So eine Umfrage an unsere Leser, verschickt vom Kundenservice in Konstanz, landet manchmal schneller wieder auf dem Tisch des Redakteurs, als er sich das ausgemalt hat. Der Fragebogen "Jetzt mitreden" lag am Dienstagmorgen in der Zeitung, zwei Tage später klingelt das Telefon in der Redaktion. Ein bekannter Radolfzeller mit akademischen Hintergrund ist am Apparat: "Sie haben doch die Fragen für diesen Fragebogen formuliert?" Auf eine klare Frage gibt es eine klare Antwort: "Ja." Jetzt wird's speziell. "Also Sie haben da ein Wort verwandt, das kenne ich nicht." O je, das sagt meine junge Kollegin manchmal, wenn sie meine Texte liest. Da schleicht sich manch altbackenes Wort aus der Jugend in die ach so nüchterne Neuzeit: Fisimatenten, Poussieren, Obacht. Genau die ist angebracht, denn der Anrufer holt vernichtend aus: "Was verstehen Sie unter Anmutung? Das Wort kenne ich nicht."

Gott sei Dank, Anmutung steht im Duden

Der Blutdruck steigt, die Hände schwitzen, gibt es das Wort tatsächlich nicht? Gott sei Dank, der Duden sagt ja: Die Anmutung sei ein "gefühlsmäßiges, unbestimmtes Eindruckserlebnis". Wikipedia erläutert: "Die Anmutung eines Objektes oder einer Situation ist die schwer zu bestimmende, eher vage Wirkung dieser Erscheinung auf einen Betrachter über einen oder mehrere Wahrnehmungskanäle (Sehen, Hören, Riechen, Tasten)." Im SÜDKURIER-Fragebogen stand: "Wie wichtig ist Ihnen die landschaftliche Anmutung am See?" Der Anrufer hat recht, die Anmutung lässt Fragen offen. Besser wäre: "Soll es am See so bleiben, wie es ist, oder darf es etwas Veränderung sein?"

Direktor schickt Schüler vor die Türe

Zu spät, gedruckt. Woher kommen Begriffe, die für die einen klar sind und für andere nicht? Der Verdacht: Der Deutschlehrer war schuld. Etwa der frühere Direktor auf dem Gymnasium Walter Rothmund. Von dem ist mir zwar nur in Erinnerung, dass er punktgenau zwischen meinem Banknachbar und mir hindurchschaute, kurz innehielt und zischte: "Raus!" Brav gingen wir beide zur Türe, auf Höhe der Tafel rief er zwischen unseren Schultern hindurch: "Du doch nicht!" Worauf wir beide kehrtmachten und wieder zurück an unsere Plätze trotteten. Das ging so ein, zwei Mal hin und her, bis wir dann beide vor der Türe standen. Wir konnten uns einfach nicht entscheiden, wen er denn gemeint hatte. Von Anmutung keine Spur. Auch sonst war der Deutschlehrerreigen von herzhafter Natur: Von Bruno Epple blieb die Sammelleidenschaft für alemannische Ausdrücke "Wosch es?!" hängen, von Franz Hagmann seine Vorliebe für die Naturalisten Gerhart Hauptmann und Emile Zola, Christa Bierkant brachte einem Goethes Götz von Berlichingen näher.

Hesse ist schuld

Anmutung? Es gibt nur eine Erklärung für diese Wahl: Zu exzessives Lesen von Hermann Hesse in der Pubertät. Dafür kann kein Deutschlehrer der Welt etwas. Die Sünden der Jugend bezahlt man selbst im Alter.

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