Was ist ein Meisterkurs? Ist da ein Meister, der unterrichtet? Oder wollen die Aspiranten Meister werden? – Ich bin gespannt, was der einwöchige Meisterkurs Dirigieren im Rahmen der Internationalen Sommerakademie in Radolfzell den fünf jungen Damen und drei Herren bringen wird. Am Freitagabend wird es das Publikum beim Abschlusskonzert erfahren.

Johannes Schlaefli ist Professor für Orchesterleitung an der Zürcher Hochschule der Künste und als weltweit tätiger Dozent sicher ein Meister seines Fachs. Und er leitet den Kurs seit seinem Beginn. Mit dabei und unverzichtbar ist die Südwestdeutsche Philharmonie, denn die 65 Profis nehmen es in Kauf, Passagen zig-mal spielen zu müssen, sich immer wieder auf eine neue und vielleicht ungewöhnliche Art zu dirigieren einzustellen.

Organisatoren, Teilnehmer und Unterstützer des Meisterkurses Dirigieren im Rahmen der Radolfzeller Sommerakademie (von links): Hans Heinrich Hartmann (Musikschulleiter), Monika Laule (Bürgermeisterin), Johannes Schlaefli (Dozent), David Bui und Ustina Dubitsky (Dirigenten), Bernhard Diehl (Freundeskreis und Förderverein der Musikschule), Insa Pijanka (Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie), Angélique Tracik (Fachbereichsleiterin Kultur der Stadt Radolfzell).
Organisatoren, Teilnehmer und Unterstützer des Meisterkurses Dirigieren im Rahmen der Radolfzeller Sommerakademie (von links): Hans Heinrich Hartmann (Musikschulleiter), Monika Laule (Bürgermeisterin), Johannes Schlaefli (Dozent), David Bui und Ustina Dubitsky (Dirigenten), Bernhard Diehl (Freundeskreis und Förderverein der Musikschule), Insa Pijanka (Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie), Angélique Tracik (Fachbereichsleiterin Kultur der Stadt Radolfzell). | Bild: Veronika Pantel

Erst einmal informiere ich mich, was ein Dirigat so alles beinhaltet. Geht es nicht vielleicht auch ohne? Warum ist der Mann oder die Frau mit dem Stöckchen am Pult vor dem Orchester so wichtig? Tatsächlich geht es auch ohne, viele Solisten leiten das Orchester selbst von ihrem Instrument aus. Das war etwa bei der Südwestdeutschen Philharmonie im November letzten Jahres zu erleben, als der Blockflöten-Virtuose Maurice Steger Solist und Dirigent in Personalunion war. Alte Musik wird gerne so geleitet, nämlich vom Pult der ersten Geige, des Konzertmeisters aus. Denn im Barock gab es den Beruf des Dirigenten noch gar nicht. Aber als die Orchester immer größer wurden, die Partituren immer komplizierter, war ab etwa 1800 ein Dirigent gefragt.

Ein Dirigent muss die Partitur genau kennen

Er bestimmt das Tempo und den Rhythmus, er legt die Artikulation fest, also ob die Musiker ihre Töne gebunden oder abgestoßen spielen sollen. Er gibt den Instrumentengruppen passgenaue Einsätze und Schlüsse, erkennt in Proben sofort, wenn die Intonation nicht so ganz stimmt und lässt korrigieren. Der Dirigent zeigt die Dynamik an, also ob die Musik leise oder laut, ab- oder anschwellend gespielt werden soll. Er muss die Partitur genau studiert haben, denn schließlich möchte er die Absichten des Komponisten möglichst erkennen und sie deuten. Kann er den Musikern seine Interpretation nahebringen: Folgen sie seiner Sichtweise und setzen sie um?

Nicht so einfach, die Musik so klingen zu lassen, als sei sie aus einer gemeinsamen Idee geboren. Der Dirigent führt mit der Rechten den Taktstock, mit dem er den Taktschlag angibt. Je nachdem, wie weit die Bewegungen sind, kann er die Dynamik anzeigen. Die linke Hand unterstreicht die dynamischen Anweisungen und die Artikulation.

Und jetzt geht es in die Praxis

Puh – das ist eine Menge zu lernen. Mir schwirrt schon der Kopf. Wie schwer muss es erst sein, das alles in die Praxis umzusetzen! Ich bin gespannt, was mich in der dritten öffentlichen Probe im Milchwerk erwartet.

Der Saal ist um 9.30 Uhr schon gut besetzt: Ganze Schulklassen aus höheren Jahrgangsstufen sind gekommen. Ich schleiche mich in die erste Reihe, denn ich will hören, was der Dirigier-Lehrer seinen Studenten sagt. Die Sorge war umsonst: Dieses Mal trägt Johannes Schlaefli ein Headset, er ist überall gut zu verstehen. Heute dürfen die Studenten auch verbale Anweisungen geben.

