Eines steht für Radolfzell so fest wie das Münster am Ölberg: Das Hausherrenfest wird am dritten Wochenende im Juli einschließlich des Montags gefeiert. Das ist auch 2018 so. Nur: In diesem Jahr wird sich die Silhouette der Stände am Seeufer verändern. Die für viele Besucher charmanten und individuellen Eigenkonstruktionen der Vereine müssen weichen, die Stadt fordert fest verankerte und verschließbare Zelte, die noch eine zertifizierte Standsicherheit bei Windstärke acht bieten.

Betroffen ist vor allem die Stadtkapelle Radolfzell, die seit etwa 25 Jahren eine für diesen Anlass eine selbst gefertigte Stahlkonstruktion aus Gerüstelementen für ihre Stände am Konzertsegel verwendet. Die mit Holz verkleidete Konstruktion sieht stabil aus und hat schon stärkeren Winden standgehalten, hat aber einen Nachteil: Ihr fehlt ein Prüfsiegel für die Standsicherheit bei Windstärken über sechs (siehe auch Interview mit Thomas Späth unten).

Der Vorstand der Stadtkapelle geht einstimmig wiedergewählt ins nächste Vereinsjahr. Von links: Vorsitzender Thomas Späth, Marc Burger, Richard Christ, Lisa Tägtmeier, Dirigent Kuno Rauch, Gabriel Deufel, Christoph Honsell und Tobias Haas. Auf dem Bild fehlen Roland Schuhwerk, Katrin Frengele und Chris Baar.
Der Vorstand der Stadtkapelle geht einstimmig wiedergewählt ins nächste Vereinsjahr. Von links: Vorsitzender Thomas Späth, Marc Burger, Richard Christ, Lisa Tägtmeier, Dirigent Kuno Rauch, Gabriel Deufel, Christoph Honsell und Tobias Haas. Auf dem Bild fehlen Roland Schuhwerk, Katrin Frengele und Chris Baar. | Bild: Marina Kupferschmid

Im Ausgleich zu ihren Forderungen nach geprüfter Standsicherheit bietet die Stadt den Vereinen, die im Uferbereich bewirten, auch etwas an. Denn im Fachbereich Kultur wird befürchtet, dass einige Vereine aus der Bewirtung aussteigen, wenn sie auf den Kosten der erhöhten Sicherheitsanforderungen sitzen bleiben. Der Kulturausschuss hat nun auf Vorschlag der Verwaltung beschlossen, die Zeltmiete für alle Vereine in diesem Jahr zu übernehmen. Die geschätzten und genehmigten Kosten belaufen sich auf 20 000 Euro. OB Martin Staab hat bereits angekündigt, dass bei einer höheren Zeltmiete die Stadt auch in diesem Jahr einspringen werde. Nach Aussagen der Verwaltung wird auch geprüft, ob die Vereine sich beim Zeltaufbau beteiligen und damit die Kosten reduziert werden können. Für das Hausherrenfest 2019 sei der Verkauf eines Festabzeichens geplant, mit dem die Sicherheitsmaßnahmen finanziert werden sollen, so Fachbereichsleiterin Angélique Tracik. Auch soll ein Festkomitee gegründet werden, darüber entschieden werde im Herbst.

Neben der Stadtkapelle ist der FC Radolfzell der Verein mit der größten Bewirtungsfläche an der Mole, er hat bereits Erfahrung beim Aufbau von Zelten. Vorsitzender Oliver Preiser zeigt Verständnis für die Sicherheitsauflagen der Stadt. Er wolle sich nicht vorstellen, "dass beim Hausherrenfest irgendetwas passiert, weil wir die Richtlinien nicht eingehalten haben". Der FC bietet um den Fest-Verantwortlichen Norbert Maier rund 60 Helfer für die Bewirtung auf. Oliver Preiser streicht die Bedeutung des Hausherrenfests als größte Einnahmequelle für den FC heraus. "Wir zittern jedes Jahr und schauen weit vorher auf die Wettervorhersagen, ob es kalt wird und ob es regnet." Ohne Hausherrenfest seien die Kosten für das Vereinsleben kaum aufzubringen. Preiser glaubt, dass sein Verein mit den neuen Anforderungen klarkommen werde: "Ich denke, dass das in ein paar Jahren ganz normal ist und zum Alltag gehört", sagt der Vorsitzende des FC.

 

"Wir können die nötigen Zertifikate nicht beibringen"

Thomas Späth, Vorsitzender der Stadtkapelle Radolfzell, beschreibt, welche Umstellungen das neue Sicherheitskonzept für die Stadtkapelle mit sich bringen

Was und welchen Aufwand bedeutet das neue Sicherheitskonzept zum Hausherrenfest für die Stadtkapelle Radolfzell?

Unser bisheriges Standkonzept ist durch das neue Sicherheitskonzept ausgeschlossen. Für ein neues Standkonzept – in Form einer von der Stadt bevorzugten Zeltlösung – haben wir auch nach Gesprächen mit Fachleuten und einem lokalen Anbieter noch keine Lösung gefunden, da das von uns genutzte Gelände aufgrund des Profils und der darauf befindlichen Seebar-Infrastruktur erhebliche Herausforderungen bietet. In Anbetracht der knapper werdenden Zeit bis zum Hausherrenfest sind wir deshalb angespannt. Der geschätzte Aufwand im Falle einer Anmietung von Zelten geht in den hohen vierstelligen Bereich. Die beschlossene Unterstützung durch die Stadt ist da sehr hilfreich.

Wie beurteilen Sie die Auflagen?

In Anbetracht von wetterbedingten Vorfällen in den vergangenen Jahren mit Toten und Verletzten bei ähnlichen Festen oder bei Musik-Festivals haben wir Verständnis für eine kritische Prüfung der Auflagen durch die von der Stadt beauftragten Fachleute. Aufgrund der Erfahrung der letzten 25 Jahre mit unserem Standkonzept hätten wir aber auch dieses durchaus noch als passend eingestuft – leider lassen sich aufgrund der selbst entwickelten Konstruktion die nötigen Zertifikate für die Sicherheit unserer Stände nicht beibringen.

Wie wichtig sind die Einnahmen aus dem Hausherrenfest für die Stadtkapelle?

Die Einnahmen sind Grundlage für unsere mit Reisekosten verbundenen Konzert- und Wettbewerbsaktivitäten. Regelmäßige Teilnahmen an solchen Events sind notwendig, um das Niveau eines Höchstklassenorchesters aufrecht erhalten zu können. Ohne das Hausherrenfest könnten wir solche Unternehmungen vielleicht alle fünf Jahre unternehmen, womit die musikalische Qualität nicht mehr zu halten wäre.

Mit wie vielen Vereinsmitgliedern sind sie während des Hausherrenfests im Einsatz?

Sämtliche Orchestermitglieder bringen sich ein – nicht nur bei der Bewirtung sondern auch bei der Umrahmung des kirchlichen Teils des Festes sowie des Konzerts am Sonntag am Konzertsegel – plus Partner, Kinder, Freunde. ­Insgesamt sind 75 bis 80 Personen involviert.

Was passiert mit den alten Ständen?

Über die weitere Verwendung der alten Stände haben wir noch nicht entschieden.

Fragen: Georg Becker