„Es war eine aufregende Zeit“, erzählt Roland Helmlinger, der als junger Inspektorenanwärter im Rathaus der damals selbstständigen Gemeinde Böhringen hautnah die Gemeindereform miterlebte. Zumal sein Chef, der damalige Bürgermeister Franz Schanz, „alle Mitarbeiter im Rathaus immer umfassend informiert hat“. Bereits 1970 habe man landauf, landab vom Gemeindereformgesetz gesprochen, das zum Ziel hatte, durch größere Verwaltungseinheiten leistungsfähigere Gemeinden zu schaffen. „Denn viele Gemeinden im Land, die als Wohnort dienten, konnten die Lasten für die Infrastruktur nicht mehr finanzieren“, erzählt der frühere hauptamtliche Böhringer Ortsvorsteher rückblickend.

Da Böhringen jedoch im Landkreis Konstanz eine aufstrebende und gesund strukturierte Gemeinde war, so Helmlinger, konnte eigentlich dies für Böhringen kein Thema darstellen. „Wir hatten ja alles: eine eigene Turnhalle, ein Feuerwehrhaus, eine erweiterte Schule, einen Kindergarten, ein funktionierendes Dorfleben mit zwei Metzgereien, zwei Bäckereien, mehreren Lebensmittelgeschäften, Gaststätten, viele Privatzimmer, fünf Tankstellen, Reparaturwerkstätten, alle Handwerksbetriebe von der Blechnerei bis zum Zimmermann, einen Zahnarzt, eine Hausarztpraxis. Wir hatten damals zusammen mit Moos die Kläranlage in Moos gebaut, in die unser Schmutzwasser und unsere Hausentwässerung noch heute geleitet werden. Wir hatten Arbeitsplätze in den Stallit-Werken, in der Ziegelei, bei den Handwerksbetrieben im Wiesengrund und bei Pfeiffer. Unsere Eltern arbeiteten bei Schiesser, Allweiler, Messmer, in der Fitting oder bei der Alu. Unter anderem kamen Einnahmen an Gemeindesteuer aus dem Kiesabbau der Infrastruktur zugute.“

Um 1970. So präsentierte sich das Rathaus in Böhringen in den Sechziger- und Anfangs der Siebzigerjahre.
Um 1970: So präsentierte sich das Rathaus in Böhringen in den Sechziger- und Anfangs der Siebzigerjahre. | Bild: Stadtarchiv Radolfzell

Bürgermeister Schanz sondierte jedoch die Lage, ohne dies an die große Glocke zu hängen. Bei jeder Gelegenheit anlässlich von Besprechungen in Freiburg und Stuttgart erörterte er dieses für Böhringen unter Umständen künftige Problem.

Ende Februar 1973 kam die Nachricht aus Stuttgart: Böhringen soll nach Radolfzell eingemeindet werden. „Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe“, erinnert sich Roland Helmlinger. Bürgermeister Franz Schanz reagierte, indem er eine Bürgerversammlung einberief und die Böhringer informierte. Gleichzeitig beschloss der Gemeinderat, eine Bürgeranhörung durchzuführen.

Schlechte Stimmung zwischen Radolfzell und Böhringen

Die traditionell gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Radolfzell und Böhringen gingen indes auf den Nullpunkt zurück. Das Fass zum Überlaufen brachte ein Zeitungsartikel des SÜDKURIER vom 17. März 1973, in dem Radolfzell offen Anspruch auf Böhringen erhob. Tenor von Bürgermeister Fritz Riester aus der Nachbarstadt: „Radolfzell muss aus dieser Reform gestärkt hervorgehen.“ Markelfingen, Stahringen, Liggeringen und Möggingen waren ja gerne zu Radolfzell gekommen, nur Güttingen und Böhringen haben sich gewehrt. „Radolfzell wollte von sich aus wachsen und Große Kreisstadt werden. Dazu hat Böhringen mit seiner großen Gemeindefläche und Platz für Wohngebiete gefehlt“, erläutert Roland Helmlinger.

Trotz aller Unstimmigkeiten hätten auch sachliche Gespräche mit Vertretern des Gemeinderates Radolfzell über eine Zusammenarbeit nach einer möglichen freiwilligen Eingemeindung stattgefunden, berichtet Helmlinger. Der 8. April brachte dann ein eindeutiges Ergebnis: Von den 1809 stimmberechtigten Böhringern gingen 70,81 Prozent zur Bürgerbefragung. 1281 Stimmen wurden abgegeben, davon 1160 für eine weitere Selbstständigkeit. Doch dieses klare Ergebnis wurde in Stuttgart nicht respektiert. Im Frühjahr 1974 mussten Bürgermeister Schanz und der Gemeinderat erkennen, dass eine Eingemeindung wohl nicht mehr zu verhindern war.

