Die Fassade der Markolfhalle ist heil. Aber beim Blick durch die Fenster ins Innere wird klar: Hier wird kein Sport mehr getrieben, kein Konzert mehr gegeben und keine Fasnacht gefeiert. Die Wände sind angekokelt, ein paar Scheiben zerborsten und der Boden ist abgetragen. Eintritt verboten! Seit dem Brand am 13. Februar 2018 schlägt das soziale Herz des Dorfs nicht mehr, die 2500 Einwohner von Markelfingen müssen schauen, wie sie ohne Halle das Leben organisieren. Das tun sie. Mit einer Mischung aus Trotz, Sportsgeist und auch einer kleinen Portion Wut im Bauch kämpfen sie gegen die Resignation. Die Perspektive ist noch vage. Der Gemeinderat Radolfzell hat Druck gemacht, die Verwaltung will liefern, in drei Jahren soll die neue Halle stehen.

Das Ende vom Fest: Die Mehrzweckhalle in Markelfingen ist in der Nacht von Fasnachtsdienstag auf Aschermittwoch 2018 ausgebrannt. Als wahrscheinliche Brandursache gelten glimmende Kippen im Abfall, nachdem ein technischer Defekt von den Ermittlern ausgeschlossen worden war.  Bild:Gerald Jarausch
Das Ende vom Fest: Die Mehrzweckhalle in Markelfingen ist in der Nacht von Fasnachtsdienstag auf Aschermittwoch 2018 ausgebrannt. Als wahrscheinliche Brandursache gelten glimmende Kippen im Abfall, nachdem ein technischer Defekt von den Ermittlern ausgeschlossen worden war. | Bild: Jarausch, Gerald

Doch bis dann? Drei Jahre sind eine lange Zeit, ein Jahr ist schon verstrichen, die Fasnacht steht vor der Tür. Gerade in den närrischen Tagen zeigt sich die Dorfgemeinschaft. Sie trifft sich und feiert zusammen. Nur wo? Die warme Stube Markolfhalle ist ausgebrannt. Die Mitglieder der Narrenzunft der Seifensieder sind nicht gewillt, die Fasnacht ausfallen zu lassen. Trotzig stemmen sie sich den Widrigkeiten entgegen. Hexenmeister Thomas Böttinger gibt die Parole aus: "Wir machen alles im Freien und Straßenfasnet wie vor 50 Jahren."

Ohne Halle fällt der Seifensiederball aus

Klingt gut, ist aber nicht einfach. Die Auflagen der Behörden sind hoch, die Ansprüche gestiegen, doch die Narren haben einen Plan. Sie setzen auf den "Rostigen Anker", das Vereinsheim der Zunft dient als Anlaufpunkt für Hemdglonker und Kinderball. Der Hemd­glonker zieht am Schmutzige Dunschtig vom Bahnhof rauf ins Oberdorf und endet an dem markanten Gebäude mit dem Anker an der Fassade. Die Seifensieder stellen ein Zelt auf, Strohballen werden als Sitze hingerollt, die Froschenkapelle will spielen, "wie sonst in der Halle", sagt Böttinger. Fabian Rauch ergänzt: "Das wird eine große Besenwirtschaft." Auch der Umzug am Rosenmontag endet mit dem Kinderball am "Rostigen Anker". Es gibt einen kleinen Narrenbaum und Spielstationen. Böttinger klingt noch etwas skeptisch: "Wir werden sehen, ob uns die Bevölkerung unterstützt, den inneren Schweinehund überwindet und auch bei kaltem Wetter erscheint."

