Zeit halten.

Kubische Formen prägen die Architektur in den 50er-Jahren. Gleichförmige Fensterreihen, oftmals senkrecht untereinander angeordnet, bestimmen das Aussehen vieler Fassaden. Im diesem Baustil ist auch die Meinradskirche (1957) und die Einsegnungskapelle auf dem 1956 angelegten Waldfriedhof gebaut.

Siegfried Stier – Zimmermann, Architekt, Zeitzeuge und Mahner

An den Bau des Kolpinghauses zu Beginn der 1950er-Jahre kann sich der in Radolfzell arbeitende Architekt Siegfried Stier noch gut erinnern. Damals selbst in der Kolpingfamilie aktiv, war er als Geselle in der Zimmerei Hirling beim Bau des Dachstuhls beteiligt. Er erzählt, in den ersten Jahren nach Kriegsende sei Bauholz in der Umgebung knapp gewesen.

Die französische Besatzung habe viel des einheimischen Holzes in die Schweiz verkauft. Um Material zu sparen, wurden Balken in T-Form aneinandergenagelt und -geleimt, anstatt große Holzquerschnitte zu verwenden. "Damals war die Arbeitskraft günstig und das Material teuer. Heute ist es genau andersrum", berichtet Stier. Ziegelsteine seien ebenfalls für viele Bürger unerschwinglich gewesen. Mancher Bauherr stellte daher Hohlblocksteine aus Hochofenschlacke selbst her, bevor es an die Errichtung des Eigenheims ging.

1958 machte Siegfried Stier sich als Architekt selbstständig. Zunächst allein am Reißbrett und an der Schreibmaschine seines Vaters. Doch bald wuchs sein Unternehmen. Nach einigen Jahren beschäftigte er zehn Mitarbeiter. Viele Aufträge bekam er in den Anfangsjahren seiner Tätigkeit vom Siedlungswerk Neue Heimat. Die Erzdiözese Freiburg war der Bauherr, erläutert Stier. Gebaut wurden kleine Doppelhäuser für Familien mit geringem Einkommen in der ganzen Region von Konstanz über Radolfzell bis Singen. In Radolfzell stehen die Häuser der Genossenschaft bis heute in der Altbohlsiedlung, an der Gnadenseestraße in Markelfingen und in Böhringen. Etwa zur gleichen Zeit seien auch die großen Wohnblocks in der Nähe der Kaserne entstanden, erinnert sich der Architekt.

Des Weiteren wurde in den 50ern die Grundlage für städtebauliches Wachstum in Radolfzell gelegt. Für das im Norden gelegene Weinburg- und Stürzkreutviertel sowie den Stadtteil Stockteil wurden Baupläne erstellt. Auch für die Halbinsel Mettnau wurde Anfang der 50er Jahre ein Bebauungsplan festgelegt, der aufgrund von Bürgerklagen im Jahr 1955 wieder zurückgenommen wurde, so Stier.

In der Ortsmitte ist Radolfzell nicht geprägt von der Architektur der 50er Jahre, doch an prominenten Stellen wie auf dem Marktplatz mussten historische Gebäude dem damaligen Zeitgeist weichen. Stier, der sich unter anderem für den Erhalt und eine behutsame Sanierung mehrerer historischer Gebäude in der Innenstadt stark machte, meint: Neubauten, an historisch empfindlichen Stellen, sollten die Formensprache des ehemaligen Gebäudes aufnehmen, um das Ambiente nicht zu stören.