Herr Scholz, hat Sie der Beschluss des Gemeinderats überrascht, keine Fläche des Strandbads für die Mettnaukur abzutreten?

Der Gemeinderat hat im November 2013 den vorgelegten Masterplan zur baulichen Weiterentwicklung unserer Einrichtungen der METTNAU beraten. Dieser Plan wurde damals von den Fraktionen positiv bewertet. In dieser ursprünglichen Beratungsvorlage war die Nutzung eines Teilstücks des Strandbades enthalten. Ausgehend vom vorgelegten Gesamtkonzept des Masterplans wurde einstimmig die Durchführung des ersten Bauabschnitts beschlossen und die Geschäftsführung der METTNAU beauftragt, die Planungen zu konkretisieren. Das dies nunmehr vom Gemeinderat durch den getroffenen Beschluss anders bewertet wurde, ist Teil des demokratischen Prozesses und bildet somit die Grundlage für das weitere Vorgehen. Die Planungen werden entsprechend von uns angepasst.

Auch die Anlage des TC Radolfzell soll nicht für Parkplätze der Kurgäste geopfert werden. Können Sie das verstehen?

Der ursprüngliche Masterplan sah eine teilweise Nutzung der Flächen des TC Radolfzell vor. Im gesamten Verfahren zur Umsetzung des Bebauungsplans wurden mit dem TC Radolfzell mehrfach Gespräche bezüglich der daraus resultierenden Auswirkungen geführt. Dabei wurden von Seiten der Stadtverwaltung unter anderem Alternativflächen in direkter Anbindung an die auf der Halbinsel Mettnau bestehenden Tennishalle angeboten, welche einen Ganzjahresbetrieb des Tennissports innerhalb einer Gesamtanlage ermöglichen würde. Der TC Radolfzell hat diesen Vorschlag für sich als eine nicht zukunftsweisende Entwicklungsmöglichkeit bewertet. Dies gilt es zu akzeptieren.

Warum ist aus Ihrer Sicht ein großer Umbau der Kur notwendig?

Die METTNAU hat sich in den fast 60 Jahren ihres Bestehens immer wieder weiterentwickelt und verfügt heute über vier Standorte mit zwei ergänzenden Dependancen. Diese historisch gewachsene dezentrale Struktur ist aus heutiger Sicht unter funktionalen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten langfristig nicht mehr entwicklungsfähig. So können wir zum Beispiel Stand heute, unseren Gästen nicht an allen Standorten die einzelnen therapeutischen Kernleistungen der METTNAU vollumfänglich anbieten. Dazu kommt, das für eine solche dezentrale Struktur auch ein erheblicher personeller und sachbezogener Aufwand notwendig ist. Aufgrund der steigenden Anforderungen, zum Beispiel bezüglich der Sicherheits- und Brandschutzeinrichtungen sowie der Barrierefreiheit, wurden im Jahr 2012 zwei Architektur- und Stadtplanungsbüros damit beauftragt, die bauliche Infrastruktur der METTNAU auf ihre mögliche zukünftige Weiterentwicklung zu untersuchen. Als Ergebnis daraus haben die Planungsbüros dem Träger empfohlen, als Alternative zu einer Kernsanierung der Bestandsgebäude die Errichtung neuer Gebäude zu prüfen.

Welche Kosten- und Leistungsträger sind es konkret, die eine sogenannte Inhaus-Anwendung für ihre Mitglieder fordern?

Die dezentrale Struktur mit zum Teil getrennten Standorten für die Übernachtungsmöglichkeit des Gastes und für die notwendigen therapeutischen Leistungen erfüllt heute, unabhängig von einem gesetzlichen Kostenträger, nicht mehr vollumfänglich den Strukturanforderungen einer modernen Rehabilitationseinrichtung. Grundlage für die Belegung einer Rehabilitationseinrichtung durch gesetzliche Kostenträger, wie der Deutschen Rentenversicherung und der gesetzlichen Krankenkassen, ist ein entsprechender Versorgungsvertrag, welcher unter Beachtung der auf Grundlage vorgegebener Strukturanforderungen, abgeschlossen wird.

Es gibt also keine konkrete Forderung der Kostenträger, die Patienten müssten trockenen Fußes zu ihren Anwendungen kommen?

Diese Notwendigkeit ergibt sich aus den Strukturanforderungen der Kostenträger.

Wie viele Kurgäste werden noch in der Kurpark-Klinik untergebracht?

Die Kurpark-Klinik selber verfügt heute ohne die Dependance Haus Undine und die Belegungsmöglichkeiten im Hotel Christine über eine Kapazität von 59 Betten.

