Vielen wird es in diesen Tagen ähnlich gehen wie mir: Verdutzt halte ich inne, als ich in der Fritz-Kleiner-Straße plötzlich Hühner gackern höre, klappernde Milchkannen und laufende Traktoren. Lächelnd erinnere mich an den vertrauten Duft und die Wärme aus dem Kuhstall, die mir noch vor vielen Jahren entgegenschlug, wenn ich mich morgens mit den Böhringer Mädels am Milchhäusle traf, um gemeinsam mit dem Rad nach Radolfzell in die Schule zu fahren.

Ein wenig Melancholie macht sich breit bei dem Gedanken, dass diese leerstehenden, mehr als 200 Jahre alten landwirtschaftlichen Gebäude und Wohnhäuser mit – zugegeben – teils verwahrloster Bausubstanz in den nächsten Jahren einer neuen Ortsmitte weichen sollen.

Kunst in der Fritz-Kleiner-Straße

Zunächst haucht ihnen aber die „7:76 Ortszeit“ zur Kulturnacht nochmals Leben ein, die Fortsetzung der Scheunenkunst, mit der die Böhringer Künstlerin Victoria Graf im vergangenen Jahr zum Dorfjubiläum einen großen Erfolg landete. Nicht nur eine Nacht lang, sondern mit erweiterten Öffnungszeiten vom 2. bis 6. Oktober werden mehr als 30 Künstler den alten Ortskern mit vielfältigen Kunstformen bespielen. Zu den bisherigen Wohnhäusern, Scheunen und Ställen in der Fritz-Kleiner-Straße 3 und 4 kommen als neue Kunsträume das ehemalige Schlachthaus und das Wohnhaus daneben hinzu.

Bereits seit Wochen sind einige der Künstler zugange. „Es ist schon erstaunlich, was die Leute für das Projekt auf sich nehmen“, würdigt Victoria Graf das Engagement ihrer Künstlerkollegen. Vielfach mussten sie Räume erst leermachen und Wände streichen, bevor sie sich an die eigene Kunst machen konnten. Wie etwa Andrea Dietz und Kerstin Weiland aus Gaienhofen, die den alten Hühnerstall in der Fritz-Kleiner-Straße 3 ausmisteten, um zum Ort passende Malerei und Grafik mit Geräuschen und Licht in Szene zu setzen.

„Der Nabel der Welt“

Aus Lottstetten reisten mehrfach die Zwillingsbrüder Andreas und Ralph Hilpert an. „Ohne Übertreibung – Böhringen ist für uns der Nabel der Welt. So vielen unterschiedlichen Künstlern und Kunstformen auf engem Raum begegnet man sonst selten“, erklären die beiden. Angelehnt an das großformatige Gemälde „Die Geburt der Venus“ kreieren sie als neuzeitliche Inszenierung „Die Geburt des Plastikhumanoiden“.

Dem Thema Plastik widmet sich auch Siegi Treuter, die einen ganzen Wohnraum mit Plastic Art ausstaffiert und unter anderem reflektierende PE-Folie zu Objekten in Häkeltechnik verarbeitet. „Diese alten Räume hier haben ganz besonderen Flair. Auch das Morbide reizte mich, an der Ortszeit 7:76 teilzunehmen“, so die Künstlerin.

Plastikflaschen zu Quallen

Nicht weniger Arbeit machte sich Victoria Graf, die Plastikflaschen in Quallen und Wasserpflanzen umwandelt und mit „Kleiderkunst“ einen großen Auftritt hat. All das neben ihrem eigenen Programm zur Kulturnacht in ihrem Atelier „Die Werkstatt“ in der Singener Straße. „Dass bei diesem Projekt so viele verschiedene Künstler mit unterschiedlichen Kunstrichtungen und Ansätzen zusammenarbeiten, um den ganzen Ort mit Kunst zu erfüllen, ist wirklich etwas ganz Besonderes“, erklärt Bette Bayer ihre Beweggründe zur Teilnahme. Sie entwickelte zum Gesang von „Vokalformat Acht“ eine Videokomposition, die mit Bildern und Farben den Charakter der Musik offenbart.

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Erstmals sind auch Fotokompositionen zu sehen, die aus den Eindrücken der letztjährigen Kulturnacht entstanden sind. „Unglaublich spannend“ findet Ulrike Roller den Ort, der viele Geschichten erzählt. Neben eigenen Illustrationen, setzt sie – inspiriert von einem alten „Böhse Onkelz„-Graffiti in der Scheune – einen „artort“ in Szene.

Neu im Programm

Einen Überblick über die 7:76 Ortszeit verschafft der Flyer zur Kulturnacht. Nicht darin erwähnt, da neu hinzu gekommen, sind die Künstler Felix Sommer, Sabina Hunger und Eva-Maria Krell sowie die Band B 31, die in der „Werkstatt“ spielt. Neu ist auch die Finissage am Sonntag, 6. Oktober, um 11 Uhr, in deren Rahmen Birgit Guzmann-Batista skizzenhafte Schnellporträts von den Besuchern malt.

Das Programm zum Download und weitere Informationen zur Radolfzeller Kulturnacht gibt es auf der Webseite der Stadt.