Radolfzell/Stockach So schön kann Einkaufen sein: Ein entspannter Bummel über den Radolfzeller Markt

Heimatcheck, Teil vier: Der Einkauf auf dem Wochenmarkt wird nicht als lästige Pflicht, sondern als Erlebnis empfunden. Kunden und Händler aus Radolfzell erzählen, warum das so ist.

Samstagmorgen, halb zehn in Deutschland. Die Langschläfer drehen sich noch einmal um, aber eine andere Bevölkerungsgruppe ist schon längst auf den Beinen und hat nur ein Ziel: Der Wochenmarkt. In Radolfzell ist das nicht anders als in vielen anderen Städten der Republik. Die emotionale Verbundenheit zum Wochenmarkt ist bei vielen Kunden enorm. Es ist der Ort, an dem man seinen Samstagvormittag verbringt, Treffpunkt für Freunde und Bekannte. Der Ort, an dem Lebensmittel nicht nur eingekauft, sondern erlebt werden. Nicht nur das Produkt steht im Vordergrund, auch der Mensch, der es hergestellt hat.

Martina Friese aus Radolfzell ist eine dieser treuen Kunden. Schon mit ihrer Mutter kam sie als kleines Kind auf den Wochenmarkt zum Einkaufen. Heute, mehr als vier Jahrzehnte später, kommt sie noch immer samstags auf den Markt. "Nach einer stressigen Woche ist dieser Einkauf hier sehr entspannend", sagt Martina Friese. Obst und Gemüse kaufe sie ausschließlich auf dem Markt, sie kennt alle Stände und deren Besitzer und freut sich über einen kleinen Plausch beim Kauf von Tomaten oder Salat. "Der Wochenmartk ist klein und fein und sehr persönlich.

Den Einkauf mit einer Radtour verbinden

Diese Atmosphäre gibt es im Supermarkt nicht", sagt sie. Ähnlich sieht es Reinhard Stehle aus Steißlingen. Für ihn in der Wochenmarkt-Besuch am Samstag in Radolfzell kein Erledigen von lästigen Verpflichtungen, sondern eine Freizeitbeschäftigung. "Wir verbinden den Einkauf mit einer Radtour und genießen die Atmosphäre hier", sagt er. Im Winter fahre er mit dem Auto auf dem Singener Wochenmarkt. Reinhard Stehel ist Nachhaltigkeit wichtig, global denken, aber lokal einkaufen. Ohne die Institution Wochenmarkt kann er sich keine Welt vorstellen.

Für Gewürz-Händler Immanuel Hinz ist vor allem die Nähe zum Produzenten ein Anziehungspunkt der Wochenmärkte. "Wo bekommt man sonst eine kompetentere Beratung als hier?", sagt er. Spricht er vom Radolfzeller Wochenmarkt am Samstag, gerät er ins schwärmen. Gute Stimmung, nette Leute, vernünftiger Umsatz, das Händlerherz schlägt höher. "Der Wochenmarkt ist das Beste, was Kunden passieren kann", sagt auch Hermann Dell'agnolo, der Spezialitäten aus Südtirol verkauft. Mit seinen Wagen befährt er zehn Wochenmärkte in der Region, unter anderem Konstanz, Öhningen, Markdorf und Donaueschingen und Radolfzell. Die Nähe zum Kunden ist ihm wichtig. Schon Kinder sollen lernen, woher die Produkte kommen und dass Einkaufen ein schönes Erlebnis sein kann. "Das zu vermitteln verstehe ich als meine Aufgabe, eine schöne Aufgabe", sagt Dell'agnolo.

"Jeder Markt funktioniert anders", erzählt Thilo Schöll, Geschäftsführer der Metzgerei Bechler in Stockach. Seit zehn Jahren sind er und seine Mitarbeiter jeden Tag auf einem anderen Wochenmarkt in Konstanz, Radolfzell, Singen, Engen, Überlingen und Tuttlingen vertreten. In Konstanz und Radolfzell kaufen die Kunden viel Fleisch, in Singen viel Wurst." Nach der Nachfrage richtet die Metzgerei das Angebot der beiden Marktfahrzeuge aus. Alles sei immer ganz frisch, erzählt Schöll. "Wir produzieren täglich frisch. Wir räuchern über Nacht und nehmen dann morgens alles frisch auf den Markt mit." Und die Nachfrage? Sie ist da und steigt. Die Metzgerei plant einen weiteren Markttag in Konstanz und steht auf der Warteliste für einen Stellplatz.

