Je näher der Termin für die Kommunalwahl am 26. Mai rückt, desto mehr schenken die Radolfzeller Stadträte in ihren Gemeinderatssitzungen Einzelinteressen ihre Aufmerksamkeit. Ja: Ein Gasanschluss für die Imbiss-Gastronomie im neuen Seebad liegt im Interesse einiger weniger. Vielleicht will der neue Pächter einen, vielleicht wollen die künftigen Badegäste wirklich eine Gourmet-Grillwurst, bestens temperiert von einem gasgetriebenen Vollprofiherd. Für dieses Anliegen der Gruppe "Mettnau für alle" wird eine ganze Tagesordnung umgeschmissen und dieser letzte Tagesordnungspunkt "Verlegung einer Gasleitung an die Gebäude Seebad und DLRG" nach vorne gehievt. Ist ja auch wichtiger als die Seetorquerung oder die Bebauungspläne Hermann-Albrecht-Klinik und Stürzkreut.

65 Minuten Diskussion über einen Gasanschluss

Wo ist die Verhältnismäßigkeit? – Die Antwort lautet: Es gibt sie nicht. Dieser Punkt ist so wichtig, dass darüber 65 Minuten diskutiert und ein Antrag auf Ende der Rednerliste abgelehnt wird. Denn hier geht es um beste Gastronomie am See, die womöglich mit einem Stern ausgezeichnet wird. Das ist begreifbar, das ist konkret, darüber wird man doch diskutieren dürfen, das wird man doch wohl verlangen dürfen. Oder um es mit Walter Hiller, Stadtrat der Freien Wähler, zu sagen: "Professionelle Küchen haben Gasanschlüsse." Und wenn ein Walter Hiller will, dann kaut er so lange darauf rum, bis der letzte im Bürgersaal begriffen hat: "Gas kommt den Pächter immer günstiger."

Wer denkt an den Steuerzahler?

Aha. Und für den Steuerzahler? Also nicht nur für Walter Hiller, den künftigen Pächter, die Mitglieder der Gruppe Mettnau für alle und den Stadträten, die unbedingt eine Wurst auf Gasflamme gegart haben wollen – kommt es für alle Steuerzahler in Radolfzell auch günstiger, wenn das Seebad und das ­DLRG-Gebäude einen Gasanschluss bekommen? Der Architekt rechnet mit zusätzlichen Kosten zwischen 50 000 und 100 000 Euro. Und es wird wieder ein fossiler Brennstoff verbraucht, statt auf die geplanten erneuerbaren Energien mit Photovoltaikanlage und Luftwärmepumpe zu setzen.

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Kann man machen. Ist dann aber von vorgestern. Dem gesamten Gemeinderat wäre eine Ohrendröhnung der protestierenden Schüler bei der Demo "Fridays for Future" zu gönnen. Die 500 skandierten bei ihrem Marsch vom Milchwerk zum Marktplatz: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!" Sie haben recht mit ihrem Chor, den sie direkt der Generation über 50 Jahre auch hier in Radolfzell zurufen. Klimaschutz beginnt heute. Wer das Einzelinteresse Gasanschluss fürs Seebad mit solch einer Vehemenz betreibt, der nimmt die Verlotterung der Debattenkultur billigend in Kauf. Sorge ums Allgemeinwohl sieht anders aus.