Delegation fährt zur Abstimmung im Landtag

Es wurden Vertragsentwürfe ausgearbeitet und in den politischen Gremien beraten. Ziel sollte eine freiwillige Eingemeindung Böhringens sein. Doch diese scheiterte, nachdem der Böhringer Gemeinderat am 10. Mai 1974 den vorgelegten Vertragsentwurf mit acht zu drei Stimmen ablehnte. Zuletzt fuhren Franz Schanz, Karl Kraft und ein weiterer Gemeinderat nach Stuttgart zur entscheidenden Sitzung des Landtages. Robert Maus, der damalige Landrat, stieg in Singen zu. „Er wisse noch nicht, wie er abstimmen solle, sagte er“, erinnert sich Helmlinger. Jeder habe Maus auf die Finger geschaut. „Aber letztlich hat der Landtag entschieden, dass Böhringen ab 1. Januar nach Radolfzell eingemeindet wird.“ Dann folgten die Verhandlungen über den Eingemeindungsvertrag. Da konnten ein hauptamtlicher Ortsvorsteher und die Zusicherung von vier Gemeinderatsmandaten durchgesetzt werden. „Bedingung war noch ein neues Feuerwehrauto. Sonst hatten wir keine großen Forderungen“, so Helmlinger.

Am 9. November 1974 unterzeichneten die Bürgermeister Fritz Riester (links) für Radolfzell und Franz Schanz für Böhringen im Bürgersaal in Radolfzell die gemeinsame Zukunft.
Am 9. November 1974 unterzeichneten die Bürgermeister Fritz Riester (links) für Radolfzell und Franz Schanz für Böhringen im Bürgersaal in Radolfzell die gemeinsame Zukunft. | Bild: SK-Archiv Photo Liedl

Wie schwer der neue Lebensabschnitt für Böhringen werden sollte, zeigte wenig später die Verabschiedung des Haushaltsplanes 1974. Der Entwurf musste aufgrund des sogenannten Vorschaltgesetzes der Stadt vorgelegt werden und wurde erheblich gekürzt. So entfiel das langersehnte und dringend benötigte Feuerwehrauto. Auch wurde das Baugebiet „Kleine Öschle“ erheblich reduziert.

„Der Eingemeindungsvertrag ist sehr schleppend umgesetzt worden. Böhringen war lange ungeliebtes Anhängsel, aber Franz Schanz hat immer versucht, das Beste für Böhringen rauszuholen, auch als er Erster Bürgermeister in Radolfzell wurde. Irgendwann soll der damalige Stadtbaudirektor Ralf Nüsse lobend gesagt haben: „Böhringen ist zu einer richtigen Vorstadt von Radolfzell geworden.“ Mit Hinweis auf die schönen Neubaugebiete und das aktive Vereinsleben findet Roland Helmlinger: „Im Nachhinein betrachtet ist Böhringen nicht schlecht gefahren mit der Eingemeindung.“

Dieses Bild von 1975 zeigt nach der Eingemeindung den ersten Böhringer Ortschaftsrat mit Ortsvorsteher Franz Schanz. Sitzend von links: Dietmar Helmlinger, Kurt Riegger, Franz Schanz, Berthold Sproll, Karl Kraft. Stehend: Herbert Schiller, Wolfgang Platz, Konrad Schroff, Herbert Brunner, Arthur Schafheitle, Wolfgang Dittrich, Werner Riegger und Manfred Schmutzler. Bild: Kurt Schumacher
Dieses Bild von 1975 zeigt nach der Eingemeindung den ersten Böhringer Ortschaftsrat mit Ortsvorsteher Franz Schanz. Sitzend von links: Dietmar Helmlinger, Kurt Riegger, Franz Schanz, Berthold Sproll, Karl Kraft. Stehend: Herbert Schiller, Wolfgang Platz, Konrad Schroff, Herbert Brunner, Arthur Schafheitle, Wolfgang Dittrich, Werner Riegger und Manfred Schmutzler. | Bild: SK-Archiv Kurt Schumacher

Vieles neu bei den Adressen

  • Postleitzahl: Bei der Eingemeindung erhielten die „ungeliebten Böhringer“ die Postleitzahl 13: Die postalische Anschrift lautete: 7760 Radolfzell 13. „Wir im Böhringer Rathaus haben diese Adresse nie benutzt“, erinnert sich Roland Helmlinger. „Wir haben als Adresse immer „Radolfzell-Böhringen“ auf die Briefe geschrieben.
  • Straßennamen: Um Verwechslungen zu vermeiden, mussten 19 Straßen umbenannt werden. So wurde zum Beispiel aus der Radolfzeller Straße die Bodenseestraße, aus der Bahnhofsstraße die Rickelshausener Straße, aus der Kirchstraße die St. Nikolaus-Straße, aus der Feldstraße die Hölzlestraße, aus der Roseneggstraße die Martin-Luther-Straße, aus dem Weideweg die Freiherr-vom-Stein-Straße, aus der Bismarckstraße die Rommelstraße und aus der Riedstraße der Aachweg.
  • Zeitzeuge: Roland Helmlinger war von 1985 bis 2003 hauptamtlicher Ortsvorsteher von Böhringen. Im März 1974 kam er als Inspektorenanwärter zur damals noch selbstständigen Gemeinde Böhringen, erlebte die Eingemeindung hautnah mit. Nach Abschluss seiner Inspektorenausbildung in Böhringen wechselte er 1976 an die Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl und setzte dann seine Laufbahn ab November 1978 bei der Finanzverwaltung der Stadt Radolfzell fort. 1985 wurde er zum Nachfolger des hauptamtlichen Böhringer Ortsvorstehers Alois Rieger gewählt, der in den Ruhestand trat, und hatte das Amt bis 2003 inne.