Etwas kritischer betrachtet Thomas Stankowitz die Lage. Er bietet auf neun Märkten in der Woche Käse an. Ohne Frage sei der Radolfzeller Wochenmarkt, vor allem was die persönliche Beziehung und Wertschätzung zwischen Kunden und Händler angehe, ein Paradebeispiel. Aber in anderen Städten sei das eben anders. Wochenmärkte entwickelten sich in anderen Bundesländern zu Krämermärkten, es gebe auch Kleidung und Haushaltswaren. Die Lebensmittel stünden nicht mehr im Vordergrund. In Baden-Württemberg sind Wochenmärkte noch "grün", also ausschließlich Lebensmittel-Stände.

Der Käse-Händler wünscht sich ein neues Bewusstsein bei den Kunden, die bei all dem Preiskampf auch an die Händlerseite denken. "Alle wollen gute Produkte, aber Preise wie beim Discounter", so Stankowitz. Durch das Überangebot an Lebensmitteln habe der Kunde die Wahl, könne so also mit seinem Kaufverhalten den Markt verändern und prägen. "Der Kunde hat eine starke Position, weiß es aber scheinbar nicht", sagt Stankowitz. In Radolfzell gebe es noch diese Marktidylle, die alle Kunden schätzen, aber die sei anderorts trügerisch.

 

Das sind die schönsten Wochenmärkte Kreis Konstanz

  • Wochenmarkt Radolfzell
    Besucher des Radolfzeller Marktes schätzen vor allem die Atmosphäre und historische Kulisse. <em>Bild: Gerald </em><em>Jarausch</em>
    Besucher des Radolfzeller Marktes schätzen vor allem die Atmosphäre und historische Kulisse. Bild: Gerald Jarausch

    Der Radolfzeller Wochenmarkt findet zwei Mal in der Woche statt. Mehr als 30 Stände bieten auf dem Platz vor dem Münster ein breites Spektrum an regionaler Ware. Bereits im Jahre 1100 erhielt die Stadt die Erlaubnis, Märkte abzuhalten. Und daran hat sich seitdem nicht viel verändert. Etliche Landwirte der Halbinsel Höri bieten ihr Obst und Gemüse an, hinzukommen Metzger, Bäcker und Fischhändler aus der näheren Umgebung. Auch gibt es eine große Auswahl an Bio- und Demeterware auf dem Markt. Andrea Fürst steht seit 15 Jahren auf dem Wochenmarkt. Ihre Familie betreibt in der vierten Generation diesen Stand. „Wochenmarkt-Kunden wollen regionale Ware, sie fragen viel und wollen informiert werden“, sagt die 28-Jährige. Regionalität sei den meisten Kunden wichtiger als ein Bio-Siegel.

    Markttage und Öffnungszeiten: Ganzjährig Mittwoch und Samstag von 7 bis 14 Uhr auf dem Marktplatz; Der Abendmarkt ist von Ende Juni bis Anfang September immer donnerstags von 16 bis 21 Uhr.

  • Wochenmarkt Stockach
    Die Kuchen von Hannelore Hug sind auf dem Markt immer schnell ausverkauft. Bild: Lena Mehren
    Die Kuchen von Hannelore Hug sind auf dem Markt immer schnell ausverkauft. Bild: Lena Mehren | Bild: Lena Mehren

    Zwei Mal in der Woche findet auf dem Gustav-Hammer-Platz der Wochenmarkt statt. Der kleine Markt bietet frisches Obst und Gemüse, Eier, Fisch und selbstgebackenes Brot sowie Kuchen. „Ich komme seit 22 Jahren nach Stockach“, sagt Hannelore Hug aus Stockach-Raithaslach, die mit ihren selbstgebackenen Kuchen bei den Marktkunden besonders beliebt ist. „Am Dienstag reichen drei bis vier Kuchen, aber am Freitag bringe ich deutlich mehr mit“, sagt Hug. Außerdem verkauft sie Eier, Honig und selbstgebackenes Brot. Die Nachfrage der Kunden habe sich bei ihr in den letzten Jahren nicht verschlechtert. Auch nach dem Umzug vom Dillplatz in die Oberstadt auf den Gustav-Hammer-Platz ist sie weiterhin zufrieden. „Für mich lohnt es sich zwei Mal in der Woche nach Stockach zu fahren. Mit den Jahren gibt es natürlich auch viele Stammkunden“, sagt Hannelore Hug.

