Radolfzell Wie Küken das Bewusstsein von Schülern beeinflussen

Die Biologielehrerin Gela Herbst lässt seit zehn Jahren am Friedrich-Hecker-Gymnasium Zwiehuhnküken ausbrüten. Das Verhalten der flauschigen Tiere hat Auswirkungen auf die Schüler, hat Gela Herbst festgestellt.

Aus zwei Kinderhänden guckt ein Köpfchen: Gelb, flauschig, mit zwei schwarzen Augen und einem orangefarbenen Schnabel. Vor ein paar Stunden erst sind die kleinen Lebewesen geschlüpft: Zwiehuhnküken, eine original badische Rasse, die an der Grenze zum Elsass gezüchtet wurde. Seit zehn Jahren erblickt in jedem Frühjahr eine kleine Schar dieser niedlichen Kleintiere im Friedrich-Hecker-Gymnasium das Licht der Welt.

Die Biologielehrerin Gela Herbst hat das Projekt ins Leben gerufen. An die 20 Hühner-Eier holt sie in jedem Frühjahr von einem Züchter aus Freiburg. In einem Brutapparat werden die Eier 17 Tage lang bei einer Temperatur von 38 Grad gedreht. "So machen die Hennen das auch", erzählt Gela Herbst. Danach dürfen sie nicht mehr gewendet werden. Die Küken stecken ihre Schnäbel eine Luftkammer zwischen der Eihaut und der Kalkschale. Nach weiteren vier Tagen in etwa schlüpfen die Kleinen. Ganz nass sehen sie aus, wenn sie sich aus der Schale befreien. "Das sind Eiweißreste", erzählt die Biologielehrerin weiter. "Bald darauf wirken sie wie kleine Flauschbälle."

Küken zeigen, was sie besonders mögen

In diesem Jahr betreuen die Schüler der sechsten Klasse die Jungtiere. Einige kommen vor dem Unterricht, um die Küken zu füttern. In der Pause nehmen sie die Küken aus ihrem Glaskasten. Vorsichtig, doch ohne Scheu halten sie die Küken in ihren Händen und streicheln sie. Und sie führen vor, was die Küken besonders mögen. Legt man sie auf den Rücken und streichelt ihren Bauch, dann schlafen sie ein. "Das haben wir mal in einem Stuhlkreis gemacht", erzählt Gela Herbst. Die Schüler seien ganz ruhig geworden. Während die Küken in den Händen der Schüler schliefen, konnte sie schwierige Probleme der Klassengemeinschaft besprechen. Das soziale Verhalten der Küken falle den Schülern vom ersten Tag an auf, berichtet sie weiter. Die Küken wollen nie allein sein. Sie hätten auch Freundschaften untereinander.

Nach zehn Tagen schauen die kleinen Zwiehuhnküken schon viel selbstbewusster in die Welt.
Nach zehn Tagen schauen die kleinen Zwiehuhnküken schon viel selbstbewusster in die Welt. | Bild: Natalie Reiser

Am Wochenende dürfen die Schüler die Kleintiere mit nach Hause nehmen. Nach einigen Wochen werden die Küken an Familien weitergegeben, die sich für die Aufzucht der Hühner interessieren. Den Schülern die Tiere und ihr soziales Verhalten nahe zu bringen, ist nicht alles für Gela Herbst. Sie möchte auch auf die Schattenseite der industriellen Hühneraufzucht aufmerksam machen. Nachrichtenmedien berichten davon, dass 45 bis 50 Millionen männliche Küken pro Jahr in Deutschland grausam getötet werden. Entweder ersticken sie zusammengepfercht in großen Plastiksäcken oder sie werden geschreddert. Denn Hähnchen setzen nicht genügend Fleisch an, um für große Absatzmärkte interessant zu sein. Eier und Hühnchenfleisch für den Verzehr kommen von den weiblichen Tieren. "Bis auf wenige kleine Züchter arbeiten alle großen Betriebe mit modernen Hybrid-Turbo-Hühnern", berichtet Gela Herbst. Diese Hühner legten über 300 Eier pro Jahr. Sie würden nur etwa eineinhalb Jahre leben. Andere, für den Fleischkonsum gezüchtete Hühner, setzten innerhalb weniger Wochen so viel Fleisch an, dass sie ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen können.

Projekt zielt auch auf Schärfung des Bewusstseins ab

Gela Herbst bespricht diese Missstände mit den Kindern, zeigt ihnen Bilder. Zu Beginn des Projekts witzelten meist noch einige Schüler: "Nachher esse ich Chicken Wings." Am Ende des Projekts sage das keiner mehr. Dabei ist Gela Herbst nicht generell dagegen, Fleisch zu essen. "Wenn ein Hähnchen unter normalen Bedingungen gelebt hat und dann geschlachtet wird, kann es eine Delikatesse sein", meint sie. Doch solches Fleisch ist teurer. "Das muss es uns wert sein", betont die Lehrerin. Sie hofft: "Wenn wir uns als Konsumenten anders entscheiden, ändert sich vielleicht etwas."

Die Rasse „Sundheimer“

Gela Herbst, Biologielehrerin am Friedrich-Hecker-Gymnasium, zieht seit zehn Jahren im Frühjahr zwischen 15 und 20 Sundheimer Küken in der Schule auf. Sundheimer Hühner sind eine original badische Rasse aus dem Grenzgebiet zum Elsass. Derzeit sind sie nicht vom Aussterben bedroht, aber sie stehen zur Beobachtung auf der roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen. Die Hühner legen bis zu 220 Eier pro Jahr und wachsen gut. Ihr Fleisch wird im Elsass als Delikatesse geschätzt. Gela Herbst erhält die Eier von einem kleinen Zuchtbetrieb aus Freiburg. Sie hofft, dass die Rasse in Deutschland im Bio-Bereich Einsatz findet. (rei)

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