Lucy Myrielle beabsichtigt eine Operation. Für die junge Frau ist es unvorstellbar mit dem männlichen Glied zu leben, mit dem sie auf die Welt kam. Ihr Geschlechtsorgan begreift sie als ein Anhängsel, das nicht zu ihr gehört. Lucy Myrielle schloss sich einer Selbsthilfegruppe an, die Menschen bei ihrem langen und oft leidvollen Weg für den geschlechtsangleichenden Übergang begleiten. Die "Trans*Selbsthilfegruppe Hegau" trifft sich monatlich in der Radolfzeller Ideenwerkstatt und hat den plastischen Chirurgen Cvetan Taskov zu einem Vortrag eingeladen.

Möchten Trans*Personen – so die offizielle Schreibweise der Antidiskriminierungsstelle des Bundes – möglichst unauffällig in die Gesellschaft eintauchen und mit sich selbst und ihrem Körper zufrieden sein, so haben sie eine Fülle an Aufgaben zu bewältigen. Anatomische Veränderungen sind dabei nur ein Teil des Übergangs. Um als Mann oder Frau in der Gesellschaft "durchgehen" zu können, kommen Veränderungen im Verhalten, Gestik, Stimme und Aussehen hinzu. Misslingt dieses "Passing", kann das in extremen Fällen zu Depressionen und zum Selbstmord führen, erläutert Mediziner Cvetan Taskov vom Münchner Klinikum Erding.

Lucy Myrielle ist ein Kunstname für den Internetauftritt der Transfrau. Sie erlebte eine Zeit der Leere und wusste nicht, wofür sie am nächsten Tag aufstehen sollte. In einem Urlaub nahm sie sich Zeit, über ihre geschlechtliche Identität nachzudenken. Sie kam zu dem Schluss, dass jeder Mann etwas Feminines und jede Frau etwas Maskulines habe. Doch dieser Gedanke zeigte keine Stabilität. Sie entdeckte, dass sie viel mehr feminine Seiten habe, die ihren Weg nach außen suchten. Ein Freund fragte sie in einem Gespräch, ob sie lieber eine Frau sein möchte. Diese spontane Frage habe sie wie ein Stromschlag getroffen. Dabei bemerkte sie, dass sie eine Frau sein möchte und sich mit diesem Gedanken wohlfühlte.

Zum Vortrag kam auch ein Ehepaar mit seinem Kind. Noch vor Kurzem lebten die Eltern mit der Vorstellung, eine Tochter zu haben. Das Outing vor drei Monaten war eine Überraschung für die Eltern. Zunächst dachten sie, dass ihr Kind in einer Phase der Pubertät stecken könnte. Doch ein Psychologe bestätigte die Vermutung des Jugendlichen. Die Mutter zeigte sich vor dem Outing ihres Kindes oftmals irritiert, welche Kleiderwahl es getroffen hatte. Nun mache sein Verhalten einen Sinn: "Ja klar, du bist ein Junge", wendete sich die Mutter plötzlich zu ihrem Sohn: "Jetzt gehen wir in die Herrenabteilung und kaufen die Jungsklamotten." Dem Vater ist nun bewusst, dass es sich um keine Phase handelt. In der Zwischenzeit sei der engste Familienkreis eingeweiht worden, bald werde die Schule informiert. Es sei wichtig, dass Eltern hinter ihrem Kind stehen sollten, so der Vater. Zu groß sei der Leidensweg, bei dem Kinder sich das Leben nehmen würden, wenn sie mit ihrer Situation nicht klar kämen.

Christin Löhner ist eine Transfrau. Sie wurde 1972 als Alexander Michael in Berlin geboren und gründete die Selbsthilfegruppe Hegau mit Sitz in Radolfzell. Eines der Gruppenziele sei eine Stabilisierung der Persönlichkeit im Umgang mit der sozialen Umwelt. "Wenn man sich für den Weg eines Transmenschen entscheidet, wird man Ziel für Angriffe", spricht Löhner aus eigener Erfahrung: Man müsse immer darauf gefasst sein, dass man provoziert werde. Und man müsse lernen, mit Reaktionen der Umwelt umzugehen.

 

Transsexualität

  • Keine Festschreibung: Im Gegensatz zur Heterosexualität oder Homosexualität macht der Begriff Transsexualität keine Angaben über die sexuelle Orientierung oder das sexuelle Verhalten. Äußerungen wie „er war früher ein Mann und lebt jetzt als Frau“, „er würde gerne eine Frau sein“ oder „er ist im falschen Körper geboren“ seien äußerst problematisch und sorgen in der Gesellschaft für Fehlinformation und ein falsches Bild von Trans*Personen, so die Gründerin der Selbsthilfegruppe, Christin Löhner.
  • Informationen, Termine und eine Kontaktaufnahme zur Selbsthilfegruppe unter Telefon (0176) 47 87 21 10 oder im Internet: http://www.r3y.de