Herr Reckziegel, Sie sind 71 Jahre alt und arbeiten noch immer. Warum?

Es bereitet mir viel Freude.

Wie sieht denn Ihr Alltag als einer der Geschäftsführer beim Spar- und Bauverein Konstanz aus?

Ich gehe um 7.45 Uhr aus dem Haus und bin so gegen 8.30 Uhr im Büro. Gegen 13 Uhr fahre ich wieder nach Hause – es ist also nur ein Halbtagsjob, aber es tut gut, wenn man etwas gestalten kann.

Zum Beispiel?

Wir bauen in Konstanz zum Beispiel integrative Wohnungen für ältere und auch durch Demenz eingeschränkte Menschen. Ich behaupte mal, dass wir in Konstanz führend in diesem Bereich des Wohnungsbaus sind. Daran strategisch und entscheidend mitwirken zu können, macht mir Spaß.

Als Stadtrat hat für Sie der Spaß aufgehört?

Ich gebe offen zu: Die Entwicklung bei der Seetorquerung war ein Schlag für mich. Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Vorzugsvariante für finanzierbar halte – auch ohne einen Beitrag der Deutschen Bahn AG. Mal ehrlich: Was sind schon drei oder vier Millionen Euro bei einer Laufzeit von vier, fünf Jahren für ein strategisches Projekt der Stadtentwicklung in einer Kommune von der Größenordnung Radolfzells?

Vom Kurswechsel des Oberbürgermeisters halten Sie also nichts?

Nein. Diese kleingeistige Haltung ist nicht mein Ding. Ich habe den Eindruck, dass Martin Staab jetzt schon Wahlkampf macht. Außerdem bringe ich nach der langen Diskussion mit all den Details einfach nicht mehr die Kraft für eine neuerliche Debatte auf. Für diese Art der Geduld bin ich zu alt.

Heißt das, dass Sie Ihr Amt weiter ausgeübt hätten, wenn OB Staab beim Thema Seetorquerung Kurs gehalten hätte?

Ja, dann wäre ich Stadtrat geblieben.

In Radolfzell gibt es aber mehr Themen als nur die Seetorquerung – man denke nur an den Bildungsbereich mit den Schulinvestitionen. Da können Sie durch den Amtsverzicht auch keinen direkten Einfluss mehr ausüben.

Richtig, aber schauen Sie sich doch die Bildungspolitik in der Stadt an. Ich komme viel herum und sehe dabei, was alles in den Schulen gemacht wird. Zum Beispiel in Singen, Konstanz oder etwa Rottweil. Da sage ich nur: Mein lieber Mann, da sieht es aber anders aus als in Radolfzell.

Ihnen geht es auch in diesem Bereich zu langsam voran?

So ist es. Ich bin in einem Alter, in dem die restliche Lebenszeit langsam aber sicher überschaubar wird und da habe ich zu diesen endlosen Verfahren keine Lust mehr. Das gilt auch für die Bildungspolitik – obwohl ich bei der FDP bin, die zu Unrecht im Ruf steht, dass sie ihre Existenzberechtigung aus dem Drängen auf Straßenbau und -sanierung bezieht. Das stimmt nicht, jedenfalls nicht in meinem Fall. Dutschke und Dahrendorf, die sozialliberale Koalition im Bund – das war meine Zeit und damals war ich in unserer durchpolitisierten Familie der knallrote Sozi. Meiner Grundhaltung als politischer Mensch bleibe ich auch künftig treu, ich werde aktiv bleiben.

In Form einer außerparlamentarischen Opposition?

Warum nicht? Ich kann ja doch den Mund nicht halten und es gibt inzwischen jede Menge Initiativen, über die man Einfluss auf die Kommunalpolitik nehmen kann. Und wenn ich nicht mehr Stadtrat bin, kann ich ja auch Leserbriefe schreiben...

Gerne!

Jedenfalls sehe ich keine Gefahr, dass ich mich disziplinieren lasse. Das schafft niemand, außer vielleicht meine Frau.

