Aktuelle Ausgrabungen von Archäologen im Baugebiet „Im Tal“ in Markelfingen belegen, dass dort einst Römer gesiedelt haben. Bei einem Vor-Ort-Termin stellte Kreisarchäologe Jürgen Hald jetzt die Erkenntnisse und Funde vor.

Fund ist etwas ganz Besonderes

Auch Neu-Landrat Zeno Danner war angereist, um sich ein Bild von den Arbeiten zu machen. Die Einladung war wohlüberlegt ausgesprochen worden, denn bei dem Fund in Markelfingen handelt es sich „um etwas ganz Besonderes“, wie Jürgen Hald klarmachte.

Das Grabungsfeld erstreckt über eine Fläche von rund einem Hektar.
Das Grabungsfeld erstreckt über eine Fläche von rund einem Hektar. | Bild: Gerald Jarausch

Auf dem Gelände oberhalb der Kirche am alten Ortsrand sind die Archäologen auf römische Siedlungsreste aus der Zeit um 200 bis 300 nach Christus gestoßen. Diese sind im Bodenseeraum zwar nicht sehr zahlreich, aber immerhin vorhanden.

Stand hier ein römischer Gutshof?

Konkret handelt es sich um Fundamente von zwei großen Gebäuden, von denen die Archäologen annehmen, dass sie Nebengebäude eines römischen Gutshofes waren. Dafür spricht auch die Lage am flachen Südwesthang. Üblicherweise stand der eigentliche Gutshof etwas oberhalb, um einen Blick über Gebäude und Landschaft zu ermöglichen.

Einige der Fundstücke, die bisher eingesammelt wurden.
Einige der Fundstücke, die bisher eingesammelt wurden. | Bild: Gerald Jarausch

Auch für Zeno Danner klang diese Vermutung nachvollziehbar: „Die Menschen haben schon früher gewusst, dass es am Bodensee schön ist“, sagte er. In der Tat haben die Römer ihre Standorte immer sehr gezielt ausgesucht. Die Nähe zum See, der ständig Wasser führende Mühlbach und der nach Südwesten ausgerichtete Hang belegen das einmal mehr.

1300 Jahre alte christliche Artefakte

Die Besonderheit, von der Jürgen Hald sprach, sind allerdings weitere Funde in dem Grabungsgebiet, die auf römische Vorgängerbauten und eine spätere Nutzung im siebten und achten Jahrhundert schließen lassen. „So etwas habe ich in meiner 35-jährigen Berufslaufbahn noch nie gefunden“, sagte er. In einem Gebäude fanden die Archäologen sogenannte Steckkreuze. Dabei handelt es sich um rund zehn Zentimeter große Kreuze aus Eisenblech oder Buntmetall.

Steckkreuze aus dem 7. und 8. Jahrhundert lassen eine Folgenutzung der römischen Gebäude vermuten.
Steckkreuze aus dem 7. und 8. Jahrhundert lassen eine Folgenutzung der römischen Gebäude vermuten. | Bild: Gerald Jarausch

„Vielleicht eine frühe Kirche“

Die 1300 Jahre alten Artefakte sind frühe christliche Zeugnisse, die in der Bodenseeregion selten gefunden werden. Sie deuten laut Jürgen Hald darauf hin, dass die römischen Gebäude in späterer Zeit für christliche Rituale genutzt wurden. „Vielleicht war das hier sogar eine frühe Kirche“, mutmaßte er.

Knochen eines Kleinkindes, die im Fundament des römischen Gebäudes gefunden wurden.
Knochen eines Kleinkindes, die im Fundament des römischen Gebäudes gefunden wurden. | Bild: Gerald Jarausch

„Und das zu einer Zeit, als noch nicht einmal die Reichenau von Mönchen bewohnt wurde“, führt er weiter aus. Genauen Aufschluss sollen weitere Untersuchungen der Fundstücke ergeben. Dazu werden auch Skelettreste von zwei Säuglingen gehören, die in einem Gebäude am Fundament gefunden wurden.

Landwirt gab Hinweise

Möglich geworden sind die Funde durch eine standardmäßige Untersuchung, die die Archäologen immer dann anstellen, wenn auf einem Gebiet gebaut wird, und man Hinweise auf die Siedlungsgeschichte vermutet. Luftaufnahmen hatten im Baugebiet „Im Tal“ Verfärbungen gezeigt. Ein örtlicher Landwirt, der auf dem Areal mehrfach mit seinem Pflug auf ein Hindernis im Untergrund gestoßen war, gab weitere Hinweise. Genau an dieser Stelle wurden die Archäologen dann auch fündig.

Andreas Gutekunst (knieend) von der Grabungsfirma Archaeotask erläutert den Besuchern einen Fund.
Andreas Gutekunst (knieend) von der Grabungsfirma Archaeotask erläutert den Besuchern einen Fund. | Bild: Gerald Jarausch

Kosten bisher 180000 Euro

Für die Stadt Radolfzell und die künftigen Bauherren ist jetzt vor allem eines wichtig: „Die Erschließungs- und Bauarbeiten werden durch unsere Arbeiten nicht verzögert“, versicherte Jürgen Hald. Dabei ist schon jetzt klar, dass sie länger dauern als zunächst erwartet. Inwieweit sich das auf die Kosten auswirkt ist noch nicht abzusehen. Die Stadt hatte die archäologischen Arbeiten mit einer Summe von rund 180 000 Euro ausgeschrieben.

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