Nach dem Glückwunsch zum Geburtstag einer 80-jährigen Radolfzellerin erhielt OB Martin Staab ein persönliches Dankschreiben: „Eine Bitte hätte ich noch an sie: Vergessen sie die Senioren nicht.“ Diese Aufforderung könne auch weiter gefasst werden, so Staab in seinem Amtszimmer im Rathaus kurz vor der Wahl zum neuen Seniorenrat in knapp sieben Wochen: „Senioren – vergesst bitte nicht die Senioren: Gehen sie zur Wahl.“ Bei der letzten Wahl zum Seniorenrat lag die Wahlbeteiligung für das zwölfköpfige Gremium zur Interessenvertretung älterer Mitbürger bei 29 Prozent. Vor vier Jahren stellten sich 21 Radolfzeller Bürger zur Wahl in den Rat auf. Mittlerweile stieg der Anteil der über 60-Jährigen um 800 auf 9500 Senioren an. Der Seniorenrat ist nicht nur Sprachrohr für ältere Mitbürger. Er hat einen Sitz im Gemeinderat und dort ein Recht auf Anhörung – auch in den Ausschüssen der Stadt. Gewählte Kandidaten können sich so aktiv an der Gestaltung der Lebenslagen von Senioren beteiligen und dem Gemeinderat und der Verwaltung neue Wege aufzeigen und sie direkt von ihren Bedürfnissen in Kenntnis setzen.

Bürgermeisterin lobt die bisherige „tolle Arbeit“ des Gremiums

Seit 25 Jahren vertritt der Radolfzeller Seniorenrat die Interessen seiner Klientel im Rathaus. OB Martin Staab erlebte in den Jahren seiner Amtszeit einen sehr engagierten Rat, bei dem sich jeder aktiv einbrachte. Bürgermeisterin Monika Laule sprach vom aktivsten Seniorenrat, den Radolfzell bisher hatte. OB Staab betont die Wichtigkeit des Gremiums, die die Besonderheiten älterer Bürger im täglichen Leben hervorhebe und aufzeige, wo es Schwierigkeiten gebe. Dazu gehören Hinweise auf barrierefreie Zugänge, verlängerte Schaltungen an Ampelanlagen bis hin zum Ideengeber für sozialrelevante und gesellschaftliche Themen. Staab ersuchte den Seniorenrat um Vorschläge beim Umgang mit der wachsenden Vereinsamung von Senioren sowie dem Wunsch nach dem Aufbau sozialer Netzwerke. Ähnlich wie der Jugendgemeinderat könne der Seniorenrat die Verwaltung mit spezifischen Anliegen unterstützen. Staab machte die Erfahrung, dass der Gemeinderat vom Seniorenrat profitiere. Jener wäge dann die Interessen anderer Gruppen ab. Monika Laule beobachtete im letzten Seniorenrat ein strategisches Vorgehen und hob dessen Arbeit als funktionell und arbeitsteilig hervor. Gegenüber dem Gremium davor sei dieses Vorgehen ein Wandel in dessen Arbeit, das viel bewirkt hätte: „Wir können uns nur wünschen, dass viele kandidieren und eine tatsächliche Wahl für die Bürger besteht – und dass die bisher aufgebaute tolle Arbeit auch fortgesetzt werden kann“, so Laule.

Das Alter der Seniorenräte ist durchaus ein Vorteil

Xaver Müller und Paula Bickl sind die Sprecher des aktuellen Seniorenrates. Beide sind sich einig: Im Seniorenrat bekäme man einen Einblick in die kommunale Politik, den man während der Berufszeit nicht bekäme. Und: Man könne seine Meinung zu anstehenden Entwicklungen an gewichtiger Stelle kundgeben, so Bickel. Selbst das Alter sei von Vorteil. Es brächte eine Gelassenheit mit sich. Worüber man sich früher aufgeregt hätte, gehe man nun sachlicher an. Als Rat stoße man auf Themen, mit denen man sonst nicht in Berührung komme. Paula Bickel erhielt so ein besseres Verständnis für ältere Menschen. Als Kandidat für den Seniorenrat seien Eigenschaften wie Geduld, Gelassenheit und Beharrlichkeit von Vorteil – Eigenschaften, die Senioren qua Alter mit sich bringen, so Xaver Müller. Der aktuelle Rat praktiziere eine Mischung aus einer Distanz und einer Bereitschaft für Offenheit, resümiert der Vorsitzende – und dass er nicht auf der Bewahrung alter Zustände beharre. Im Gegenteil: Er zeichne sich durch seine Flexibilität aus. Hierbei sei das Alter mehrfach von Vorteil: Neben der Gelassenheit brächtenen Senioren mehr verfügbare Zeit mit als Vollbeschäftigte. Müller machte die Erfahrung, dass man als Seniorenrat Diskussionsprozesse starten kann. Dabei konnte sich jeder Rat in seiner spezifischen Form einbringen. Behinderte Seniorenräte brachten zudem neue Aspekte mit ein.

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