Es gibt nur ein kleines Podest im Atelier „Die Werkstatt“ von Victoria Graf in Böhringen – das muss reichen für das Zwei-Personen-Stück „Die Kreutzersonate“, das Denis Ponomarenko nach einer Novelle von Leo Tolstoi für die Bühne bearbeitet hat. Dicht besetzt ist der Raum, kein Stuhl passt mehr dazwischen, so dass Regieassistentin und künstlerische Mitarbeiterin Sylvia Seminara im Schneidersitz auf dem Boden vor der Bühne hockt.

Dicht gedrängt sitzt das Publikum; im Hintergrund stehend der Regisseur.
Dicht gedrängt sitzt das Publikum; im Hintergrund stehend der Regisseur. | Bild: Veronika Pantel

Nur ein Stuhl und ein Notenständer bevölkern zunächst die Bühne – schöne Musik wird also eine Rolle spielen, wie auch der Titel verrät.

Alles offen: Die karge Bühnen-Ausstattung.
Alles offen: Die karge Bühnen-Ausstattung. | Bild: Veronika Pantel

Doch als Protagonist Tarek Boschko die Bühne betritt, weiß man: Der Mann hat Schreckliches erlebt. Unrasiert, mit wirrem Haar, irrem Blick und unordentlicher Kleidung wischt er mit einem blutigen Notenpapier den Boden. Er kann sich nicht erinnern, was passiert ist. Annette Vietor als seine Frau Lisa bringt Licht ins geheimnisvolle Dunkel: Sie hilft seiner Erinnerung an die schrecklichen Jahre der gemeinsamen Ehe auf die Sprünge.

„Du hast mich nie geliebt, du bist ein Egoist“, schreit sie ihm wütend ins Gesicht.
„Du hast mich nie geliebt, du bist ein Egoist“, schreit sie ihm wütend ins Gesicht. | Bild: Veronika Pantel

Verliebt waren sie noch bei ihrer ersten Bootsfahrt, die sie pantomimisch darstellen, obwohl er wilde Jahre hinter sich hat: Er war ein toller Hengst, ein Wüstling.

„Ich habe endlich das gefunden, was man Glück nennt“, gesteht er.
„Ich habe endlich das gefunden, was man Glück nennt“, gesteht er. | Bild: Veronika Pantel

Doch die Ehe wird ein Desaster. Sex bereitet ihm mittlerweile Brechreiz, er sei widerlich, beschämend und schmerzhaft. Seine Pseudo-Philosophie, dass dem Frieden die menschlichen Leidenschaften gegenüber stünden, es also auch nur ohne die körperliche Vereinigung gehe, versteht seine Frau nicht. Der Abgrund zwischen beiden wird immer größer, jede Äußerung führt zum Kleinkrieg und bald fliegen die Fetzen. Die Versöhnung jedoch endet wie immer im Bett. Kinder werden geboren.

Er will seine Ruhe, sie will Leben im Haus.
Er will seine Ruhe, sie will Leben im Haus. | Bild: Veronika Pantel

Als ein junger Geiger zum gemeinsamen Spiel mit Lisa ins Haus kommt, erkennt sie, was ihr gefehlt hat: Ihr Klavierspiel entführt sie in eine andere Welt, eine besondere Art der Intimität entwickelt sich zu dem Geiger beim Spielen der Kreutzersonate. Doch für ihren Mann muss Musik einen Zweck erfüllen, sonst sei sie sinnlos: „Ein furchtbares Ding, diese Sonate.“

Er versucht sich sogar am Querflötenspiel, doch als seine Frau ihm gesteht, dass sie ihr nächstes Kind aus gesundheitlichen Gründen abtreiben muss, gerät er wieder außer sich.
Er versucht sich sogar am Querflötenspiel, doch als seine Frau ihm gesteht, dass sie ihr nächstes Kind aus gesundheitlichen Gründen abtreiben muss, gerät er wieder außer sich. | Bild: Veronika Pantel

Auf Geschäftsreise bricht das wilde Tier Eifersucht erneut in ihm aus: Lisa schreibt ihm, dass der Geiger ihr Noten gebracht habe.

Nur der Notenständer symbolisiert die Anwesenheit des Geigers. Er: „Ich musste ihn streicheln, um ihn nicht gleich zu töten.“
Nur der Notenständer symbolisiert die Anwesenheit des Geigers. Er: „Ich musste ihn streicheln, um ihn nicht gleich zu töten.“ | Bild: Veronika Pantel

Sofort reist er nach Hause, sieht den Mantel des Musikers an der Garderobe. Blind wütend ergreift er einen Dolch und sticht ihn seiner Frau ins Herz. „In diesem Moment sah ich zum ersten Mal in ihr den Menschen.“ Eine Erkenntnis, die zu spät kommt.

Annette Vietor und Tarek Boschko setzen mit beklemmender Intensität das Ehe-Drama von 1889 in ihrem Spiel um. Die Regie wechselt geschickt zwischen Dialogen und erzählten Texten, die beide Protagonisten sprechen. Nur kurz kann der zugespielte erste Satz aus Beethovens Kreutzersonate mit seinen meditativen Themen die Gemüter beruhigen. Zu stark wirkt die Thematik, die auch heute in der „Me Too“-Debatte durchaus aktuell ist – Die Frau kann nicht nur Objekt des Genusses sein, eine Rolle, die Werbung und Gesellschaft ihr immer noch zuschreiben.