    Markttage und Öffnungszeiten: Dienstag von 8 bis 12 Uhr und Freitag von 14 bis 17 Uhr, auf dem Gustav-Hammer-Platz.

  • Wochenmarkt Singen
    Regina Duventäster-Maier mit Artischocken und Zucchini an ihrem Stand auf dem Singener Wochenmarkt. Bild: Christel Rossner
    Regina Duventäster-Maier mit Artischocken und Zucchini an ihrem Stand auf dem Singener Wochenmarkt. Bild: Christel Rossner | Bild: Lisa Jahns

    Gemüse von Auberginen bis Zucchini, Brot, Obst oder ein selbst gebrannter Williams Christ – der Singener Wochenmarkt bietet ein Eldorado für Genießer, die Frische und Vielfalt schätzen. Ein Bummel über den Markt ist nicht vergleichbar mit einer ermüdenden Einkaufstour: Man plaudert mit den Händlern, trifft Bekannte und genießt an der mobilen Cafébar einen Cappuccino. Hoch über dem Platz erhebt sich majestätisch die Herz-Jesu-Kirche. Der Markt hat etwas Beschauliches und ist ein Treffpunkt. Ulf Goertler kommt regelmäßig, für ihn ist Samstag Markttag. „Hier finde ich frisches Gemüse und auch Fisch aus dem Bodensee“, freut er sich über das Angebot regionaler Produkte. Und er treffe immer wieder Leute, die er kenne. Das Angebot lockt Kunden aus dem Umland und der Schweiz. Man kennt sich, viele Erzeuger und Händler kommen seit Jahrzehnten. „Wir haben Kunden, die schon seit 50 Jahren bei uns einkaufen“, sagt Gemüseproduzentin Regina Duventäster-Maier. Gerade im Juli sei Angebot sehr reichhaltig. (ros)

    Markttage und Öffnungszeiten: Ganzjährig Samstag, von Mai bis Oktober außerdem dienstags von 6. bis 12.30 Uhr auf dem Herz-Jesu-Platz.

  • Wochenmarkt Konstanz
    Erdmute Hempel-Boschert kauft auf dem Sankt-Stephans-Markt frische Beeren .Bild: Oliver Hanser
    Erdmute Hempel-Boschert kauft auf dem Sankt-Stephans-Markt frische Beeren .Bild: Oliver Hanser

    In Konstanz gibt es zwei Wochenmärkte. Ein Markt findet auf dem Sankt-Stephans-Platz statt, der andere ist am Sankt-Gebhard-Platz. Erdmute Hempel-Boschert kauft gerne auf beiden Märkten ein – je nach dem, welcher Markt gerade einfacher zu erreichen ist oder welcher Markttag besser in die Wochenplanung passt. Ein- bis zweimal pro Woche kauft sie auf den Märkten Beeren, Kartoffeln und Eier. „Ich habe Vertrauen darin, wo die Ware herkommt“, so Hempel-Boschert. Gerade beim Einkauf der Eier sei es ihr wichtig, zu wissen, wie die Hühner gehalten werden. Außerdem seien die Produkte frisch. Mit den Beeren koche sie viel Marmelade. (ssc)

    Markttage und Öffnungszeiten Sankt-Stephans-Platz: Dienstag und Freitag, März bis Oktober von sieben bis 13 Uhr und November bis Februar von 7.30 bis 13 Uhr

    Markttage und Öffnungszeiten Sankt-Gebhard-Platz: Mittwoch und Samstag, März bis Oktober von sieben bis 13 Uhr und November bis Februar von 7.30 bis 13 Uhr

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