„Dieser Zustand ist nicht akzeptabel.“ Diese Meinung vertritt nicht nur Ulrike Heller, Schulleiterin des Friedrich Hecker Gymnasiums (FHG). Sie teilt sie sich auch mit zahlreichen Schülern, die sich tagtäglich mit dem Bus auf den Weg zur Schule machen. Denn der Alltag beginnt seit Wochen an Radolfzeller Schulen chaotisch. Der Grund dafür: Seit der Umstellung im Regionalbusverkehr kommen Schüler vermehrt zu spät zum Unterricht.

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Die Misere im Regionalbusverkehr sei für Ulrike Heller indiskutabel. „Es kann doch nicht sein, dass Eltern jetzt Strecken abfahren, um ihre Kinder einzusammeln, weil die stehen gelassen wurden“, macht sie ihrem Ärger Luft. Besonders betroffen davon sind Schüler aus Steißlingen und dem Steißlinger Ortsteil Wiechs. Laut Heller würde der Bus nach der siebten Stunde gar nicht mehr nach Wiechs fahren. „Das Problem ist aber, dass unsere Schüler alle bis zur siebten Stunde Unterricht haben“, betont sie.

Heller: „Ich kann mir das nicht erklären.“

Die Problematik im Regionalbusverkehr, für den seit dem Jahreswechsel die Stadtbus Tuttlingen Klink GmbH auf dieser Linie zuständig ist, ist laut Heller überall im Landkreis die gleiche: Die Busse lassen wartende Schüler einfach stehen und fahren vorbei, sie sind überfüllt, die Technik im Bus harzt und Fahrkarten können nicht ausgestellt werden oder die Busfahrer haben mit Orientierungsschwierigkeiten zu kämpfen. „Ich kann mir das nicht erklären, dass ein Busfahrer seinen Weg und seine Linie nicht kennt“, kritisiert Heller. Es sei auch vorgekommen, dass der Busfahrer die Schüler aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse gar nicht verstehe.

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Von einem besonders skurrilen Fall berichtet Ulrike Heller zu Beginn dieser Woche. Am Radolfzeller Gymnasium sei es üblich, dass eine Lehrkraft die Schüler beim Einsteigen in den Bus beaufsichtigt. Eine Aufsichtsperson habe dabei beobachtet, wie ein Busfahrer, eine Zigarette geraucht hätte noch während die Schüler einstiegen. Ein Unding, wie die Pädagogin empfindet: „So etwas kann ich nicht verstehen.“

Weitreichende Folgen für Schüler

Die Verspätungen oder Ausfälle sind dabei weitreichender, als es nach außen den Anschein macht. „Für die Schüler stellt das eine erhebliche Belastung dar. Zumal derzeit zahlreiche Klassenarbeiten und Klausuren geschrieben werden“, sagt Ulrike Heller. Sie wisse von Schülern, die am Mittwoch in der ersten Stunde eine Deutschklausur schreiben und Panik hätten, ob sie überhaupt zur Schule kommen. „Wir können aber nicht einfach unseren Klausurplan umstellen“, betont sie.

Keine Antwort aus dem Landratsamt für die Radolfzeller Realschule

Gabriele Wiedemann, Rektorin der Gerhard-Thielcke-Realschule, ist verärgert. Auch an ihrer Schule kommen Schüler zu spät. Deshalb habe sie nach eigenen Angaben eine Beschwerdemail an das Landratsamt geschickt, mit der Bitte um Rückmeldung. Eine Antwort blieb aus. „Ich habe bis heute keine Reaktion erhalten.“ In nahezu allen Punkten schließt sie sich ihrer Kollegin aus dem Hecker-Gymnasium an. Gerade der Randunterricht, also der in der ersten und der letzten Stunde, sei von den Verspätungen oder Ausfällen im Busverkehr besonders hart betroffen. „Der Pflichtunterricht ist damit nur eingeschränkt möglich“, so Wiedemann. In den ersten Tagen nach der Umstellung im Regionalbusverkehr habe sie Berichte erhalten, dass Schüler bis zu drei Stunden zu spät zum Unterricht erschienen.

