"Zu den Kleidermärkten des Familienverbandes im Milchwerk kommen nicht nur Menschen, die ein Schnäppchen machen wollen. Sondern, jene, die ihre Haushaltskasse schonen müssen", beobachtet die Vorsitzende des Radolfzeller Verbandes, Karin Vögele: Für manche sei es sehr schwierig, in der Gesellschaft mithalten zu können. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht des Landes zeigt eindrücklich, wie prekär für einige Familien die Lebenssituation ist: In Baden-Württemberg lebt jedes fünfte Kind in Armut. Das sind rund 325 000 Kinder und Jugendliche sowie weitere 139 000 in Bedarfsgemeinschaften nach dem Sozialgesetzbuch – allein in Baden-Württemberg, rechnet Christel Althaus vor. "Alleinerziehend ist mit rund 50 Prozent die Gefährdungslage schlechthin", so die Vorsitzende des Landesfamilienrats: Von Armut betroffen seien mit 27 Prozent auch Paarhaushalte mit drei Kindern – trotz sozialer Transferleistungen. Mit der provokanten These: "Armut bei Kindern? Bei uns doch nicht! Oder vielleicht doch?" lud der Radolfzeller Familienverband zu einem Symposium in den Scheffelhof ein.

60 Prozent des Einkommens geht in Wohnen und Essen

Die Hauptausgaben bei den von Armut betroffenen Familien liegen in den Aufwendungen für Wohnen, Energie und Mobilität, zeigt die Landesstudie von 2015. Grundlegende Bedürfnisse für Wohnen und Nahrungsmittel verschlingen fast 60 Prozent des Einkommens. Von Armut gefährdete Familien wenden etwas mehr als ihr gesamtes Einkommen für die laufenden Ausgaben ihrer Haushalte auf. Trotz deutlich höherer Belastung durch Wohnkosten und Ernährung weisen sie im Bereich der Bildung, Ausbildung und Kinderbetreuung etwa gleich hohe Konsumanteile wie durchschnittliche Haushalte auf. "Das hätte niemand gedacht und kann sich bisher keiner erklären", sagt die Professorin an der Esslinger Hochschulfakultät für Soziale Arbeit, Christel Althaus.

Gesundheit und soziale Kontakte kommen zu kurz

Gespart wird vor allem bei den Ausgaben für Gesundheit und Mobilität sowie bei Gaststättenbesuchen und Urlauben. Fehlen materielle Mittel, so mangele es an der Grundversorgung für Ernährung, Kleider und Wohnen. Es gebe Einschränkungen in der Regeneration, in der medizinischen Grundversorgung und in der Gesundheitspflege, so Althaus: Ebenso seien bei von Armut betroffenen Familien die Sozialkontakte geringer – hervorgerufen durch Scham. Es entwickelt sich eine Spirale mit eigener Dynamik: Die soziale Isolation schränke potenzielle soziale Ressourcen ein, die die Familien wieder auf die Beine kommen lassen könnten, so Althaus: Ohne ein soziales Netz gebe es aber kaum Unterstützungshilfen in der alltäglichen Lebensbewältigung.

Lebensmut gerät in Gefahr verloren zu gehen

Fehlen die Netzwerke, können Kinder auch in ihrer sozialen Kompetenz eingeschränkt werden. Ebenso sei die Binnenbeziehung der Familie durch Schuldgefühl belastet. Schwierige Situationen würden oftmals resignativ bearbeitet werden, so Althaus: Den Angehörigen fehle es am Mut das Leben anzupacken. Sätze wie: "Die müssen sich doch nur am Riemen reißen" würden durch die andauernde Belastung und Erfahrungen nicht mehr funktionieren. Althaus zeigt sich besorgt: Lebe man von der Hand in den Mund, so gehen wichtige Kulturtechniken wie die Vorratshaltung und der Umgang mit Geld verloren.

Kinderreichtum mit hohen Miet- und Wohnbaukosten können Familien an den Rand ihrer finanziellen Existenz bringen. Partnerschaftskrisen, die mit Trennung oder Scheidung einhergehen, können zu einer Überbelastung führen. Durch eine neue Familiengründung oder getrennte Haushalte entsteht höherer finanzieller Bedarf. Bleibt wegen der Erziehung ein ehemaliger Partner alleine zu Hause, so ist das Erwerbseinkommen unzureichend.

Konsum kann als Ursache für Armut angenommen werden

Durch einen gesellschaftlichen Konsumzwang seien die Haushalte verschuldet oder es würden Krankheit, Sucht oder Behinderung zu höheren Ausgaben führen. Familien erhalten für gewöhnlich Kindergeld als eine Art Ergänzung zur Haushaltskasse. Alimentierten Personen hingegen wird das Kindergeld auf Sozialleistungen angerechnet. Von Armut betroffen können Menschen sein, wenn sie ihre Arbeit verloren haben oder am Arbeitsleben verhindert sind – durch eine strukturelle Arbeitslosigkeit, durch Globalisierung, Wirtschaftskrisen oder Technologiewandel, bei dem man mit der Ausbildung nicht mehr mithalten kann. Befristete Arbeits- oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse tragen als Ursache ebenso bei wie schlechtere Bezahlung von Frauen oder deren Beschäftigung in Niedriglohnsektoren.

Wo der Familienverband Fehler im System sieht

  • Familienblind: Zu einer Vermeidung und Reduzierung von Armutslagen sieht Christel Althaus Handlungsbedarf in Bereichen des Wohnens, der Arbeit und Gesundheit, bei der Kinderbetreuung und Mobilität sowie in der Gestaltung einer sozialen Lebenswelt und finanziellen Leistungen. Laut dem Deutschen Familienverband seien Sozialversicherungsbeiträge eine weitere Ursache für Armut bei Kindern, so Bundesgeschäftsführer Sebastian Heimann. Sein Vorwurf: Die aktuelle Sozialversicherung sei familienblind. Ledige ohne Kinder hätten bei einem Jahresbruttolohn von 35 000 Euro nicht nur den gleichen Beitrag zur Rentenversicherung zu leisten wie eine verheiratete Familie mit Kind, sondern auch ein höheres verfügbares Einkommen.
  • Einkommen schrumpft: Je mehr Kinder eine Familie habe, desto geringer das verfügbare Einkommen bei gleichem Jahresbruttolohn, so die Angaben des Familienverbands. Abzüglich der Existenzminima von Erwachsenen und Kindern käme es ohne soziale Transferleistung bereits ab dem zweiten Kind zu einer Verschuldung des Familienhaushaltes. Zudem schrumpften die frei verfügbaren Einkommen seit 2001 bei Familien kontinuierlich. Nutznießer beim bestehenden System seien Ledige ohne Kinder. Die Sozialversicherung sei jedoch ein Generationenvertrag, so Bundesgeschäftsführer Heimann: Mit einer Klage beim Bundesverfassungsgericht möchte der Verband einen Teil der gesetzlichen Sozialversicherung als verfassungswidrig erklären zu lassen.

Informationen im Internet:
http://www.elternklagen.de