Wer vegan lebt, hat unterschiedliche Motive. Angetrieben vom Tier- und Umweltschutz oder den Tierrechten und der Ethik wurde am Welt-Vegan-Tag im Radolfzeller Milchwerk über die Zukunft der Agrarpolitik diskutiert. Veranstalter Reiner Degen aus Stockach sieht in der veganen Lebensweise auch einen Schutz vor dem Klimawandel und eine Sicherung der Welternährung. Obwohl der Lebensmittelhandel sich bereits auf vegane Lebensweise eingestellt habe, erlebt Degen eine Grenze in der Macht der Verbraucher. In seinem Vortrag regte er ferner zu neuen politischen Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft an.

Veganer werben für ihre Überzeugung. Dafür zum Beispiel, dass im Gegensatz zum Fleisch die vegane Ernährung ethisch unbedenklich sei. Eckhard Rehling-Radzom, einer der Besucher im Milchwerk, erinnert sich an seine Kindheit und wie er 1951 als Zwölfjähriger zum ersten Mal mit dem Thema Veganismus konfrontiert wurde. Am gedeckten Mittagstisch weigerte sich plötzlich sein Vater, Tiere für das Essen zu schlachten. In der Nachkriegszeit hatten die Eltern Hasen mit Küchenabfällen gemästet – der Vater schlachtete sie, die Mutter bereitete sie zu. Doch während der Mastzeit baute der Vater ein emotionales Verhältnis zu den Tieren auf. "Wir konnten nicht klarstellen aus welchen Motiven heraus er uns etwas mitteilen wollte. Aus seiner Seelennot und seinem Gewissen sagte er uns dann, was in Zukunft nicht mehr ging. Das mussten wir verstehen. Ob wir wollten oder nicht."

Verschiedenste Gründe vegan zu werden

Seit neun Jahren verzichtet Agnes Lukas auf den Konsum von Fleisch. Zunächst sei die Umstellung schwierig gewesen, erzählt die Stockacherin. Doch letztlich schmeckte ihr die veränderte Küche und sie bemerkte, dass sie auf Fleisch verzichten konnte. Zum Vegetarismus kam sie durch die TV-Nachrichten aus der Dritten Welt und der für sie als illegitim empfundenen Aneignung von Agrarflächen.

Stefan und Diana Hüsges sind eine (fast) vegan lebende Familie. Die Wende in ihr Hilzinger Leben brachte der Film "Wände aus Glas" mit dem britischen Sänger Paul McCartney. Die Bilder seien ein Schock gewesen, erläutert Diana Hüsges. Die Familie beschloss vegan zu leben. Die Ehefrau engagiert sich seitdem auch im Tierschutz und hält Mahnwachen. Im Hauptberuf ist Stefan Hüsges Schornsteinfeger. Beim Reinigen der Rauchkammer eines Metzgers erlebte er eine sterbende Kuh, die zu Boden krachte. Das Geräusch und der zitternde Boden ging ihm durch Mark und Bein, hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck.

Ähnliche Erfahrungen sammelte Ursula Lehner. Die Unternehmerin aus Radolfzell sieht die herrschende Kultur als ein Hindernis für die vegane Lebensweise. Sie empfiehlt zur Stärkung der veganen Gemeinschaft die Bildung von Einkaufsgemeinschaften.

Politik soll handeln

Das vegane Leben würde von drei Säulen getragen, fasst Reiner Degen in seinem Vortrag zusammen: "Der Schutz der Tiere und der Umwelt, die Gesundheit der Menschen und ein ethischer Ansatz, der sich auf jegliches Leben überträgt." Ein Veganer wolle zudem in allen Lebensbereichen gewaltfrei leben. Manche Vertreter etablierter Parteien würden bereits die Reduktion vom Fleischkonsum empfehlen, erläutert Gerhard Fischer aus Überlingen, es seien Spielräume von bis zu 25 Jahren angedacht. Doch dem Mitverfasser eines Manifestes des veganen Humanismus dauert das zu lange. Er verlangt von der Politik schnellere Rahmenbedingungen, die Landwirten eine biologische Land- ohne Tierwirtschaft ermöglicht. Dabei schlägt er eine Angleichung der Mehrwertsteuer für Fleisch und Milch auf 19 Prozent vor und die Umlenkung von deutschen und EU-Agrarsubventionen als Starthilfe für Kleinbauern. Laut Gerhard Fischer könnte so auch das Hofsterbens begrenzt werden.

 

Was ist vegan?

Bei veganer Lebensweise werden alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs wie Fleisch, Fisch, Milch, Eier, Gelatine oder Honig vermieden, konsequenterweise auch die Nutzung von tierischen Produkten. Der Handel vermarktet zunehmend Produkte als vegan, die auch von anderen Konsumenten angenommen werden. Veganer achten ferner auf Produkte, die ohne Tierversuche hergestellt wurden.

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