Wer die Heimat-Chronik der Deutschen Bodensee Zeitung am 11. November 1938 aufschlug, der wurde vor allem eines: desinformiert. Eine kleine Notiz am linken Seitenrand berichtete über Zusammenrottungen, die sich nach dem Attentat auf den Diplomaten Ernst von Rath in Baden Luft machten. Eine große Anzahl von Juden musste zu deren eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen werden. In Konstanz brach ein Brand in der Synagoge aus. Feuerwehrmänner hätten ein Umsichgreifen des Brandes auf umliegende Gebäude verhindert.

Der Artikel verlor kein Wort darüber, wer sich da eigentlich in der Nacht vom 9. auf den 10. November zusammengerottet hatte. Das Wort Brandstiftung wurde ebenso vermieden wie die Nachricht, dass die Synagoge in der Innenstadt in Schutt und Asche lag. In der Radolfzeller Stadtbibliothek erinnerte der Stadtarchivar von Konstanz, Jürgen Klöckler, mit einer Rekonstruktion der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 an die Novemberpogrome in Konstanz und Dörfern im Hegau.

15. Jahrestag des Hitler-Putsches

Die Voraussetzungen für einen Einsatz der Schutzstaffel (SS) im Deutschen Reich seien günstig gewesen, erläuterte Jürgen Glöckler: In der Nacht vom 9. auf den 10. November habe sich wegen des 15. Jahrestages des Hitler-Putsches in vielen Städten die Angehörigen der Schutzstaffel versammelt, um einer Totengedenkfeier und der Vereidigung von SS-Bewerbern beizuwohnen – so auch in Konstanz am Schottenplatz und anschließend im Rathaushof.

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Sämtliche SS-Angehörige der Stadt und der näheren Umgebung nahmen an der feierlichen Aufnahme von SS-Bewerbern teil. Die Vereidigung wurde von SS-Oberführer Walter Stein übernommen und dauerte bis weit nach Mitternacht. Zwischenzeitlich trafen Instruktionen aus Stuttgart oder München in der Dienststelle des 14. SS-Abschnitts am Adolf-Hitler-Ufer, der heutigen Seestraße, ein. Wegen der Feier wurden sie wohl nicht sofort umgesetzt, schätzte Klöckler die Lage ein. Erst nachdem der Dienststelle vorgeworfen wurde, „ob man in Konstanz schlafe“, sei der Pogrom im westlichen Bodenseeraum ausgelöst worden.

Goebbels forderte Gewalt gegen Juden

Zuvor hatte Joseph Goebbels mit einer Hetzrede anwesende Parteigrößen in München aufgeputscht. Angesichts des Pariser Attentats auf den Diplomaten Erich von Rath forderte er unverblümt gewalttätige Reaktionen gegen die Juden in ganz Deutschland. Die anwesenden Gauleiter und SA-Führer eilten zu den Telefonen und instruierten ihre heimischen Dienststellen. Von Berlin aus ergingen weitere Instruktionen über Maßnahmen und das weitere Verhalten der Polizei

„Die Tat war keinesfalls von langer Hand geplant“, so Jürgen Klöckler: Sie sei kurzfristig vom SS-Oberabschnitt aus Stuttgart befohlen worden. Folglich hatten die Brandstifter weder Benzin noch Brandbeschleuniger oder ähnliche Brennstoffe bei sich. Eher dilettantisch und zunächst erfolglos habe die hastig in Räuberzivil gekleidete Konstanzer Allgemeine SS die Synagoge angezündet. Ein Schlosser scheiterte an der neuen Sicherheitstüre. Über rückwändige Türen wurden dann Feuer im Innenraum gelegt.

SS schüchtert Feuerwehr ein

Gegen drei Uhr alarmierte ein Nachbar die Feuerwehr, der die Brandstifter entdeckt hatte. Die ankommende Feuerwehr ließ sich vom anwesenden SS-Oberführer Walter Stein einschüchtern: Reiterpeitsche schwingend soll er lauthals gebrüllt haben: „Die Bude muss weg“. Feuerwehrmänner wurden in das Gerätehaus zurückgeschickt.

Bei neugierig zurückkehrenden Feuerwehrmänner forderte Stein: „Wir brauchen Benzin und kein Wasser, außerdem Gasmasken und Sauerstoffgeräte“. SS-Standartenführer Alfons Graf suchte im Gerätehaus nach Benzin. Feuerwehrmänner öffneten die Dachfenster, um größere Sogwirkungen zu erzielen.

Sprengladungen in der Synagoge

Hilfesuchend wandte sich Walter Stein an das in Radolfzell stationierte dritte Bataillon der SS-Standarte „Germania“ und forderte ein Sprengkommando als Amtshilfe ein. Die seit 1937 in einer neuerbauten Kaserne untergebrachte paramilitärische Sonderheit der SS-Verfügungstruppe unter dem Kommando Heinrich Koeppens sollte auch auf der Höri sowie am Hochrhein Synagogen sprengen, so Klöckler. Das zerstörte Gebälk des Dachstuhls stand in hellen Flammen. Drei Sprengladungen brachten die Konstanzer Synagoge teilweise zum Einsturz.

Die Radolfzeller SS-Standarte Germania nahm ebenso bei der Zerstörung der Synagogen in Gailingen, Wangen und Randegg eine zentrale Rolle ein. Klöckler sieht bei den Konstanzer Novemberpogromen eine von der Allgemeinen SS sowie der Radolfzeller SS-Standarte Germania vorgenommene Zerstörung der Synagoge. Zuschauer verhielten sich zurückhaltend. Die Grenznähe zur Schweiz habe Plünderungen und weitere Ausschreitungen verhindert. Die meisten männlichen Juden seien durch die Gestapo in das KZ Dachau gebracht worden – zunächst mit dem vorläufigen Ziel deren Auswanderung erzwingen zu wollen.