Im Landratsamt wird der Sitzungssaal geräumt. Zwei Busse voll Demonstranten werden zur Unterschriftenübergabe erwartet, Frauen und Männer, die sich um die Geburtenstation am Radolfzeller Krankenhaus sorgen. Es ist aber nur eine Autoladung voll, die bei Landrat Frank Hämmerle vorspricht und ihm über 10 000 Unterschriften in zwei Aktenordnern in die Hand drückt – ein Missverständnis also, die zwei Busladungen kommen erst zur Demo vor der Kreistagssitzung am Montag. Die Saalräumung ist ein kleines Detail nur in der emotionalen Debatte rund um die Zukunft der Radolfzeller Geburtshilfe, aber ein aussagekräftiges. Das Thema beschäftige ihn zur Zeit wie kein anderes, sagt Hämmerle im anschließenden Pressegespräch und noch dazu sei er die Anschuldigungen leid, der Klinikverbund ließe das Radolfzeller Krankenhaus gezielt ausbluten. Der Standort sei schließlich mit der Geriatrie strategisch gestärkt worden.

Die Geriatrie wäre auch der Nutznießer, sollte es keine Lösung für die Geburtshilfe geben. Die Abteilung würde dann in Radolfzell erweitert, "da gibt es eine riesige Nachfrage" und Geld lässt sich damit auch noch verdienen. Auch die 24 Stunden Notversorgung will der Klinikverbund aufrecht erhalten und den Operationssaal nachts vorhalten – obwohl etwa 98 Prozent aller nächtlichen Operationen aus der Geburtenabteilung stammen. Es gibt also schon einen Plan des Gesundheitsverbundes für eine Zeit nach der Geburtenhilfe.

Frank Hämmerle macht im Vorfeld der Kreistagssitzung am kommenden Montag keinen Hehl daraus, dass er es nicht für sinnvoll hält, Geld in den laufenden Betrieb zu pumpen. "Die Wirtschaftlichkeit des Gesundheitsverbunds ist das Ziel. Es wäre ein Sündenfall, eine Abteilung zu subventionieren, dann kommt übermorgen die nächste an", sagt er gegenüber Nina Breimaier, Karin Neubert, Christine Stanic, Karin Vögele und Christoph Stetter, die mit den Unterschriften auch ein Signal überreichen wollen.

Ähnlich formuliert es der Geschäftsführer des Klinikverbundes, Peter Fischer. Es gebe in der Geschäftsführung kein Verständnis dafür, Geld in die Hand zu nehmen, um das Belegarztsystem zu erhalten. Er betont gleichzeitig, dass es im Verbund keine Absicht gegeben habe, die Station zu schließen. Radolfzell habe einen guten Ruf und gute Qualität zu bieten. Die aktuelle Entwicklung sei aus der Problematik um die gestiegenen Versicherungsprämien entstanden. Sollte die Station schließen, könnten die Geburten in Konstanz und Singen sowohl personell als auch räumlich aufgefangen werden. "Wir können sicherstellen, dass Frauen weiterhin bei hoher Qualität entbinden", sagt Fischer gegenüber der Presse. In Singen werde rasch ein vierter Kreißsaal gebaut, dort stehen außerdem weitere bauliche Investitionen an mit einem Volumen von etwa 5 Millionen Euro. Das Personal aus Radolfzell, also die Hebammen, würden auf die beiden großen Standorte verteilt.

Aber wie könnte die Entbindungsstation doch noch gerettet werden? Der Kreistag berät am Montag über den Antrag Radolfzeller Räte, dass der Landkreis das Defizit übernimmt und eine in etwa gleiche Kostenteilung zwischen Landkreis, Spitalfonds Radolfzell und den Belegärzten verhandelt. Die Belegärzte seien aktuell aber nur bereit, 50 000 Euro beizusteuern, sagt Hämmerle. Eine Übergangslösung wollten diese ebenfalls nicht ermöglichen, sondern eine Garantie für fünf Jahre. Das bestätigt Matthias Groß, einer der drei Radolfzeller Gynäkologen, gegenüber dem SÜDKURIER. Er ist es leid, dass den Ärzten der schwarze Peter zugeschoben wird. "Ein Kollege geht in den Ruhestand und wir können keinen Nachfolger nur für ein paar Monate oder ein Jahr gewinnen. Wir brauchen Sicherheit, auch beim Personal vor Ort, um zuverlässig arbeiten zu können." Sollte der Kreistag am Montag gegen den Antrag stimmen, wird am 24. Dezember das letzte Baby in Radolfzell geboren. Die Haftpflichtversicherung läuft bis zum Jahresende. "Dann muss die Station leer sein", sagt Groß.
 

Von der Versicherungsprämie zur Demonstration

  • Die Vorgeschichte: Die Radolfzeller Geburtshilfe steht vor dem Aus, weil die Haftpflichtversicherung der Belegärzte ab dem kommenden Jahr deutlich steigen würde: von 43 000 Euro im Jahr auf 150 000 Euro. Damit wäre der Betrieb für die drei Belegärzte nicht mehr wirtschaftlich. Eine Alternative wäre ein Honorarbelegarztmodell, in dem die niedergelassenen Gynäkologen vom Klinikverbund für ihre Leistungen bezahlt werden. Dann verringerte sich auch die Versicherungsprämie auf etwa 110 000 Euro. Dem Verbund würden insgesamt Kosten von etwa 420 000 Euro entstehen, bestehend aus der Versicherung und dem Honorar der Ärzte, so die Berechnung der Geschäftsführung. Die Ärzte sowie die Radolfzeller Werner- und Erika-Messmer-Stiftung haben zugesagt, sich zunächst mit je 50 000 Euro jährlich daran zu beteiligen, die Stadt Radolfzell könnte über den Spitalfonds 160 000 Euro jährlich beisteuern. Das Defizit solle der Kreis übernehmen, so der interfraktionelle Antrag von Radolfzeller Kreisräten, über den am Montag, 19. Dezember, 14 Uhr abgestimmt wird. Die Sitzung ist öffentlich.
  • Busfahrt zur Sitzung: Die Initiatoren der diversen Unterschriftenaktionen und der Online-Petition planen auch eine Demonstration direkt vor der Kreistagssitzung. Diese findet statt am Montag, 19. Dezember, ab 13.30 Uhr vor dem Landratsamt. Zur Kreistagssitzung gibt es ebenfalls eine kostenlose Busfahrt ab Radolfzell. Abfahrt ist am Montag, 19. Dezember, 12.30 Uhr am Radolfzeller Messeplatz in der Güttingerstraße. Um Anmeldung wird gebeten, mit Namen und Personenzahl unter der E-Mail-Adresse geburtshilferado@web.de. „Damit wir die Anzahl der Busse planen können, die uns von der Firma Kögel kostenlos dafür zur Verfügung stehen“, so die Initiatorin Nina Breimaier. Die Rückfahrt wird nach dem Beschluss im Kreistag sein, dieser ist als Punkt 4 auf der Tagesordnung eingeplant, zuvor sind nur kurze Punkte angesetzt. „Es wäre toll, wenn die Demo-Teilnehmer auch Utensilien wie Rasseln, Babypuppen oder Störche mitbringen würden“, ergänzt Nina Breimaier. (aa/cse)


Weitere Informationen im Internet: www.radolfzeller-babys.de