Rebecca Smithorn dirigiert einen Satz aus Rimski-Korsakows Scheherezade und führt die Südwestdeutsche Philharmonie zu einer pointierten und beschwingten Interpretation.
Rebecca Smithorn dirigiert einen Satz aus Rimski-Korsakows Scheherezade und führt die Südwestdeutsche Philharmonie zu einer pointierten und beschwingten Interpretation. | Bild: Veronika Pantel

Es geht los. Rebecca Smithorn betritt das Podest. Sie dirigiert Rimski-Korsakows Scheherazade. „Bitte hier mehr Kontraste, hier ein Akzent“, fordert sie in englischer Sprache, denn sie kommt aus den USA. Sie lässt die Musiker zurückblättern, noch einmal: „Nicht so konstant laut, hier bitte zurücknehmen!“ Tatsächlich klingt die Musik jetzt sehr pointiert, differenziert und beschwingt.

Überhaupt bin ich erstaunt, wie professionell die jungen Dirigenten schon auftreten: Sicher stehen sie auf ihren Füßen, präzise sind die Schlagfiguren, deutlich die dynamischen Anweisungen. Und doch greift ihr Lehrer hin und wieder ein: „Mach das besser noch mal“ oder „Du bist schon sehr früh auf der Zwei“ oder „Halte den Augenkontakt“. Schlaefli wechselt zwischen den Sprachen hin und her, jetzt weist er einen Studenten in Englisch an: „Du möchtest zu viele Dinge musikalisch machen, aber hier musst Du ganz konstant einfach durchgehen.“ Und er lobt immer wieder: „Das war sehr gut so.“

Mit Ustina Dubitsky aus München rede ich in der Pause und spreche mein Lob aus: „Sie alle wirken schon so sicher.“ „Ach, sagt sie, „wenn Sie wüssten, was in unseren Köpfen vorgeht!“ Die quirlige Italienerin und jüngste Teilnehmerin Nil Venditti (24) nutzt die Pause, um ihrem Lehrer noch mal kurz ein paar Fragen zu stellen. Bereitwillig erklärt Schlaefli, macht vor, lässt sie nachmachen.

In der Pause einer öffentlichen Probe im Meisterkurs Dirigieren erläutert Dozent Johannes Schlaefli der jungen Dirigentin Nil Venditti eine schwierige Stelle.
In der Pause einer öffentlichen Probe im Meisterkurs Dirigieren erläutert Dozent Johannes Schlaefli der jungen Dirigentin Nil Venditti eine schwierige Stelle. | Bild: Veronika Pantel

Am Ende bin ich ganz schön erschöpft von so viel Musik und immer neuen Dirigenten. Wie halten die Musiker der Philharmonie das eine Woche lang aus? Geigerin Branislava Tatic ist ganz entspannt: „Wir stellen uns immer schnell auf die Dirigate ein.“ Und ihr Kollege René Kuberik ergänzt: „Wir sind ja auch froh, dass wir den jungen Dirigenten so helfen können, wir haben da eine große Verantwortung.“ Und ich bin sicher: Die Nachwuchs-Dirigenten sind dem Meistertitel ein gutes Stück näher gekommen!

Wie schön und bereichernd – auch für das interessierte Publikum – dass die Musikstadt Radolfzell sich solch international besetzte Formate wie die Sommerakademie zum 25. Mal und den Meisterkurs Dirigieren zum dritten Mal leistet.

Einige Stimmen zum Meisterkurs Dirigieren

"Die Sommerakademie war ein Baustein, um Radolfzell als Musikstadt zu etablieren. Musik macht die DNA der Stadt aus." Monika Laule, Bürgermeisterin

"Wir hatten dieses Jahr 60 Anmeldungen für den Meisterkurs aus 21 Nationen." Norbert Braun, Stellvertretender Leiter der Musikschule

"Es sind hochbegabte Nachwuchs-Dirigenten; es war eine große Belastung, aus den 60 Video-Bewerbungen acht auswählen zu müssen." Johannes Schlaefli, Meisterkurs-Leiter

"Ich studiere in Weimar und arbeite dort auch mit Orchestern zusammen. Ich schätze diesen Meisterkurs, weil ich so viel ausprobieren kann und Herr Schlaefli gute Inputs gibt." Ustina Dubitsky (30), Meisterkurs-Teilnehmerin

"In Berlin gibt es nicht eine so gute Zusammenarbeit mit Orchestern. Ich bin froh, dass ich hier gute Feedbacks bekomme." David Bui (25), Meisterkurs-Teilnehmer

"Für das Orchester ist das Thema musikalische Bildung enorm wichtig. Und hier investieren sie ja auch in ihre eigene Zukunft." Insa Pijanka, Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie

"Ich liebe die Seele dieses Orchesters. Es sind so aufmunternde, präsente, unterstützende, aber auch kritisch-konstruktive Musiker, die auf hohem Niveau spielen." Johannes Schlaefli, Meisterkurs-Leiter