Das Thema „Bezahlbarer Wohnraum“ ist aus der aktuellen Nachrichtenlage nicht mehr wegzudenken. Auch wenn sich die Diskussion oft auf Ballungszentren wie München oder Berlin bezieht, hat sie längst auch ländliche Orte wie Stahringen erreicht. 16 Jahre sind vergangen, seit der Radolfzeller Ortsteil 2003 mit dem Baugebiet „Zum Freiwiesle“ vor allem jungen Familien den Wunsch nach einem Eigenheim erfüllen konnte. Seither hat sich die Liste an Bewerbern für einen Bauplatz stetig verlängert – aktuell sind 45 Interessenten registriert.

Monja Gessendorfer, geborene Honsell, bezeichnet sich selbst als „Stahringer Mädel“. Mehr Stahringer „Herz und Blut“ als die 38-Jährige können nur wenige aufweisen. Ihre Familie ist seit Generationen in Stahringen verwurzelt, schon ihr Urgroßvater betrieb im Dorf einen Sockenladen. Monja Gessendorfer ist in nahezu jedem Stahringer Verein aktiv, ob als Wäscherin bei der Schoofwäscher Zunft, im Förderverein der Grundschule oder im Schützenverein. „Dieses Heimat- und Gemeinschaftsgefühl möchte ich auch an meine Tochter Sophia weitergeben“, sagt Monja Gessendorfer. „Selbst für so eng-vernetzte Bürger wie mich ist es ausgeschlossen, einen Bauplatz aus Privatbesitz zu erwerben. Keiner möchte sich von seinem Grundstück trennen, und ich habe dafür auch volles Verständnis“, ergänzt Gessendorfer.

Innenverdichtung reicht nicht aus

Der Ortschaftsrat hat sich in den vergangenen Jahren gezielt um eine Innenverdichtung durch die Schließung von Baulücken bemüht und das persönliche Gespräch mit den Grundstücksbesitzern gesucht. Auch die Erschließung eines mitten im Ort gelegenen Grünstreifens konnte nicht umgesetzt werden, da das Landratsamt aufgrund von Bedenken bezüglich des Hochwasserschutzes die Genehmigung zur Bebauung verweigert hat. Erst nachdem alle Bemühungen ohne Aussicht auf Erfolg blieben, hat der Ortschaftsrat 2016 einstimmig beschlossen, sich aktiv um die Erweiterung des Baugebiets „Zum Freiwiesle“ zu bemühen.

„Unser Wunsch nach einem Eigenheim lässt sich nur über ein ausgewiesenes Neubaugebiet verwirklichen. Wir suchen seit Jahren nach einem Bauplatz, denn in den vergangenen Jahren wurden nur wenige alte Häuser zum Verkauf angeboten und diese zu utopischen Preisen“, sagt Florian Fuhrmann. Gemeinsam mit Partnerin Larissa Pfeifer und Sohn Liam lebt er momentan in einer Mietwohnung. Mit seinem Heimatort Stahringen ist Fuhrmann eng verbunden und möchte sich hier gemeinsam mit seiner Familie eine Zukunft aufbauen. Die Nähe zu seinen Eltern sei für ihn wichtig, aber auch die Einbindung in das Stahringer Vereinsleben. Genau wie Florian Fuhrmann haben auch Sven Weber und seine Partnerin Franziska Schmid ihre Kindheit und Jugend in Stahringen verbracht und sind mit dem Dorf- und Vereinsleben eng verbunden. Beide sind aktive Musiker und begleiten gemeinsam mit dem Musikverein alle Veranstaltungen und Festtage. „Stahringen ist unsere Heimat, und wir möchten hier auch langfristig bleiben“, erzählt der 26-jährige Sven Weber. „Momentan leben wir in einer Mietwohnung, diese zu finden, war schwierig, und letztendlich hat es nur über Beziehungen geklappt“, ergänzt Weber. Er hat sich für einen Bauplatz registrieren lassen, um mit Partnerin Franziska Schmidt die Weichen für eine gemeinsame Zukunft zu stellen.

Keiner träumt von einem Palast

Auch Nico Weber ist in Stahringen verwurzelt und möchte gemeinsam mit seiner Frau Tanja und den beiden Kindern ein Eigenheim bauen. „Keiner von uns träumt von einem Palast, sondern von einem bezahlbaren Grundstück, auf dem wir uns ein kleines Haus bauen und ein schönes Leben führen können“, erklärt Weber. Als neugewählter Ortschaftsrat möchte er sich genauso um bezahlbaren Wohnraum für alle Bürger bemühen, wie es das Gremium schon seit vielen Jahren tut.

Genauso wie die Bauplätze die Basis für die Zukunft junger Familien sind, sind es die Familien selbst, die gerade für kleinere Ortschaften wie Stahringen die Zukunft bedeuten. Sie sind nicht nur für die Altersstruktur wichtig, sondern gerade engagierte Bürger wie Monja Gessendorfer sind für die Dorfgemeinschaft und das Vereinswesen unersetzlich. Bestes Beispiel, dass dies genauso für zugezogene Familien gilt, sind Erika Kißlinger und ihr Partner Werner Uhrenbacher. Gemeinsam mit Tochter Flora leben sie seit sechs Jahren in Stahringen. Auch als „Reingeschmeckte“ haben sie in ihrer neuen Heimat längst Anschluss gefunden. „Uns war es von Anfang an wichtig, Teil der Dorfgemeinschaft zu werden. Erika ist Wäscherin beim Narrenverein, und ich selbst lerne seit anderthalb Jahren Trompete beim Musikverein. Mein Ziel ist es, schon bald aktiv bei der Kapelle mitspielen zu können“, so Uhrenbacher Auch sie beide hoffen auf einen Bauplatz, denn sie fühlen sich in ihrer neuen Heimat gut integriert.