Einsamkeit ist eine unerkannte Krankheit, sagt Manfred Spitzer. Der Mann weiß, wovon er spricht. Seit 1998 ist er ärztlicher Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und ist über medizinische Fachkreise hinaus durch populärwissenschaftliche Vorträge, Bücher und Fernsehauftritte bekannt.

Warum das Publikum Spitzer gern zuhört

Wer einsam ist, erkrankt nachweisbar häufiger an Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz. Mit solchen Ausführungen ist Spitzer bekannt geworden und hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt, der jetzt auch in Radolfzell die Buchhandlung Greuter bis auf den letzten Platz füllte. Für Filialleiter Christian Dreier kam der Ansturm zu Spitzers aus Vortrag nicht unerwartet. „Es ist eine besondere Gabe Manfred Spitzers, das Publikum mit einer Mischung aus Wissenschaft und Unterhaltung geradezu zu fesseln. Nachdem sein Buch über die Einsamkeit erst vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, steht es schon auf Platz elf der Spiegel-Bestsellerliste.“

Was die Forschung leistet

Dabei ist die Thematik nicht neu. Über die Auswirkungen von Einsamkeit wird schon seit mehreren Jahrzehnten geforscht, in den vergangenen Jahren mit Besorgnis erregenden Ergebnissen. Einsamkeit hat genauso schädliche Folgen wie der Konsum von 15 Zigaretten täglich. In Großbritannien wurde jetzt das Ministerium für Kultur, Medien und Sport um den Aufgabenbereich Bekämpfung der Einsamkeit erweitert. „Das war aber nicht der Grund, weshalb ich mein Buch geschrieben habe,“ erläutert Spitzer. Ein Ministerium könne nicht automatisch Abhilfe schaffen. „Gerade in den letzten Jahren haben wir erstaunliche Ergebnisse in unseren Forschungen weltweit zusammentragen können. Das wirft ein völlig neues Licht auf den Begriff Einsamkeit,“ führt Spitzer weiter aus.

Wer einsam ist – und wer nicht

So können Menschen alleine leben, ohne einsam zu sein. Andere Menschen leben in einer Partnerschaft oder Familie und sind trotzdem einsam. Das Einsamkeitserleben sei keine Sache des Alters. Sie spiele sich vor dem Hintergrund der Isolation ab und dieser Trend nehme zu. Soziale Medien täuschen reale Freundschaften vor, können aber echte Kontakte nicht ersetzen. „Das ist mit dem heutigen Stand der medizinischen Technik genau nachweisbar und kann einzelnen Hirnbereichen exakt zugewiesen werden,“ erklärt der Mediziner dem Publikum. „Das Logo mit dem weißen 'F' auf blauem Grund trifft denselben Hirnbereich, der auch bei einem Kokainsüchtigen auf die medizinischen Messungen anspricht,“ zeigt Spitzer anhand von Bildern auf. 15 Prozent der Menschen in allen Altersstufen und in allen Lebensphasen sind, so Spitzer, vereinsamt. „Das ist ein dramatischer Wert, wenn man bedenkt, dass soziale Online-Netzwerke mit virtuellen Freundschaften locken. In Wirklichkeit beeinträchtigen sie das Sozialverhalten und fördern so auch Depressionen.“ Hinzu kommen weitere gesellschaftliche Veränderungen. Weil immer mehr Menschen in Städten leben, verschlimmert sich Isolation, da in urbaner Umgebung weniger Kontakt stattfindet.

Was die sozialen Medien anrichten können

Durch die Nutzung sozialer Medien verkümmere die soziale Kompetenz. „Sind wir moralisch schon so verkommen, dass wir ein Gesetz brauchen, um zu regeln, dass man sterbende Menschen nicht fotografiert und ins Netz stellt?“ Hemmschwellen würden abgebaut. Ballerspiele, die entwickelt wurden, um Soldaten die Hemmung zum Töten eines anderen Menschen abzutrainieren, sind für ihn ein Beispiel für die Verrohung der Gesellschaft. Spitzer schließt mit einem beeindruckenden Beispiel ab: "Wenn ein Kind Emotionen nicht mehr lernt, anschließend Medizin studiert, dann möchte ich in zwanzig Jahren nicht an diesen Arzt geraten.“

 

Zur Person

Manfred Spitzer studierte Medizin, Philosophie und Psychologie in Freiburg. Ab 1990 arbeitete Spitzer als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg. 1997 wurde er auf den Lehrstuhl für Psychiatrie in Ulm berufen. Er war damals der jüngste Professor auf dem Gebiet in Deutschland. Sein nächstes Buch beschäftigt sich mit dem Thema Smartphone-Epidemie.