Aufgeräumt und lässig. So empfängt Rudolf Bündgen an einem seiner letzten Arbeitstage als Vorsitzender des Schiesser-Vorstands den Besucher im Wintergarten der alten Fabrikanten-Villa. Der Ausblick aus dem ersten Obergeschoss ist seit über 140 Jahren gleich – auf die Hallen der gegenüberliegenden Gussfabrik Allweiler. Der Blick auf die eigenen Firmengebäude ist durch das Grün mächtiger Bäume verdeckt. Viele Konferenzen an diesem langen weißen Tisch mit den Drehstühlen wird Bündgen nicht mehr besuchen. Wenn überhaupt, gestern war sein letzter Arbeitstag, es ruft die Freiheit des Ruhestands. Am Montag, 2. Juli 2018, übernimmt mit Andreas Lindemann ein neuer Vorstandsvorsitzender die Geschäfte beim Textilhersteller in Radolfzell.

Ein Haus auf Rügen

Rudolf Bündgen verlässt das Haus mit einem schönen Gefühl: "Ich bin total zufrieden." Mehr geht kaum nach 25 Jahren Schiesser. Nicht immer hat es so rosig ausgeschaut. Daran, dass es die Marke, das Unternehmen und doch eine beträchtliche Anzahl an Mitarbeitern in Radolfzell noch gibt, hat der Chef einen erheblichen Anteil. Er hat das Unternehmen durch die schwierige Zeit vor, während und nach der Insolvenz 2009 gesteuert. Und deshalb durfte er Schiesser nicht früher verlassen. "Eigentlich wollte ich mit Mitte Fünfzig gehen und was völlig Neues machen, jetzt werde ich im Juli 63." Auch jetzt wagt Bündgen mit seiner Partnerin einen Neuanfang, sie haben ein Haus auf Rügen gekauft. "Ich finde es toll da oben." Dann wollen sie zwischen ihren beiden Häusern am See und auf der Ostsee-Insel wechseln: "Hier explodiert die Natur am 15. April, auf Rügen am 15. Mai."

Von der Kellerei zur Strickwarenfabrik

Neues macht Rudolf Bündgen nicht nervös. Das, so legt sein Lebenslauf nahe, hat er mehrfach gemeistert. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft in Köln probierte der Rheinländer aus Rheinbrohl seine Fähigkeiten beim Gartengerätehersteller Wolf in St. Wendel und in der Edeka-Großkellerei in Bingen aus. Der Job sei richtig gut gewesen mit Geschäftsreisen nach Kanada und in die USA. Ein "Headhunter", wie private Personalvermittler genannt werden, habe ihn dann 1987 zum Strickwarenfabrikant Falke gelotst. Wenn Bündgen zurückblickt, erzählt er Gutes: "Es hat Spaß gemacht, in diesem Familienunternehmen zu arbeiten."

Bündgens Fähigkeiten sprachen sich herum. Zu diesen zählen seine Fremdsprachenkenntnisse. "Englisch, Französisch und Italienisch spreche ich, Skandinavisch und Flämisch kann ich verstehen." Er müsse sich keine große Mühe geben, Fremdsprachen zu lernen. Zumindest ist das nicht hinderlich, wenn sich Bündgen wie bei Falke um den Export kümmern muss: "Wir haben in den vier Jahren, als ich dabei war, Niederlassungen in Frankreich und England aufgebaut."

Schiesser versucht alles, um Bündgen zu bekommen

Herbert Appelt, Anfang der neunziger Jahre Vertriebsvorstand bei Schiesser, wollte Bündgen für den Wäschehersteller gewinnen. Auch er setzte Personalvermittler auf ihn an. Er habe sich mit Händen und Füßen gewehrt: "Unterhosen auf dem Schreibtisch konnte ich mir nicht vorstellen", berichtet Bündgen. Die Unterhändler bewegten ihn zu einem Treffen mit Appelt auf dem Flughafen Düsseldorf. Bündgen beendete das Gespräch mit dem Satz: "Der Flug war umsonst." Appelt aber bestand auf einen Gegenbesuch in Radolfzell. Vielleicht sah Appelt den Widerstand schon bröckeln? Bündgen kam im Sommer 1990, man empfing ihn mit den Worten: "Fühlen Sie sich wie zu Hause, schauen Sie sich alles an." Das habe er gemacht und sei prompt am Abend nach einem Urteil gefragt worden. Seine Antwort: "Sie haben ein tolles Unternehmen, aber das Exportgeschäft ist eine Katastrophe." Damit war Bündgen gefangen: "Irgendwie kam ich aus der Nummer nicht wieder raus." 1991 fing er als Leiter Export bei Schiesser an.

