Wer Jaqueline Kramer betrachtet, wie sie auf zahlreichen Bildern im Internet oder zuletzt auch auf Plakaten in Konstanz zu sehen ist, sieht sie auf einer Treppe in Mallorca sitzend oder als Fantasiewesen mit mächtiger perlenbestickter Krone. Die 25-Jährige aus Radolfzell wandelt sich in nur wenigen Klicks vom Mädchen von nebenan zur zauberhaften Elfe, von der Studentin zum Model. Heute sei sie ein klein wenig stolz, wenn sie ihre Bilder sehe. "Weil ich weiß, wie ich vor zehn Jahren teils das Haus nicht verlassen wollte." Das Modeln habe ihr gezeigt: "Man kann auch klein sein und Makel haben und trotzdem schöne Bilder machen."

"Ich hätte mich früher niemals vor eine Kamera gestellt"

Vor sechs Jahren hat die Studentin, die derzeit ihr Masterstudium abschließt, ein Hobby für sich entdeckt, das sie sich zuvor schwer vorstellen konnte. "Ich hätte mich früher niemals vor eine Kamera gestellt", sagt Jaqueline Kramer. Seit ihrer Kindheit litt sie unter einem vermeintlichen Makel ihres Körpers: ein Feuermal. Die krankhafte Erweiterung der Blutgefäße zeigt sich bei ihr besonders an der Innenseite eines Beins, das wie mit Flecken übersät ist. Um das zu verdecken, habe sie jahrelang ausschließlich lange Hosen getragen. Doch das Modeln habe ihr geholfen, sich mit dem Feuermal zu arrangieren: Entweder posiere sie so, dass die Innenseite des Beins verdeckt ist, oder es werde retuschiert. "Es gibt ohnehin immer eine Hautretusche", sagt sie. "In eine Agentur könnte ich so nicht – doch dafür bin ich auch zu klein."

Hobby statt Job: Sie will die Bilder nicht verkaufen

Auch ohne Agentur und mit Feuermal ist die 25-Jährige regelmäßig in ganz Süddeutschland und der Schweiz unterwegs, um sich ablichten zu lassen. Die Bilder entstehen dabei meist auf TFP-Basis. Das bedeutet, dass der Fotograf mit einem Motiv und das Model mit Aufnahmen entlohnt wird, ohne dass Geld fließt. Das habe den Vorteil, dass sie selbst die Bilder mitgestalten könne. "Ich habe kein Interesse daran, Bilder zu machen, um sie zu verkaufen", sagt Jaqueline Kramer. Stattdessen sammle sie die schönen Ergebnisse, das seien ja auch Erinnerungen. Kramer vergleicht ihr Hobby mit der Kunst: Ein Künstler male ja auch, um zu malen. Und doch gibt es große Plakate von ihr in Konstanz: Ein Geschäft habe ihr Produkte für ein Shooting zur Verfügung gestellt, das Ergebnis können nun auch Passanten bewundern. Einmal habe sie bereits jemand erkannt. Und wenn sie selbst daran vorbeilaufe, müsse sie grinsen.

Jaqueline Kramer aus Radolfzell modelt neben Studium und Beruf. Das Ergebnis ist immer auch ein Kunstprodukt, betont sie. Bild: Geraldine Lamanna / Gestiefelte Katze
Jaqueline Kramer aus Radolfzell modelt neben Studium und Beruf. Das Ergebnis ist immer auch ein Kunstprodukt, betont sie. | Bild: Geraldine Lamanna / GestiefelteKatze

Pärchenshooting machte den Anfang

Viele der Fotografen hat Jaqueline Kramer im Lauf der Jahre kennen und schätzen gelernt. Ein Fotograf war es auch, der sie zu den ersten Bildern einlud: ein Pärchenshooting in Radolfzell. "Danach war ich total überrascht, dass ich das bin auf den Fotos", erzählt die 25-Jährige. Im sozialen Netzwerk Facebook habe sie dann Bilder von alternativen Models gesehen – alternativ, weil sie nicht dem Ideal vom hochgewachsenen Körper mit den Maßen 90-60-90 entsprechen oder weil sie ungewöhnliche Inszenierungen bevorzugen. Und beim Betrachten der Bilder anderer habe sie gedacht: "Das kann ich auch probieren." Also meldete sie sich online bei einer Modelkartei an, vereinbarte Shootingtermine und posierte für die ersten Bilder. "Anfangs habe ich immer jemanden mitgenommen, doch ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht", sagt sie. Mit mehreren Fotografen sei sie heute sogar gut befreundet.

Auf Familienfotos gefällt sie sich auch heute nicht

Ein wenig verwundert sei sie aber noch heute, wenn sie ihre Bilder ansehe: "Ein Foto ist ein Kunstprodukt. Man kann das nicht mit der Person im realen Leben vergleichen." Sie sei beispielsweise immer noch nicht gut bei Familienfotos. Beim Modeln weiß sie allerdings, worauf sie achten möchte: "Der Ausdruck ist das wichtigste." Körperteile können ungeahnt zu Problemstellen werden: Hände würden nur seitlich gut wirken, nie frontal. "Das kann man auch ein bisschen üben – für gewöhnlich stehe ich aber nicht zuhause und übe Posen", erklärt die 25-Jährige und lacht. Die Bilder wurden im Lauf der Jahre immer vielseitiger, aufwändiger und professioneller. "Ich wollte alles mal ausprobieren." Heute mag Kramer neben Fantasy-Bildern auch Modeshootings und Portraits.

Jaqueline Kramer ist stets anders in Szene gesetzt, hier beispielsweise natürlich auf einem Feld. Hände sind beim Modeln ein schwieriger Punkt, sagt sie. Bild: Nadja Ellinger/Spiegellicht
Jaqueline Kramer ist stets anders in Szene gesetzt, hier beispielsweise natürlich auf einem Feld. Hände sind beim Modeln ein schwieriger Punkt, sagt sie. | Bild: Nadja Ellinger / Spiegellicht

Fotografiert wird dann von morgens bis abends

"Es ist ein zeitaufwändiges Hobby", fasst die 25-Jährige zusammen. Früher habe sie zwischen 20 und 24 Shootings im Jahr gemacht, Höhepunkt war letztes Jahr eine Fotoreise nach Mallorca. Dieses Jahr sei es arbeitsbedingt deutlich weniger: "Mal sehen, wie viel Zeit ich künftig dafür habe." Ein Tag mit Shooting könne lang werden: Morgens ab 8 Uhr wird geschminkt und gestylt, anschließend meist bis zum Abend fotografiert. Dabei wird die Umgebung mehrmals umgestaltet, auch Jaqueline Kramer zieht sich mehrfach um. Kleidung und Utensilien gehören teils ihr, teils den Fotografen, teils werden sie von Firmen zur Verfügung gestellt. Mit dem Effekt, dass dann Plakate mit ihrem Abbild ihren Heimweg schmücken.