In wenigen Wochen beginnt für viele Jugendliche in Radolfzell und Umgebung der Ernst des Lebens. Raus aus dem behüteten und geregelten Umfeld der Schule, rein ins Arbeitsleben. Zum September ist offiziell Ausbildungsbeginn und motivierter Nachwuchs wird rar, wie eine Bestandsaufnahme kurz vor dem nächsten Ausbildungsjahr zeigt. Laut Walter Nägele von der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg sind noch 470 Ausbildungsstellen im Bereich Singen und Radolfzell frei. "Wir merken den Nachwuchsmangel sehr", sagt etwa Sarah Konzept von Konzept Metallbau.

Halb so viele Bewerbungen wie früher

"Es wird immer schwieriger", sagt auch Markus Hirling. Er leitet die Firma "Zimmerei + Holzbau Hirling", hier arbeiten drei Auszubildende. Bisher habe es gut funktioniert, für jedes Ausbildungsjahr einen Azubi zu finden, doch die Nachfrage sinke merklich. Früher wären 20 bis 30 Bewerbungen eingegangen, heute sind es laut Hirling noch zehn. Anderen, auch größeren, Firmen geht es ähnlich: Hügli erhält laut Personalleiter Helmut Arndt aktuell 150 Bewerbungen für zehn Stellen, früher seien es aber deutlich mehr gewesen. Und bei Aptar haben sich die Bewerbungen laut Günter Krämer, technischer Ausbildungsleiter, in den vergangenen Jahren nahezu halbiert.

Mehr Ausbildungsverträge als im Vorjahr

Eine besonders unbeliebte Branche kann Walter Nägele nicht ausmachen: "Es geht durch alle Bereiche", sagt der Pressesprecher der Agentur für Arbeit. 54 Einzelhandelskaufleute würden zum Beispiel noch gesucht, 33 Handelsfachwirte, 29 Krankenpfleger und 27 Bäcker. Dabei werden die Zahlen für Radolfzell und Höri mit Singen zusammengefasst. Auf der anderen Seite gebe es noch 240 Bewerber ohne Stelle. Gemeldet haben die Firmen in diesem Jahr 950 freie Stellen, was elf mehr sind als im Vorjahr. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein-Bodensee meldet für den Landkreis Konstanz: Mit Stichtag 31. Juli wurden 938 neue Ausbildungsverträge eingetragen, das seien 6,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Trend geht zum Studium

"Das Handwerkliche ist vielen zu anstrengend", sagt Hirling über eine mögliche Ursache für wenige Bewerber. "Studiengänge scheinen deutlich attraktiver zu sein", bestätigt Sarah Konzept vom gleichnamigen Metallbau. Und die IHK berichtet: "Der Grund für den Nachwuchsmangel liegt zum einen an den geburtenschwachen Jahrgängen, die aktuell die Schule abschließen. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen nach und nach in den Ruhestand, die Wirtschaft brummt und daher werden viele Fachkräfte benötigt." Außerdem würden Jugendliche zunehmend einen höheren Schulabschluss und Studium anstreben. Firmen werden aktiv, um künftige Auszubildende zu gewinnen. Hügli will neben Informationstagen und Schulkooperationen auch mit Seminaren und Auslandsaufenthalten punkten, wie Personalleiter Arndt erzählt. Und Konzept Metallbau will mit einem Film zeigen, wie eine Ausbildung und anschließende Weiterbildung bei ihnen aussehen würde, wie Sarah Konzepter erklärt. "Manche Arbeitgeber tun schon ganz schön viel", sagt Walter Nägele von der Agentur für Arbeit.

Verantwortliche machen Jugendlichen Mut

Er macht angesichts der vielen offenen Stellen noch Hoffnung: "Wer jetzt noch nichts hat, hat weiterhin gute Chancen. Es ist alles noch da." Und auch wenn es erst im nächsten Jahr klappt, macht Günter Krämer als technischer Ausbildungsleiter bei Aptar Mut: Eine nicht so gute Note sei bei einem Handwerksberuf kein Beinbruch. "Ein ordentliches Verhalten ist wichtig, den Rest kriegt man hin."