Denkmale für Kriegstote – wo sind sie aufrichtiges Gedenken und wo sind sie Kriegspropaganda und Nationalismus? Wie gehen andere Länder mit Denkmalen für Kriegstote um? Und welche Mahnmale gibt es in und um Radolfzell? Mit Fragen wie diesen beschäftigen sich laut einer städtischen Pressemitteilung die Macher einer Ausstellung, die vom Samstag, 27. Februar, bis Sonntag, 17. April, im Stadtmuseum Radolfzell zu sehen sein wird. Der Titel: „Denk mal an den Krieg! – Gefallenen denkmale in und um Radolfzell“.

Gefallenendenkmale sind vielerorts ein Diskussions- und Denkanstoß. So auch in Radolfzell, dessen 1938 errichtetes Denkmal am Luisenplatz immer wieder für Kontroversen sorgt. Die Ausstellung soll zeigen, wie Kriegerdenkmale seit dem 19. Jahrhundert sehr zeittypische Ausprägungen erfahren haben, und lädt dazu ein, sie im Licht ihrer Entstehungsgeschichte und der Zeitumstände zu betrachten, wie es in einer Presseankündigung der Radolfzeller Stadtverwaltung heißt. Schließlich sage ein Denkmal auch immer: „Denk mal an den Krieg!“

Bis ins 19. Jahrhundert „verdiente“ kein Kriegsmann ein „ehrliches Begräbnis“ und wurde daher erst recht nicht mit einem Denkmal geehrt, heißt es in der Mitteilung, die vom Fachbereich Kultur der Stadtverwaltung kommt. Dies änderte sich nach dem siegreichen deutsch-französischen Krieg 1870/71: Überall entstanden Denkmale, die weniger an die Kriegstoten als vielmehr an die siegreichen Schlachten erinnerten. Nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Kriegstoten wurden Gefallenendenkmale errichtet, die häufig mit christlichen Symbolen versehen waren. In der NS-Zeit wurde der Gedenktag an die Toten des Ersten Weltkriegs zum „Heldengedenktag“ umgedeutet. Die Denkmale wurden martialischer, mit Soldaten unter dem Stahlhelm, in langen Mänteln und mit stierem Blick. Die Denkmale für den Zweiten Weltkrieg schließlich zeigen keine stolzen Helden mehr, sondern erinnern meist auf nüchternen Namenstafeln an die Opfer.

Die Ausstellung, die das Kreisarchiv Konstanz gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen erstellt hat, wird im Stadtmuseum ergänzt mit Materialien aus dem Stadtarchiv Radolfzell zum hiesigen Gefallenendenkmal. Damit soll es einen Schwerpunkt auf die Geschichte vor Ort und den öffentlichen Umgang damit legen, wie die Stadtverwaltung erklärt.

Zu diesen Themen gibt es ein Begleitprogramm. So bietet das Stadtmuseum nicht nur öffentliche Führungen zu den Sonderausstellungen an. Vorträge zum Themenkomplex „Denkmale“ befassen sich beispielsweise am 9. März mit der Denkmalkultur in den USA, am 30. März mit dem Gedenkstein an das Dögginger Busunglück von 1949, und am 7. April mit Krieger- und Friedensdenkmalen zwischen Bodensee und Atlantikküste. Im Rahmen der Sonderausstellung zur „Aktion T4“ wird Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, am 12. Mai zur Vernichtungsstätte Grafeneck und am 16. Juni zur Erinnerungskultur zu den NS-Euthanasie-Verbrechen referieren. Ein sehr spannendes Thema schließlich spricht am 3. Juni Petra Schweizer-Martinscheck vom Archiv des Bezirksamtes Kaufbeuren mit ihrem Vortrag zur Strafverfolgung dieser Verbrechen in beiden deutschen Staaten nach 1945 an.


Aktionen für eine Radolfzeller Erinnerungskultur

Seit 2015 beschäftigt sich die städtische Abteilung „Stadtgeschichte“, unter deren Dach das Stadtarchiv und das Stadtmuseum zusammengefasst sind, mit dem Thema Erinnerungskultur. Das Stadtarchiv, das Stadtmuseum und der Arbeitskreis Erinnerung haben ein Leitbild für ein Erinnerungskonzept entwickelt. Der Leitsatz: „Mit Verantwortung für Gegenwart und Zukunft gegen das Vergessen“. So sind für das Jahr 2016 mehrere Vorhaben geplant:

Sonderausstellung: Am 27. Februar eröffnet das Stadtmuseum die Sonderausstellung „Denk mal an den Krieg!“, mit umfangreichem Begleitprogramm.

Stolpersteine: Am 2. Juli wird es zur nächsten und damit dritten Verlegung von Stolpersteinen zum stillen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus kommen.

Thema „Euthanasie“: Vom 30. April bis zum 21. August folgt im Stadtmuseum die Sonderausstellung „Aktion T4 Berlin/Radolfzell“ über die grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten im Namen der Erbgesundheit. Die Ausstellung zeigt einen kleinen Ausschnitt der NS-„Euthanasie“ – dem Massenmord an psychisch erkrankten, geistig und körperlich behinderten sowie „rassisch“ und sozial unerwünschten Menschen, dem zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 Kinder, Frauen und Männer zum Opfer fielen – darunter auch Radolfzeller Bürger.