Weniger Bürokratie auf Kosten der Flexibilität. Mit dem neuen Konzept der Kinderzeit, der städtischen Betreuung für Grundschulkinder, wollte die Stadtverwaltung das häufige Umbuchen der Angebote reduzieren, um den Verwaltungsaufwand zu reduzieren. Folglich sollen Eltern nur noch zwei Mal pro Schuljahr das Angebot wechseln können. Für Anselm Böhmer, Antje Goll und Melanie Hernando sind diese und andere Neuerungen der Kinderzeit völlig am Leben vieler Familien vorbeigeplant.

Anmeldetermin ist unrealistisch

Anselm Böhmer hat vier Kinder im Alter von ein bis neun Jahren. Keines seiner Kinder nimmt ein Angebot der Kinderzeit in Anspruch, dennoch möchte er sich für andere Familien stark machen, die darauf angewiesen sind. "Die Anmeldung für ein Angebot am 1. Juli ist viel zu früh. Eltern erfahren die Schulzeiten ihrer Kinder erst in der ersten Schulwoche", sagt er. Auch sei dieser frühe Termin für einige Berufsgruppen nicht kompatibel. Beispielsweise Lehrer würden ebenfalls erst zwei Wochen vor Schulbeginn ihren Stundenplan bekommen und wüssten auch erst dann, welchen Betreuungsbedarf sie eigentlich haben. Sicher gäbe es Familien, die ihren Bedarf bereits im Juli wüssten, andere müssten ins Blaue buchen und hätten dann nicht einmal die Gelegenheit dies zu ändern. Das neue Konzept der Kinderzeit sieht vor, dass nur noch zum Halbjahr hin eine Umbuchung stattfinden kann.

Längere Öffnungszeiten sind positiv

Die Verlängerung der Betreuungszeiten sehen alle drei als positiv an. "Es ist gut, dass Eltern nun diese Option haben", sagt Antje Goll. Ihr Sohn kommt im Herbst in die Schule, sie ist berufstätig und hat vor, das maximale Betreuungspaket zu buchen. Das heißt: Ihr Sohn kann von 7.30 bis 18.30 Uhr in der Grundschule bleiben und wird dort betreut. Allerdings hat sie nicht vor ihn tatsächlich regelmäßig so lange auch in der Schule zu lassen. "Der Arbeitgeber verlangt Flexibilität und ich erkaufe mir diese damit", sagt sie. Viele Familien könnten sich das allerdings finanziell nicht erlauben. Diese würden durch das neue Kinderzeit-Konzept benachteiligt, sagt Antje Goll. Was sie auch problematisch sieht: Man müsse laut immer die Vormittagsbetreuung mitbuchen, um eine Nachmittagsbetreuung in Anspruch nehmen zu können. Selbst wenn der Vormittag für Familien gar nicht notwendig sei. Auch an diesem Punkt sehe sie den tatsächlichen Bedarf der Familien nicht erkannt.

Geschwisterrabatt wird abgeschafft

Ein weiterer Kritikpunkt ist der fehlende Geschwisterrabatt. Melanie Hernando ist alleinerziehend, hat zwei Kinder, arbeitet in Teilzeit. Sie ist auf die Kinderzeit-Betreuung angewiesen, um überhaupt arbeiten zu können. "Ich empfinde den fehlenden Geschwisterrabatt als eine Unverschämtheit. Familien mit mehr als einem Kind werden zusätzlich belastet, das ist nicht familienfreundlich", sagt sie. Gerade Alleinerziehende oder Familien mit geringem Einkommen seien mit dieser Neuerung benachteiligt. Dass die Zeller Karte alle erreiche und so für eine soziale Gerechtigkeit sorge, bezweifeln alle drei. "Es gibt genug Familien, die auf dem Papier nicht als arm gelten und dennoch an diesen Kosten zu knabbern hätten", sagt Melanie Hernando. Für die maximale Betreuungszeit müssen Eltern 120 Euro pro Monat und Kind bezahlen.

Stadt ist gefragt

Anselm Böhmer, Antje Goll und Melanie Hernando engagieren sich auch im Gesamtelternbeirat Kita und wünschen sich von der Stadtverwaltung ein organisatorisches Konzept, welches der Lebenswelt vieler Familien entspricht. Sie gehen davon aus, dass viele Eltern längere Betreuungszeiten wählen und für sie bezahlen, ohne diese am Ende auch in Anspruch zu nehmen. Gerecht sei dies nicht. "Das Kinderzeit-Modell, wie es jetzt geplant ist, schafft es nicht, Eltern in ihrer gesellschaftlichen Leistung zu unterstützen", sagt Anselm Böhmer.