Wegen ihrer Sesshaftigkeit wurden Pilze lange Zeit zu den Pflanzen gerechnet. Doch im Unterschied zu den Pflanzen können Pilze aus biologischer Sicht keine Photosynthese betreiben. Sie ernähren sich – ähnlich wie Tiere – durch Aufnahme organischer Substanzen, die sie in gelöster Form aus der Umgebung aufnehmen. Genau genommen bilden die Pilze (Fungi) neben Pflanzen (Plantae) und Tieren (Animalia) ein eigenständiges Reich innerhalb der Lebewesen.

Mehr Pilze als Pflanzenarten

„Insgesamt gibt es mehr Pilzarten als Pflanzenarten“, resümierte Markus Rast, Fachberater für Mykologie, bei den Naturschutztagen im Radolfzeller Milchwerk: Sie seien ein wesentlicher Teil der Biodiversität und hätten andere ökologische Ansprüche wie Pflanzen und Tiere.

Rast spitzt die Bedeutung von Pilzen für den Schutz der Natur bei der Podiumsdiskussion über Pilze zu: Eigentlich müssten die FFH-Richtlinien um den Begriff Fungi auf Flora, Fauna, Fungi Habitat erweitert werden. Erst im 21. Jahrhundert begann die Wissenschaft die Bedeutung von der Symbiose der Mykorrhizza-Pilze für das Gedeihen vieler Pflanzen zu erkennen.

Fünf Pilz-Experten diskutieren

Thomas Giesinger vom BUND lud fünf Sachverständige für Pilze zu einer Gesprächsrunde bei den Naturschutztagen ein. Der Böhringer sieht die Pilze als wichtige Indikatoren für die Intaktheit der Natur an. Naturschützer würden dieses Wissen zu wenig nutzen.

Bei einer Podiumsdiskussion auf den Radolfzeller Naturschutztagen brechen eine Lanze für die Pilze, eine bisher wenig beachtete Lebensform (von links): Uwe Winkler (Pilzsachverständiger und -kontrolleur), Markus Rast (Fachberater für Mykologie), Thomas Giesinger (BUND), Monika Engeler (Pilzkontrolleurin), Karin Petzold (Pilzsachverständige bei der deutschen Gesellschaft für Mykologie) und Dirk Harmel (BUND).
Bei einer Podiumsdiskussion auf den Radolfzeller Naturschutztagen brechen eine Lanze für die Pilze, eine bisher wenig beachtete Lebensform (von links): Uwe Winkler (Pilzsachverständiger und -kontrolleur), Markus Rast (Fachberater für Mykologie), Thomas Giesinger (BUND), Monika Engeler (Pilzkontrolleurin), Karin Petzold (Pilzsachverständige bei der deutschen Gesellschaft für Mykologie) und Dirk Harmel (BUND). | Bild: Georg Lange

Markus Rast ist Chemieingenieur und Fachberater für Mykologie und lebt in Böhringen. Vor drei Jahren begann er auf der Halbinsel Höri und dem Schiener Berg die Vielfalt von Pilzarten zu bestimmen und deren Fundorte zu kartieren. Bisher entdeckte Rast rund 600 verschiedene Pilzarten bei 2000 Funden. Sein Projekt ist mehrjährig angelegt, da die Arten in Abhängigkeit von Wetterbedingungen auftauchen.

Bodenverdichtung und Düngung schaden

Erst nachfolgende Generationen könnten aus dem Datenmaterial das Auftauchen und Verschwinden von Pilzarten bestimmen und somit eine Verschiebung des Klimas herauslesen. „Was den Pilzen nutzt, nutzt auch den anderen Wesen im Wald wie Insekten und Vögel“, weiß Rast zu berichten.

Ein Problem für die Artenvielfalt der Pilze sei die Bodenverdichtung und Düngung. Der Eintrag von Stickoxyden in Wälder schade vielen Mykorrhizza-Pilzen, die in Symbiose mit Bäumen leben würden.

Kaiserling auf dem Bodanrück

Uwe Winkler lebt in Konstanz. Er ist Pilzsachverständiger und Pilzkontrolleur in Kreuzlingen. Wie Markus Rast kartiert der 62-jährige Informatiker auf dem Bodanrück den Artenbestand der Pilze. Im Gegensatz zu den bisherigen Erkenntnissen von Markus Rast gibt es auf dem Bodanrück eine höhere Artenvielfalt an Pilzen wie auf dem Schiener Berg und mehr seltene Arten.

Unter anderem den Kaiserling, der schon in der Antike als Speisepilz bekannt war. Er wurde in Deutschland bisher lediglich an fünf Fundstellen gesichtet. Seit etwa sechs Jahren interessiert sich Monika Engeler aus Mehrstetten für Pilze. Bei einer Exkursion ließ sich die Sozialpädagogin für die Gattung begeistern.

Sammler zerstören Pilze

Als Pilzkontrolleurin im schweizerischen Thurgau berät sie Konsumenten über die Essbarkeit von Pilzen. Sie bedauert die Sammellust von Waldgängern, die mit geringer Kenntnis über die Verwertbarkeit von Pilze einen hohen Ausschuss sammeln. Mehr als 90 Prozent der gesammelten Pilze seien ungenießbar und würden im Anschluss an die Kontrolle weggeworfen.

Das könnte Sie auch interessieren

In den schweizerischen Pilzvereinen stünden vor allem die Wichtigkeit der Pilze für die Ökologie im Vordergrund, weniger deren Essbarkeit. Meist seien die Pilzkundler mit der Bestimmung der Art beschäftigt und untersuchten die Pilze mikroskopisch.

Kinder sollen mehr über Pilze erfahren

Karin Petzold ist Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM). Die Hornbergerin setzt sich als Lehrerin für die bessere Bildung der Kinder über Pilze in den Lehrplänen ein und gibt Pilzunterricht an Schulen. Sie möchte das Bewusstsein schaffen, dass Pilze nicht nur für die Bratpfanne gut seien, sondern deren Existenz für die Natur und Menschen lebenswichtig sei. Das Auftauchen südlicher Pilzarten in 700 Meter Höhe sieht sie als Indiz für den Klimawandel.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.