Die geschundene Landschaft eines Kiesabbaugebietes auf Radolfzeller und Singener Gemarkung bietet viel mehr Tieren und Pflanzen einen natürlichen Lebensraum, als man es erwartet. Das wurde jetzt bei einem Besichtigungstermin der Grünen-Landtagsabgeordneten Nese Erikli im Betrieb Meichle und Mohr deutlich. Dort machte sich die Politikerin ein Bild davon, wie der Abbau der Rohstoffe vonstatten geht und welche Auswirkungen sich mittel- und langfristig daraus ergeben.

Kiesabbau seit dem Jahr 1973

Im Falle des Abbaugebietes am Standort Radolfzell – im Randgebiet zu Singen und Steißlingen – wird aus dem insgesamt rund 130 Hektar großen Areal in etwa 70 Jahren ein fast ebenso großer See entstanden sein. Der Anfang dazu ist bereits gemacht. Das 1924 gegründete Unternehmen baut seit 1973 in Radolfzell Kies ab. Seit zehn Jahren findet der Abbau teilweise als Nassabbau statt. Dabei schwimmt ein riesiger Kran auf einer Wasseroberfläche, um das begehrte Material aus dem Erdreich zu holen.

Nese Erikli, Landtagsabgeordnete der Grünen, im Gespräch mit Rolf Mohr (links) und Umweltstaatssekretär André Baumann (rechts).
Nese Erikli, Landtagsabgeordnete der Grünen, im Gespräch mit Rolf Mohr (links) und Umweltstaatssekretär André Baumann (rechts). | Bild: Gerald Jarausch

Der See um den Kran wächst ohne Unterlass. Bei dem smaragdgrün schimmernden Wasser handelt es um Grundwasser, dass das immer größer werdende Loch füllt. Schon jetzt ist die Oberfläche des Gewässers etwa zehn Hektar groß. Wenn das Kiesvorkommen an dieser Stelle irgendwann erschöpft ist, soll der See eine Fläche von rund 120 Hektar bedecken – das entspricht in etwa dreimal der Größe der Insel Mainau. Wenn es nach den Beteiligten geht, sollen sowohl der künftige See als auch der gesamte Randbereich möglichst der Natur überlassen werden.

Viele gefährdete Tiere

Schon jetzt ist das Abbaugebiet zu einem Refugium für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten geworden, wie Landschaftsökologe Jürgen Trautner bei der Führung über das Gelände erläuterte: „Hier haben sich viele gefährdete Tiere angesiedelt. Man findet Kreuzkröten, Gelbbauchunken und über 160 Laufkäferarten“, ließ er wissen. Grund dafür ist die Beständigkeit der Landschaft. Denn in Bereichen, in denen aktuell kein Trockenabbau mehr stattfindet, entwickeln sich ähnliche Landschaften, wie man sie von Flüssen kennt. Genau solche nährstoffarme Zonen gibt es in Europa kaum noch in der freien Natur.

Glücklicherweise unterscheiden Tiere und Pflanzen da weniger, als es Menschen tun: „Den Pflanzen und Tieren ist das egal, Hauptsache es ist da“, stellte der ebenfalls eingeladene Umweltstaatssekretär André Baumann fest. Für ihn gilt es, die verschiedenen Interessen der Beteiligten unter einen Hut zu bringen. Denn der Bedarf an Baurohstoffen steigt nach wie vor.

Kies wird in der Region verwendet

Das hat man auch bei Meichle und Mohr bemerkt. Die starke Konjunktur hat im vergangenen Jahr dazu gesorgt, dass man in Radolfzell mehr Kies abgebaut hat, als man geplant hatte: „Wir haben 2018 eine Million Tonnen abgebaut. Damit waren wir am Anschlag“, sagte Seniorchef Rolf Mohr. Immerhin wird das Material in der Region verwendet und nicht aufwändig an andere Orte transportiert. Der Kundenradius liegt bei Meichle und Mohr bei rund 40 Kilometern. Rund 15 Prozent des Materials wird in die Schweiz verkauft.

Um den steigenden Bedarf decken zu können, ist der Nassabbau des Kieses die wohl sinnvollste Art. Während man im Trockenabbau vor Ort nur rund elf Meter abtragen kann, fördert der Schwimmbagger das Material aus einer Tiefe von bis zu 60 Metern an die Oberfläche. Und das in einem beeindruckenden Tempo. Im Takt von ein bis zwei Minuten fördert die mächtige Baggerschaufel eine Menge von bis zu 24 Tonnen vom Grund des Gewässers an die Oberfläche. Das entspricht in etwa der Fördermenge, die ein großer Lastwagen transportieren kann. Außerdem fällt der Flächenverbrauch im Nassabbau deutlich geringer aus, da man deutlich mehr Material pro Quadratmeter Bodenfläche gewinnen kann.

„Einen Tod muss man sterben“

Nicht zuletzt aus diesem Grund hält André Baumann diese Abbaumethode für die sinnvollste: „Einen Tod muss man sterben“, sagt er mit Blick auf die naturschutzrechtliche Belange. Denn ein Gewässer wird von den Naturschützern nicht als gleichwertig gegenüber der nährstoffarmen Umgebung gewertet.

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Immerhin kann man dem entstehenden See durchaus etwas Gutes abgewinnen, wie Thomas Körner, Geschäftsführer des NABU Donau-Bodensee erklärte: „Man weiß nicht, wie sich das Gewässer entwickelt. Es kann durchaus sein, dass die Wasservögel vom Bodensee den See für sich entdecken und hier tagsüber ruhen“, sagte er.

100 Millionen Tonnen pro Jahr

Der Rohstoffbedarf an Gesteinen liegt in Baden-Württemberg bei rund 100 Millionen Tonnen pro Jahr. Den größten Anteil haben daran mit jeweils rund 40 Prozent Natursteine sowie Kiese und Sande. Sie werden für den Wohnungsbau, den Verkehrsbau, Düngemittel und viele andere Dinge benötigt.

Gleichzeitig entstehen jährlich über 36 Millionen Tonnen Bau-und Abbruchabfälle. Rund 30 Prozent davon werden tatsächlich wiederverwendet. Der Rest wird als Füllmaterial genutzt oder muss wegen Schadstoffbelastungen auf Deponien entsorgt werden.