Spielen Sie damit auf die von OB Staab angeregten Redebegrenzungen im Gemeinderat an?

Natürlich. Ich möchte aber jetzt ganz bestimmt nicht alles, was von OB Staab kommt, in Bausch und Bogen verdammen. Wie gesagt, ich bin ja selbst ungeduldig und will, das die Dinge vorwärts getrieben werden. Da sollte man schon auch mal auf die Uhr schauen. An der entwickelten Diskussionskultur müssen wir aber festhalten.

Das hört sich dennoch so an, als würde Ihnen der gesamte Kurs der Politik unter OB Staab nicht passen.

Viele Elemente finden meine Zustimmung. Die Stärkung der Altstadt zum Beispiel oder die Ausweisung von Bau- und Gewerbegebieten. Andererseits wünsche ich mir manchmal mehr Präsenz von Martin Staab bei wichtigen öffentlichen Veranstaltungen wie der Kulturnacht und dem Altstadtfest.

Vieles in der Stadtpolitik hängt aber auch vom Gemeinderat ab. Da gab es gravierende Veränderungen bei der Gemeinderatswahl 2014 – bei rund einem Drittel der Stadträte handelt es sich um Neulinge. Und dann haben sich mit Kurt-Christian Tennstädt und Ihnen zwei veritable politische Schwergewichte während der laufenden Amtszeit verabschiedet. Muss man um die Qualität der Ratspolitik fürchten?

Ich stehe prinzipiell auf dem Standpunkt: Jeder hat das verdient, was er wählt. Und das meine ich jetzt nicht unbedingt persönlich.

Sondern?

Die Strukturen des Gemeinderats haben sich verschoben. Wenn man sich die strukturelle Zusammensetzung anschaut, dann finden sich unverhältnismäßig viele Vertreter aus den Ortsteilen im Gemeinderat und von jeher gibt es die starke Fraktion der Lehrer. Einige können gar nicht anders als belehrend sein und das spürt man im Gemeinderat immer wieder. Da wird gerne mit Wissen aufgetrumpft und das ist Teil eines rhetorischen Machtspiels, auf das ich mich nie eingelassen habe. Ich neide den Lehrern ganz bestimmt nicht ihr Wissen, über das sie zweifelsohne verfügen, aber im Gemeinderat und in der Kommunalpolitik sollte man schneller auf den Punkt kommen.

Zu Ihrem Markenzeichen gehört, dass Sie kein Blatt vor den Mund nehmen – dieses Gespräch ist ein weiterer Beleg dafür. Sagen Sie abschließend aber doch noch, was Ihnen an der Gemeinderatsarbeit gefallen hat und warum man sich als Bürger überlegen sollte, selbst einmal für so ein Amt zu kandidieren.

Die Entwicklung des nördlichen Innenstadtbereichs ist wirklich sehr gut gelaufen. Die Umwandlung des ehemaligen Schiesser-Areals vom Seemaxx bis zur Markthallenstraße ist ein Musterbeispiel dafür, dass man etwas bewirken kann. Daran beteiligt zu sein, hat mir viel Freude bereitet...

...also das genaue Gegenteil zur Seetorquerung in der südlichen Innenstadt?

Ja. Da kann man tatsächlich von einem Nord-Süd-Gefälle in der Stadtpolitik sprechen.

Herr Reckziegel, danke für Ihre offenen Worte.

Fragen: Torsten Lucht

Zur Person

Josef-Joachim Reckziegel und Ehefrau Claudia haben sechs Kinder (drei von ihnen übernahm das Paar von seiner Schwester und deren Ehemann, die 1985 bei einem Autounfall ums Leben kamen) und acht Enkelkinder. Der 71-Jährige gehörte von 1999 bis 2014 und dann wieder ab 2009 dem Gemeinderat an. Von 2011 bis 2014 war er außerdem Mitglied des Kreistags. Dieses Amt übernahm er von seiner Partei-Kollegin Isabel Fezer nach deren Wahl zur Sozialbürgermeisterin von Stuttgart. (tol)

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