Lea Josef (siebste Klasse Realschule Radolfzell): „Viele Schüler werden derzeit zur Schule gefahren, weil sie sonst nicht rechtzeitig im Unterrricht sind“. Bild: Gerald Jarausch
Lea Josef (siebste Klasse Realschule Radolfzell): „Viele Schüler werden derzeit zur Schule gefahren, weil sie sonst nicht rechtzeitig im Unterrricht sind“. | Bild: Jarausch, Gerald

Lea Josef geht in die siebte Klasse der Realschule in Radolfzell. Auch sie nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel, um zur Schule zu gelangen und sie weiß: „Viele Schüler werden derzeit zur Schule gefahren, weil sie sonst nicht rechtzeitig im Unterricht sind.“

Milana Fiedler (siebte Klasse Realschule Radolfzell): „Manchmal kam der Bus zu spät, manchmal sogar gar nicht. Die Fahrer haben keine Zeit die Fahrscheine zu verkaufen“. Bild: Gerald Jarausch
Milana Fiedler (siebte Klasse Realschule Radolfzell): „Manchmal kam der Bus zu spät, manchmal sogar gar nicht. Die Fahrer haben keine Zeit die Fahrscheine zu verkaufen“. | Bild: Jarausch, Gerald

Milana Fiedler, ebenfalls aus der siebten Klasse der Realschule, pflichtet ihrer Mitschülerin bei. „Manchmal kam der Bus zu spät, manchmal sogar gar nicht. Die Fahrer haben keine Zeit, die Fahrscheine zu verkaufen“, sagt die Realschülerin.

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Auch an der Radolfzeller Realschule stellt die Verbindung nach Steißlingen mit das größte Problem im Busverkehr dar, wie Rektorin Gabriele Wiedemann betont. Nicht nur, dass Steißlinger Schüler zu spät kämen, sie kommen auch immer wieder nicht an ihrem Bestimmungsort, der Markelfinger Straße 17 in Radolfzell, an. „Ein Bus hätte planmäßig zur Schule fahren sollen, er hielt aber am Bahnhof. So mussten die Schüler laufen und kamen allesamt zu spät“, sagt sie. Ein geregelter Unterricht sei deshalb nicht möglich. „Im Kollegium versuchen wir, wenn dies möglich ist, keine Klausuren in Randstunden zu schreiben“, so Wiedemann weiter.

Beinahe tägliche Beschwerden der Eltern

Beinahe täglich kommt es zu Beschwerden der Elternbeiratsvorsitzenden. Zu Recht, wie Wiedemann empfindet: „Die Eltern organisieren lieber am Morgen noch schnell einen Fahrdienst. Dadurch kommen die Schüler zwar noch immer zu spät, aber wenigstens nur zehn Minuten“, sagt Wiedemann.

Die Lage am BSZ ist entspannter

Laut Norbert Opferkuch, dem Schulleiter am Berufsschulzentrum (BSZ) in Radolfzell, ist die Lage an seiner Schule entspannter. „Auch bei uns gibt es teilweise Probleme mit dem Bus, wenn auch nicht so massiv, weil eben doch viele Schüler volljährig sind. Sie fahren mit dem eigenen Auto und viele kommen auch mit dem Zug“, sagt er. Dennoch seien auch am BSZ Schüler von der Höri sowie aus Gailingen, Gottmadingen, Stockach und Engen von den Verspätungen oder Ausfällen im Busverkehr betroffen. „Ich habe gerade aktuell Schüler, die von Stockach und Engen kommen. Sie bestätigen, dass sie morgens mehrfach zu spät hier sind. Die Busfahrer kennen wohl häufig die Strecken nicht und sprechen schlechtes Deutsch“, so Opferkuch.

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