"Wir waren richtig angefressen und hatten uns die Münder fransig diskutiert – über alles, was es überhaupt gab", erinnert sich Frank Hämmerle in der Mettnauschule fast schon wehmütig an seine Studentenzeit in Tübingen. Als einziger Vertreter der Jungen Union war er auf dem Campus umgeben von Spartakisten, Trozkisten, Leninisten und dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Irgendwie sei die Diskussionsfreude der 1970er Jahre, das Interesse und die Lust an der Politik verschütt gegangen, hält der Konstanzer Landrat plötzlich inne. Eindringlich ruft der Gastredner die Jugendlichen bei der Regionalkonferenz des Kreisjugendrings in Radolfzell auf: "Nehmen sie teil am politischen Leben. Nicht nur, wenn es um ihr eigenes Interesse geht." Sein engagierter Aufruf sollte nicht verhallen.

Auf Initiative der Landtagsabgeordneten Nese Erikli (Bündnis 90/Die Grünen) trafen sich der Konstanzer Landrat und die Abgeordneten des Landkreises für den baden-württembergischen Landtag mit 30 Jugendlichen zu der regionalen Konferenz. Der Kreisjugendring lud zu einem Austausch der Jugendlichen mit den Landtagsabgeordneten Nese Erikli, Dorothea Wehinger (beide Bündnis 90/Die Grünen) sowie Jürgen Keck (FDP) ein. Die Regionalkonferenz sollte ursprünglich vier Jugenddelegierte nach Stuttgart in den Landtag entsenden, um im Jugendlandtag den Politikern ihre Themen und Forderungen zu übermitteln. Nach einer anregenden Diskussion und im hautnahen Kontakt mit den Abgeordneten in einem politischen Workshop entschlossen sich überraschenderweise elf Jugendliche, als Botschafter nach Stuttgart zu fahren.

"Path-Finder" heißt auf neudeutsch ein pädagogisches Konzept, das der Kreisjugendring als Eisbrecher und gemeinsamen Workshop zwischen den Politikern und Jugendlichen initiierte. Mit der Methode sollte ein Pfad gefunden werden, bei dem Themen und Anliegen verschiedener Interessensgruppen auf einen gemeinsamen Nenner und auf den Weg gebracht werden können. Die Politiker aus Kreis- und Landtag teilten sich mit den Jugendlichen in Gruppen auf und generierten unter der Beteiligung jedes Einzelnen griffige Slogans für eine Jugendpolitik, die auch als Abbild der Befindlichkeit und Leitfaden für Engagement genommen werden kann: "Zusammenhalt und Durchsetzung führt zur Gerechtigkeit", "Mut und Betroffenheit verstärkt den Willen", "Mitsprache und Organisation schafft Veränderung", "Gestaltung entsteht durch Meinungsäußerung und Gehör finden", "Schülermitverwaltung und Jugendtreff ermöglichen den Jugendgemeinderat", so das gemeinsame Fazit der Profipolitiker und Jugendlichen aus dem Workshop.

Im kleineren Kreis diskutierten Jugendliche mit Politikern die Ergebnisse des Workshops. Für Jürgen Keck ist "Gehör finden" Teil eines Feedbacks politischer Arbeit. Lukas Messmer aus Singen machte die Erfahrung, dass Meinungsäußerungen nur dann Gehör fänden, wenn sie mehrfach und laut genug kundgetan würden. "Einmal reicht nicht", ermuntert Dorothea Wehinger zur politischen Arbeit: Zu Aktionen gehöre Fantasie und Durchhaltevermögen mit dazu. "Politik sei das Bohren dicker Bretter", stimmt Nese Erikli in den Tenor ein. Oftmals erlebe sie Jugendliche mit guten Ideen, die die Vorstellung hätten, dass es mit einer Äußerung getan sei und diese dann umgesetzt würden. Das sei leider in der Politik nicht so. Erikli ermuntert die Jugendliche an ihren Themen dran zu bleiben.

"Wenn man gestalten möchte und kein Gehör findet, dann verliert man den Glauben an die Politik", resümiert Karen Bieler aus Engen die Ergebnisse des Workshops. Leon Löchle aus Radolfzell kennt viele Jugendliche mit starken Meinungen und guten Argumenten. Ihnen fehle jedoch der Mut oder sie seien frustriert von mangelnder Umsetzung. Wichtig seien hier Jugendliche, die die Ideen aufnehmen und in Debatten einbringen könnten.

Mitveranstalter der Regionalkonferenz waren der Landkreis und die Hauptamtlichen der offenen Jugendarbeit. Nach Angaben von Kreisjugendreferent Stefan Gebauer hat das Kreisjugendreferat die Methode Fokusfinder für diese Konferenz eingebracht.

Der Jugendlandtag

Beim baden-württembergischen Jugendlandtag kommen am 7. und 8. November 125 Jugendliche im Landtag von Stuttgart zusammen. Die Delegierten werden von den regionalen Jugendkonferenzen entsandt und vertreten die Interessen und Anliegen der Jugendlichen aus den Stadt- und Landkreisen. Beim Jugendlandtag werden regionale Themen wie Mobilität, Jugendpartizipation oder Schulpolitik aufgegriffen und gemeinsam ausgearbeitet. Im Anschluss diskutieren die Jugendlichen mit den Abgeordneten im Landtag. Der Jugendlandtag verfasst am Ende eine gemeinsame Empfehlung der Jugendlichen an den Landtag.