Im Rahmen der Veranstaltungen zum Weltfrauentag stattete Gretchen Dutschke-Klotz Radolfzell einen Besuch ab. In der Stadtbibliothek berichtete die ehemalige Studentenaktivistin und Partnerin von Rudi Dutschke, der Galionsfigur der 68er-Revolten, von ihren Erinnerungen an die damalige politische Situation.

Anschließend äußerte sie sich zur heutigen politischen Lage sowie zur Situation der Frauen. Ins Leben gerufen wurde der Abend von der VHS Landkreis Konstanz in Kooperation mit Terre des Femmes und dem Landkreis Konstanz.

Ruhige Stimme, friedliche Ausstrahlung

Etwa 100 Zuhörer lauschten Gretchen Dutschke, die mit ruhiger Stimme und friedlicher Ausstrahlung Revue passieren ließ, was 1968 in Deutschland geschah und wie sie als Amerikanerin zu einem der bekanntesten Gesichter der Studentenrevolte wurde.

Das Interesse an der Lesung und dem Interview mit Gretchen Dutschke-Klotz in der Stadtbibliothek war groß. Eva Wernert (Terre des femmes, vorne links) stellt gegen Ende der Veranstaltung eine Frage.
Das Interesse an der Lesung und dem Interview mit Gretchen Dutschke-Klotz in der Stadtbibliothek war groß. Eva Wernert (Terre des femmes, vorne links) stellt gegen Ende der Veranstaltung eine Frage.

Als Kind im Klima des Kalten Krieges aufgewachsen, empfand sie das in den USA gezeichnete Feindbild von Russland als angsteinflößend, erzählt die heute 76-Jährige. Stark bewegt habe sie die Lektüre des Tagebuchs der Anne Frank. Damals habe sie sich gefragt, ob sie ebenso großen Mut aufgebracht hätte. Bis heute sei sie unsicher, meint Dutschke zurückhaltend.

Die Begegnung mit Rudi Dutschke

Mut hat das Leben ihr später abverlangt, als sie ihren Mann Rudi, der bei einem Attentat im April 1968 lebensgefährliche Hirnverletzungen erlitt, über Jahre bei seiner Genesung begleitete. 1979 starb er an Spätfolgen der Verletzung.

"Es war wohl Liebe auf den ersten Blick", erzählt Gretchen Dutschke schmunzelnd vom ersten Kennenlernen 1964 in einem Café in Westberlin. Sie war gekommen, um Deutsch zu lernen. Rudi Dutschke, aufgewachsen in der DDR, war wenige Tage vor dem Mauerbau nach Westberlin geflohen, um dort Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft zu studieren.

Gretchen Dutschke (links) signiert ihr Buch "1968. Worauf wir stolz sein dürfen", hier im Gespräch mit dem Journalisten Lutz Rauschnick.
Gretchen Dutschke (links) signiert ihr Buch "1968. Worauf wir stolz sein dürfen", hier im Gespräch mit dem Journalisten Lutz Rauschnick.

Als Student kämpfte Rudi Dutschke mit Kommilitonen gegen verkrustete gesellschaftliche Strukturen, gegen den Kapitalismus. "Wir wollten mehr Demokratie und ein besseres Leben für alle", so beschreibt Gretchen Dutschke die Ziele der sogenannten 68er.

Als Frauen noch kein Bankkonto eröffnen durften

Die Gesellschaft sei damals grundlegend anders gewesen. Viele NSDAP-Mitglieder hätten weiterhin wichtige Ämter bekleidet. Frauen seien in Vielem eingeschränkt gewesen. Beispielsweise hätten sie kein Bankkonto eröffnen können. 1966 begannen größere Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Anfänglich seien sie relativ friedlich verlaufen. Doch bereits damals hätten Polizisten wahllos unbeteiligte Passanten verhaftet.

Später habe sich die Staatsgewalt gesteigert. Aus ihrem Buch "1968. Worauf wir stolz sein können", las Dutschke vor, wie gewaltsam sie das Eingreifen der Polizei bei der Demonstration am 2. Juni 1967 erlebte, bei der der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten getötet wurde.

Schüler sollten mehr über Nachkriegsgeschichte wissen, meint Gretchen Dutschke

In einem anschließenden Interview mit der SÜDKURIER-Politikredakteurin Angelika Wohlfrom und auf Fragen der Anwesenden betonte Gretchen Dutschke, es sei wichtig, die Geschichte zu kennen und darüber zu sprechen. Bei Treffen mit Schülern und Studenten stelle sie oft fest, dass deren Geschichtskenntnisse mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs endeten.

Auf dem Weg zu den demokratischen Strukturen, die das heutige Deutschland ausmachen, habe die 68er-Bewegung eine wesentliche Rolle gespielt. Mit Blick auf die politische Situation Deutschlands sieht Dutschke es für geboten, einerseits die Demokratie zu verteidigen und andererseits eine kritische Haltung einzunehmen. Beispielsweise im Kampf für den Klimaschutz.

Die Frauenrechtlerin

Zeitlebens setzte Gretchen Dutschke sich für Gleichberechtigung der Frauen ein. Ihren Mann Rudi Dutschke bewegte sie dazu, gemeinsam mit den zwei Kindern in Großbritannien und später in Dänemark in einer Kommune zu leben. Nach Rudi Dutschkes Tod wurde der dritte Sohn geboren. Seit 2004 besitzt die aus Illinois stammende Aktivistin neben der amerikanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Heute lebt sie in einer Frauengemeinschaft in Berlin.