Die Seifensieder wollen vor und im "Rostigen Anker" Fasnacht wie früher feiern. Die Organisatoren hoffen auf Zuspruch aus dem Dorf (von links): Alfred Schwarze, Thomas Böttinger, Fabian Rauch und Sebastian Kohl. Bild: Georg Becker
Die Seifensieder wollen vor und im "Rostigen Anker" Fasnacht wie früher feiern. Die Organisatoren hoffen auf Zuspruch aus dem Dorf (von links): Alfred Schwarze, Thomas Böttinger, Fabian Rauch und Sebastian Kohl. | Bild: Georg Becker

Woran alle Improvisationskunst scheitert: Der Seifensiederball fällt ohne Halle aus. Die Alternativparty am Fasnachtssamstag im Sportlerheim ist nur ein emotionaler Trost. Präsident Alfred Schwarze weiß nicht, wie er die Zunft ohne die Einnahmequelle Seifensiederball finanzieren soll: "Wir haben rund 3500 Euro Fixkosten im Jahr." Vielleicht muss der Beitrag von aktuell zehn Euro im Jahr erhöht werden, Schwarze weiß es nicht: "Egal, wir packen es an."

Die Mütter fahren und fahren und fahren

Die fahrenden Mütter von Markelfingen überwinden jeden Tag ihren inneren Schweinehund. Immer wieder heißt es: Fahrdienst für die Kinder zum Sport in die Hallen nach Liggeringen oder Möggingen. Der Spaßfaktor ist begrenzt, zurückfahren lohnt nicht. Maria Wendorf und Heidi Perz haben für den SV Markelfingen das Mutter-Kind-Turnen als Übungsleiterinnen übernommen. Seit sie die acht Kilometer hinauf auf den Bodanrück in die Litzelhardt­halle nach Liggeringen fahren müssen, habe die Attraktivität des Angebots stark abgenommen. "Es kommen immer weniger", klagt Maria Wendorf.

Die fahrenden Mütter von Markelfingen müssen einen hohen Organisationsaufwand bewältigen, um ihre Kinder in die Hallen nach Liggeringen und Möggingen zu bringen (von links): Sabrina Girwert, Kerstin Elbl, Natascha Förg, Maria Wendorf, Heidi Perz und Manuela Hafner. Bild: Georg Becker
Die fahrenden Mütter von Markelfingen müssen einen hohen Organisationsaufwand bewältigen, um ihre Kinder in die Hallen nach Liggeringen und Möggingen zu bringen (von links): Sabrina Girwert, Kerstin Elbl, Natascha Förg, Maria Wendorf, Heidi Perz und Manuela Hafner. | Bild: Becker, Georg

Im Winter wird Fußball bei den Bambinis, der F- und E-Jugend ausschließlich in der Halle gespielt. Die Mütter der Fußballkinder des SV Markelfingen haben Fahrgemeinschaften gebildet, der Fahrplan ist kompliziert. Nicht alle haben ein großes Auto, manche brauchen die Plätze für eigene Kinder. Ohne den Nachrichtenaustausch über eine Whatsapp-Gruppe wären sie aufgeschmissen. "Der Organisationsaufwand ist nicht zu unterschätzen", sagt Manuela Hafner. Vorbei sind die Zeiten, als die Kinder selbst auf dem Fahrrad ins Training gefahren sind. Es gebe so gut wie jeden Tag eine zusätzliche Fahrt, berichtet Sabrina Girwert. Auch für die Trainer sei das ein zusätzlicher Aufwand, sagt Natascha Förg: "Die machen das alle ehrenamtlich." Nach einem Jahr der Markelfinger Kinderlandverschickung kommen die fahrenden Mütter an das Ende ihrer Fahrbereitschaft: "Die Kinder meutern nicht, die Eltern meutern", sagt Sabrina Girwert.

Die Befürchtung: Das Dorfleben stirbt

Die Mütter werfen auch einen kritischen Blick auf den Sport in der Grundschule. Die Hälfte der Zeit für diesen Unterricht säßen jetzt ihre Kinder im Bus. "Die machen nur noch Ballspiele", klagt Kerstin Elbl, das Geräteturnen falle aus. Das fehle, sagt Natascha Förg: "Die Kinder sind benachteiligt, wenn sie auf die weiterführenden Schulen kommen." Auch bei der Einschulungsfeier wird die eigene Halle schmerzlich vermisst. "Wir haben keine Möglichkeit für einen schönen Rahmen", sagt Förg. Unterricht, Sportverein, Fasnacht – Heidi Perz spricht aus, was viele befürchten: "Das Dorfleben stirbt."

