Der Italiener geht sonntags wie abends über seinen Corso. Rauf, runter, in seinem besten Anzug. Der Radolfzeller hatte auch seine Flaniermeile – in den Sechzigern. Sonntags ging's nach dem Kirchgang den Stadtgarten rauf und runter. Zur Erbauung, zum Sehen und Gesehenwerden, zum Unterhalten, manchmal gab es sogar ein Konzert im Musikpavillon.

In diesem Jahrzehnt dürfte der Stadtgarten dem Ideal am ehesten entsprochen haben, so wie ihn sich vielleicht Stifter, Planer und Gesellschaft vorstellten. Fabrikdirektor Karl Wolf von der Firma Allweiler hatte 1922 den Lochgarten mit dem Höllturm der Stadt zum Geschenk gemacht. "Aus Anlass seiner Ernennung zum Ehrenbürger von Radolfzell", wie es in der Stadtchronik heißt. Seine Bedingung lautete: Der Höllturm müsse erhalten bleiben und der Garten dürfte nicht bebaut werden. Gartenbaudirektor Robert Schimpf aus Freiburg zeichnete Pläne mit Liebeslauben und vielen weißen Rosen. Der erste Nazi-Bürgermeister Eugen Speer (1934-1935) wollte stattdessen aus dem Stadtgarten einen Zoo machen. Es wurde dann dort während des Zweiten Weltkriegs zur Versorgung der Bevölkerung Gemüse gepflanzt.

1961: Die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei setzen neue Pflanzen auf dem Streifen beim Eingang am Obertor ein, vor dem Torbogen ist Stadtgärtnermeister Martin Becker (zweiter von links) zu erkennen. Bild: privat
1961: Die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei setzen neue Pflanzen auf dem Streifen beim Eingang am Obertor ein, vor dem Torbogen ist Stadtgärtnermeister Martin Becker (zweiter von links) zu erkennen. | Bild: Bild: privat

Nach dem Krieg hatte die Stadtgärtnerei die Aufgabe, den Stadtgarten zu einem Schmuckkästchen zu machen. Stadtgärtnermeister Martin Becker orientierte sich an der Pracht der nahen Insel Mainau, brachte aber auch Ideen mit von anderen Gartenschauen. So sah er auf der Bundesgartenschau 1965 in Essen ein gepflanztes Stadtwappen. Ab den Jahren 1966, 1967 gehörte das Radolfzeller Wappen mit dem Löwen auf dem Beet am Hang hin zur Fürstenbergstraße auf Höhe des St. Josef-Kindergartens zum wiederkehrenden Erscheinungsbild, manchmal im Wechsel mit einem gepflanzten Segelboot.

1967: Von der Bundesgartenschau in Essen brachte Martin Becker die Idee mit, das Radolfzeller Stadtwappen mit Pflanzen abzubilden. Es wurde auf dem Beet am Hang hin zum Luisenplatz gepflanzt. Bild: Alois Becker
1967: Von der Bundesgartenschau in Essen brachte Martin Becker die Idee mit, das Radolfzeller Stadtwappen mit Pflanzen abzubilden. Es wurde auf dem Beet am Hang hin zum Luisenplatz gepflanzt. | Bild: Becker, Alois

Welchen Aufwand die Stadtgärtnerei betrieb, hielt Redakteur Kurt Lupfer in einem Bericht für den SÜDKURIER im Juni 1965 fest: "Gegen 45 000 Plfanzen sorgen nun für den Sommerflor. Gut 30 Arten hat die Stadtgärtnerei in ihren eigenen Treibhäusern gezogen. Leberbalsam, wie man ihn jetzt im Stadtgarten sieht, Begonien und Pelargonien, Alternanthera, Rosen verschiedenster Sorten, Fuchsien, Canna, Polyantha und wie sie alle mit volkstümlichen oder fachmännischen Namen heißen." Zuvor hätten die zehn Stadtgärtner für den Frühling 12 000 Blumenzwiebeln für Tulpen und Narzissen im Stadtgarten, der Seepromenade, der Mettnau und im Konzertgarten gepflanzt und einen Geranienflor in 70 Blumenkästen am Rathaus angebracht.

1961: Die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei setzen neue Pflanzen auf dem Streifen beim Eingang am Obertor ein, vor dem Torbogen ist Stadtgärtnermeister Martin Becker (zweiter von links) zu erkennen. Bild: privat
1961: Die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei setzen neue Pflanzen auf dem Streifen beim Eingang am Obertor ein, vor dem Torbogen ist Stadtgärtnermeister Martin Becker (zweiter von links) zu erkennen. | Bild: Bild: privat

Der Stadtgarten war in den Sechzigern auf Pracht ausgelegt, er war für viele Radolfzeller so etwas wie eine kleine Mainau. Sein Vorteil: Er lag um die Ecke und kostete keinen Eintritt. Die Muster der Rabatte waren wie vom Lineal gezogen, die Pflanzen wurden an der Schnur entlang gesetzt. Die heute von vielen belächelten Bananenstauden entsprachen dem Zeitgeist, so wie der Toast Hawaii mit Ananas und Kirsche als Leckerbissen galt. Damals gehörte zu jedem öffentlichen Anlass Blumenschmuck aus der Stadtgärtnerei. Kein Rednerpult ohne Lorbeerbäume links und rechts, am Fuß standen Schnittblumen in der Vase.

2018: Der größte Frequenzbringer in der Neuzeit ist das Carl-Duisberg-Zentrum in der Fürstenbergstraße, die Sprachstudenten nutzen den Stadtgarten als Studierzimmer im Freien und als schnellen Zugang zur Innenstadt. Die Perspektive von der Obertorbrücke zeigt den Kulturwandel, statt den Blumenrabatten von einst sind jetzt entlang des Flanierstücks Staudenbeete gepflanzt.
2018: Der größte Frequenzbringer in der Neuzeit ist das Carl-Duisberg-Zentrum in der Fürstenbergstraße, die Sprachstudenten nutzen den Stadtgarten als Studierzimmer im Freien und als schnellen Zugang zur Innenstadt. Die Perspektive von der Obertorbrücke zeigt den Kulturwandel, statt den Blumenrabatten von einst sind jetzt entlang des Flanierstücks Staudenbeete gepflanzt. | Bild: Becker, Georg

Heute weht ein anderer Zeitgeist. Blumenschmuck soll effizient sein, wenig kosten und nachhaltigen Ansprüchen genügen. Als zeitgemäß gilt der Stadtgarten heute, wenn er als Landeplatz für Insekten dient. Statt 10 000 Blumenzwiebeln wie in den Sechzigern sind dieses Jahr 4250 eingedrückt. Statt geometrischen Rabatten sind Stauden gepflanzt. Sie wachsen wild und bunt. Durch den Stadtgarten zieht es täglich meist nur die Sprachstudenten des CDC, der Radolfzeller flaniert jetzt am See. Selbst die Kultur des Spazierengehens hat sich gewandelt.

2018: Heute besticht der Hang nicht durch ein Beet, sondern dass er durch gemischtes Grün einen neutralen Hintergrund zum Wasserspiel des Brunnens gibt. Bild: Georg Becker
2018: Heute besticht der Hang nicht durch ein Beet, sondern dass er durch gemischtes Grün einen neutralen Hintergrund zum Wasserspiel des Brunnens gibt. | Bild: Becker, Georg