Einmal kam Rudolf Bündgen für kurze Zeit doch noch aus der Schiesser-Nummer raus. 2001 folgte er dem Lockruf des Bekleidungsherstellers S'Oliver, kehrte aber nach zwei Jahren wieder zurück mit dem Versprechen, in den Schiesser-Vorstand aufzusteigen. Es war die Zeit, als Ketten wie Zara oder H&M die Handelswelt verändert hatten. Für den klassischen Kaufhaus-Lieferanten Schiesser waren innerhalb von zehn, fünfzehn Jahren 70 Prozent aller Kunden weggefallen.

In und aus der Krise

Ein weiterer Umstand sollte für Schiesser fatal werden, die Informationstechnik im Hause wurde 2005 auf einen Schlag umgestellt, das Überspielen der Daten habe nicht geklappt: "Wir hatten das komplette Chaos, wir sind monatelang blind gefahren." Die Folge: Die Produktion lief auf Erfahrungswerten und nicht auf realen Bestellungen. "Wir saßen auf Beständen rum und mussten zehn Millionen Teile mit Rabatten in die Märkte drücken."

In dieser Zeit entschied die Eigentümerfamilie Bechtler in der Schweiz, den Chefposten neu zu besetzen. Hauptaktionär Thomas Bechtler habe Bündgen gefragt, "was ich anders machen würde". Bündgen hatte einen Plan: "Besinnen auf alte Stärken, weniger Lizenzgeschäfte, Aufbau von Schiesser-Geschäften und Outlet-Filialen, Qualitätsversprechen einhalten, die eigene Produktion hochhalten." Bechtler übergab den Vorstandsvorsitz zum 1. Januar 2008 an Bündgen mit den Worten: "Wir müssen aufräumen."

Der Gang in die Insolvenz

Der Plan war nur mit langem Atem und Geduld der Kapitalgeber umzusetzen. Mit der Finanzkrise in den USA war es damit vorbei. Die Schiesser-Eigentümer wollten einen Abschlag der Kreditlinien, die Banken aber bestanden auf Einhaltung der Verträge. "Die Finanzierung des Einkaufs war nicht mehr sicher." Ohne Material keine Produktion, kein Verkauf und kein Geld in der Kasse. Deshalb sei die Insolvenz im Februar 2009 beantragt worden.

"Es war die richtige Entscheidung, der Staat hat für drei Monate die Bezahlung der Gehälter übernommen, das hat uns die nötige Luft verschafft." Mit Insolvenzverwalter Volker Grub hätte Schiesser einen Glücksgriff gemacht, er habe das nötige Vertrauen in die Marke Schiesser und in die Strategie der Geschäftsführung mitgebracht. Grubs Ansage lautete: "Sie schauen, dass Sie Schiesser neu erfinden, ich schaue mich nach einem guten Käufer um."

Die Welt wird für Schiesser wieder besser

Grub machte seinen Job und Bündgen machte seinen Job. Der israelische Wäscheproduzent Delta Galil kaufte 2012 Schiesser. Hinter dieser Firmengruppe steht Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender Isaac Dabah. Er komme zwei Mal im Jahr nach Radolfzell und lasse sich alles zeigen. Nachdem Bündgen die ersten Schiesser-Monatszahlen ins Delta-Hauptquartier kabelte, befand Isaac Dabah: "Die Welt ist in Ordnung, die liefern."

Einen Fehler aus dieser Zeit vergisst Rudolf Bündgen nicht. Die Beschäftigten in Radolfzell seien damals in einer Halle des heutigen Seemaxx zu Betriebsversammlungen gerufen worden. Er habe die Belegschaft mit den Worten "Willkommen zur zweiten Stehparty dieses Jahres" zu flapsig begrüßt. "Ich wollte nur die Angst rausnehmen, weil ich wusste, es wird wieder besser." Es kam nicht an und sei ihm lange nachgetragen worden: "Viele brauchen diesen Job und waren für diesen lockeren Spruch nicht empfänglich."

Rudolf Bündgen mit seinem Lieblings-Werbemotiv von Schiesser. Bild: Georg Becker
Rudolf Bündgen mit seinem Lieblings-Werbemotiv von Schiesser. | Bild: Becker, Georg

Nicht jeder hat die Lässigkeit und das Selbstbewusstsein eines Rudolf Bündgen, der in jeder Lage empfiehlt: "Unabhängig bleiben und Realitäten sehen." Zu diesen Realitäten gehört für den scheidenden Chef: "Leider machen es nicht immer alle so, wie ich es machen würde, aber das muss ich ertragen."