Michael Jentsch, Vorsitzender des SV Markelfingen, vor der Halle. Bild: Georg Becker
Michael Jentsch, Vorsitzender des SV Markelfingen, vor der Halle. | Bild: Becker, Georg

Das will Michael Jentsch verhindern. Darum will er mit anderen im Dorf aus dem Bau der neuen Halle ein Bürgerprojekt machen. Der 48-jährige Ingenieur ist Vorsitzender des SV Markelfingen. Der Sportverein zählt 300 Aktive und 300 Jugendliche, bietet Fußball, Tennis, Freizeitsport. Jentsch sieht in der Hallenkrise auch das Positive: "Was toll funktioniert, ist die Zusammenarbeit mit den benachbarten Vereinen, man rückt näher zusammen." Die Absprache über die IG Sport habe gut geklappt, die Sportkoordinatorin der Stadt Karin Heydgen habe einen guten Job gemacht: "Grundsätzlich hat man nach dem Brand alles in irgendeiner Form in der Stadt untergebracht." Was aber Jentsch sehr weh tut: Die Tennis-Kooperation mit der Grundschule fällt aus. "Früher konnten die Kinder im Winter am Ball bleiben."

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Jentsch bangt um die Attraktivität des Vereins für Kinder. Die Mütter befürchten, dass sie ihren Einsatzwillen fürs Fahren verlieren und ihren Kindern die Lust am Sport vergeht. Die Narren hoffen, dass die Fasnacht im Freien ihre Zunft am Leben erhält. Das ist die soziale Bilanz des Hallenbrands.

Gemeinderat macht Rathaus Druck

  • Der Brand: Das Feuer in der Markolfhalle in Markelfingen ist am Dienstag, 13. Februar 2018, ausgebrochen. Die Rettungsleitstelle löste den Alarm um 21.33 Uhr aus, rund 100 Einsatzkräfte aus vier Radolfzeller Abteilungen waren im Einsatz. Die Polizei übergab ihre Ermittlungsakte Ende April an die Staatsanwaltschaft. Ein technischer Defekt wird ausgeschlossen, die Sachverständigen gehen davon aus, dass der Brand durch eine unsachgemäße Entsorgung von Zigarettenkippen entstanden sein könnte. Doch auch dieser Tatbestand sei „nicht hinreichend gesichert“, deshalb hat die Staatsanwaltschaft Konstanz das Verfahren ­eingestellt.
  • Unmut in Markelfingen: Nachdem in einem Notfallplan die verschiedenen Nutzergruppen von Schülern bis Vereinssportlern in andere Hallen untergebracht worden sind, tut sich an dem Brandort gar nichts. Die Stadtverwaltung verweist bei Nachfragen auf das fehlende Brandgutachten der Versicherung. Bei seinem Stammtisch im Oktober in Markelfingen wird Oberbürgermeister Martin Staab im dicht besetzten Sportlerheim mit der versammelten Unzufriedenheit konfrontiert. Daraufhin reißt den Radolfzeller Gemeinderats-Fraktionen von CDU und Freien Wählern der Geduldsfaden, sie stellen den Antrag, Neubau oder Sanierung unverzüglich im Gemeinderat zu behandeln.
  • Wie es weitergeht: Mit großer Mehrheit hat der Gemeinderat der Verwaltung vorgegeben, in Markelfingen eine neue Eineinhalbfach-Halle zu bauen. Geplant wird 2019, die Bauarbeiten sollen 2020 beginnen und 2021 beendet werden. Der Aufbau einer Leichtbauhalle als Ersatz in dieser Zeit wird geprüft.