Radolfzell – Oberbürgermeister Martin Staab hatte gestern Abend nach der Wahl sein eigenes Fitnessprogramm. Immer wieder lief er vom Bürgersaal die Treppen hinunter zum Wahlamt, um sich nach dem Fortgang der Auszählung zu erkundigen. Wieder oben im Bürgersaal, berichtete er von drei Wahlbeobachtern, die die Auszählung in Augenschein nahmen: "Sie haben nicht gesagt, wer sie schickt oder von welcher Partei sie kommen, aber eine Vermutung liegt nahe." Die AfD hatte angekündigt, Wahlbeobachter zu entsenden. Die Beobachter hätten sich Notizen gemacht, aber keine Beschwerden zu Protokoll gegeben. "Offiziell wissen wir noch nichts", sagte Staab.

Ortsvorsteher Hermann Leiz brachte als Wahlvorstand des Wahlbezirks Liggeringen Ergebnis, Stimmzettel und Urne nach Radolfzell ins Rathaus. Auch er berichtete, dass eine Wahlbeobachterin drei Minuten vor 18 Uhr im Wahllokal in Liggeringen aufgetaucht sei. "Ich habe das Wahllokal kurz für die Öffentlichkeit geschlossen und dann – wie es vorgeschrieben ist – für die Auszählung wieder geöffnet." Hermann Leiz zuckte mit den Achseln, mit solchen Auftritten war zu rechnen. Überraschter war Hermann Leiz bei der Sichtung der Stimmzettel. Viele gaben Andreas Jung etwa in Stahringen die Erststimme, genau waren es dort 312. Aber deutlich weniger kreuzten die CDU bei der Zweitstimme an, da waren es nur 210 Stimmen. "Und auch da gab es keinen eindeutigen Trend, die Zweitstimmen wechselten quer durch alle Parteien", stellte Leiz für Liggeringen fest.

Eine Beobachtung, die für viele Wahlbezirke in Radolfzell und für das Gesamtergebnis gilt. Jung liegt bei den Erststimmen mit deutlichem Abstand vor den Kandidaten aller anderen Parteien. CDU-Stadtrat Christof Stadler informierte sich im Bürgersaal über die Auszählung in den einzelnen Wahlbezirken. Stadler hatte in Radolfzell Wahlkampf für die CDU gemacht: "Ich hoffe, dass der Andi Jung ein gutes Ergebnis hat, er hat für die Region gut geschafft." Das sehen auch die meisten der Wähler so. Aber an sein Ergebnis der Bundestagswahl 2013 mit überragenden 52,5 Prozent in Radolfzell kommt er nicht heran, Jung erreicht 46 Prozent und verliert damit 6,5 Prozentpunkte, die CDU sinkt von 42,3 auf 33,8 Prozent.

Das Auszählen dauerte im Rathaus Radolfzell bis kurz nach 22 Uhr. Ursache waren rund 6000 Briefwähler die in vier Stimmbezirken ausgezählt wurden. OB Staab: "Wir haben die Zahl der Wahlhelfer erhöhen müssen."