Tiam Ehsani ist ein Träumer. Ein junger Träumer, dem früh bewusst wurde, dass das Land, in dem er aufwuchs, den Raum für seine Träume nicht gewähren würde. Da entschied er, aufzubrechen und sich eine neue Heimat zu suchen.

Tiam Ehsani verlässt seine Heimat, den Iran, mit 25 Jahren. Damals weiß er nicht genau, wo er sich ein neues Leben aufbauen würde. Klar ist ihm, dass der Iran ihm nicht genügend Heimat bietet. "Es gibt keine Perspektive und keine Freiheit dort für Afghanen". Seine Eltern waren einst in den Iran geflüchtet, doch das Land, das seine Familie aufnahm, bot ihm und seinen Geschwistern kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Als Afghane dürfe man weder studieren noch eine Berufsausbildung absolvieren. Nach der neunten Klasse beendete er die Schule und arbeitete als Steinmetz. Von einem anderen Leben hat Tiam Ehsani jedoch schon früh geträumt. "Ich wollte schon als Kind nach Europa, aber meine Familie war arm."

Als Ehsani den Iran verlässt, ist seine Familie, Mutter und Geschwister, dagegen. Der junge Mann wollte aber unbedingt nach Europa, wollte in Freiheit leben, nicht weiter diskriminiert werden. Dafür nimmt er die Mühe der Flucht auf sich: Er vertraut sich Schleppern an, überquert die iranisch-türkische Grenze zu Fuß, erreicht das Mittelmeer und übersteht die Überfahrt in einem brüchigen Boot. "Ich hatte Angst, aber ich wollte nicht wieder zurück".

In Griechenland erlebt Tiam Ehsani Hilfsbereitschaft: "Die Einwohner haben uns mit Essen empfangen, als wir mit den Booten ankamen, das war sehr nett". Verwundert nimmt er zur Kenntnis, dass er als Flüchtling in einem christlichen Land mit mehr Hilfsbereitschaft rechnen kann als in der Türkei bei muslimischen Glaubensbrüdern.

In Deutschland stellt Tiam Ehsani einen Asylantrag, aber Afghanen haben schlechte Chancen auf Anerkennung. Der 28-Jährige entschließt sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Er konvertiert zum Christentum. Ohne Vorbereitung geht das natürlich nicht. Der christliche Glaube habe ihn schon als Kind interessiert, sagt Tiam. In Radolfzell angekommen geht er zur "großen Kirche", dem Münster, das ihn beeindruckt. "Ich dachte, was passiert, wenn ich wechsle? Der Islam ist nicht meine Religion. Er ist nicht schlecht, aber nicht meine Wahl." Mitglieder des Freundeskreises Asyl nehmen ihn in den evangelischen Gottesdienst in der Christuskirche mit. Er besucht den Bibelunterricht bei Pfarrerin Brigitte Haug und vor sechs Monaten ist er getauft worden.

Mit der Entscheidung hat Tiam Ehsani eines seiner Probleme gelöst und sich ein anderes eingehandelt. Flüchtlinge aus dem Iran, die zum Christentum konvertieren, werden in der Regel als Asylbewerber anerkannt, weil bei einer Rückkehr Lebensgefahr für sie bestünde. So auch in Tiam Ehsanis Fall. Er ist nun anerkannter Flüchtling. Seine Familie reagiert weniger gelassen. "Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich konvertiert bin, war sie sauer. Sie sagte, das neue Leben sei es nicht wert, die Religion zu wechseln." Mit seinen Geschwistern will er über das Thema nicht sprechen. Den Kontakt zur Familie hält er über die sozialen Netzwerke, er glaubt aber nicht, dass er seine Familie wiedersehen wird: "Es war meine Wahl, zu gehen."

Dass Flüchtlinge den kirchlichen Schutz ausnutzen, um ein Bleiberecht in Deutschland zu erlangen, glaubt Christian Link, Pfarrer in der Christusgemeinde, nicht. Der Bibelunterricht finde einmal pro Woche statt, wer nach einem Jahr überzeugt sei, werde an Pfingsten getauft. Die Kandidaten müssten also lange durchhalten und Interesse zeigen. "Barmherzigkeit, Liebe, Vergebung – diese drei Themen finden diese Menschen im Islam nicht, wohl aber im Christentum", erklärt Link. Die Integration der Afghanen aus dem Iran in der Gemeinde funktioniere im Übrigen problemlos: Beim Kirchencafe seien sie regelmäßig und verhielten sich sehr hilfsbereit. Die jungen Neumitglieder täten zudem dem Altersschnitt in der Gemeinde gut.

Tiam Ehsani ist schon einen Schritt weiter. Er möchte als Kellner Geld verdienen, nach Hamburg ziehen und dort, wo er einen Freund hat, als Musiker und Künstler leben. Im Iran hat er bereits Lieder geschrieben, er traue sich Auftritte zu. Mit Jugendlichen hat er vor kurzem im Keller des Kletterwerks ein großes Transparent bemalt. Das Leben als Künstler gefällt ihm. Noch mehr schätzt er die Freiheit, seinen Traum zu leben, wie auch immer erfolgreich er damit sein mag.

 

Situation im Iran

Es gibt im Iran ein kompliziertes Verfahren, das Afghanen durchlaufen müssen, um als Flüchtlinge bleiben zu können. Große Teile des Landes können von Afghanen nicht bereist werden, wie die Organisation Human Rights Watch (HRW) berichtet. Afghanische Kinder können zwar zur Schule gehen, schon bei der Berufsausbildung und bei der Arbeitswahl sind die Einschränkungen extrem. Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit seien an der Tagesordnung, heißt es bei HRW weiter. Viele junge afghanische Männer machen sich daher auf den Weg nach Europa.