Würde es nicht reichen, die Kurgäste der Kurpark-Klinik rund um die Hermann-Albrecht-Klinik unterzubringen und die Werner-Messmer-Klinik zu sanieren?

Im Vorfeld der Projektentwicklung für die bauliche Weiterentwicklung der METTNAU wurden im Jahr 2012 umfangreiche Untersuchungen zu den einzelnen Möglichkeiten durchgeführt. Darin wurde unter anderem festgehalten, dass bei einer notwendigen Kernsanierung der Werner-Messmer-Klinik die Struktur und Größe der Räumlichkeiten aufgrund der Bauweise des Gebäudes nicht verändert werden können. Dies ist insbesondere bezogen auf die Gästezimmer und der dazugehörenden Badezimmer hinderlich, da eine notwendige Barrierefreiheit aufgrund der Größe der Räumlichkeiten nicht vollumfänglich umsetzbar ist. Unabhängig davon ist eine in der Zukunft notwendige Kernsanierung des Gesamtgebäudes während einer gleichzeitigen Belegung der Gästezimmer nicht möglich. Bereits die laufenden Renovierungsarbeiten bringen entsprechende Beeinträchtigungen mit sich, welche zu einer von allen Beteiligten nicht gewünschten Unzufriedenheit der Gäste und Mitarbeiter führen.

Dann müssten Sie für eine Generalsanierung die Werner-Messmer-Klinik schließen?

Eine Schließung der Werner-Messmer-Klinik für eine Sanierung würde dazu führen, dass die METTNAU für diesen Zeitraum von mindestens einem Jahr etwa die Hälfte der derzeit zur Verfügung stehenden Gesamtbettenanzahl nicht belegen könnte. Dies wäre aus wirtschaftlichen und inhaltlichen Gründen nicht durchführbar. Unabhängig davon würde es dazu führen, dass insbesondere im Bereich der Anschlussheilbehandlungen alternative Anbieter Kapazitäten aufbauen und die Behandlung der Patienten zukünftig an anderen Örtlichkeiten als Radolfzell durchgeführt würde.

Da es in der Rehabilitation keine Belegungsgarantien für stationäre Einrichtungen gibt, würden sich die daraus ergebenen Strukturen und Patientenpfade nach einer erfolgten Neueröffnung der Werner-Messmer-Klinik negativ auf eine zukünftige Belegungsentwicklung auswirken.

Mit welchem Budget kalkulieren Sie für das Projekt Konzentration Mettnaukur?

Bedingt durch die jetzt neuen notwendigen und aktuell laufenden Änderungsplanungen für die Anpassung unseres Masterplans zur baulichen Weiterentwicklung der METTNAU können wir Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine abschließenden Angaben geben. Die diesbezüglich in den beauftragten Planungsbüros erarbeiteten Alternativvorschläge werden wir den zuständigen kommunalen Gremien zur weiteren Entscheidung vorlegen. Grundvoraussetzung unserer Planungen ist dabei, dass diese nicht zwingend innerhalb einer großen Maßnahme umgesetzt werden müssen, während die einzelnen Bausteine und Abschnitte unabhängig voneinander bedarfsorientent je nach wirtschaftlichen Möglichkeiten umgesetzt werden können.

Welche Summe haben Sie in der mittelfristigen und langfristigen Finanzplanung eingepreist?

Der bisherige Masterplan sieht eine Gesamtlaufzeit bis in das Jahr 2030 vor. Unter Berücksichtigung der darin aufgeführten Maßnahmen sind im aktuellen mittelfristigen Finanzplan des Eigenbetriebes bis 2021 insgesamt 6,5 Millionen Euro eingeplant. Im Rahmen der entsprechenden Alternativplanungen ist dies möglicherweise entsprechend anzupassen. Noch nicht berücksichtigt ist dabei die derzeit ab dem Jahr 2027 geplante Verlagerung der heutigen Werner-Messmer-Klinik.

Fragen: Georg Becker

 

Zur Person

Eckhard Scholz (53) ist Leiter der medizinischen Rehabilitationseinrichtung der Stadt Radolfzell (Mettnaukur). Der hat langjährige Führungs- und Managementerfahrungen im Gesundheits- und Klinikbereich. Stationen seiner Karriere sind die Verwaltungsleitung der Kliniken Schmieder in Gailingen und die langjährige Tätigkeit in der Geschäftsleitung des Klinikums Nordschwarzwald. Vor seinem Antritt als Geschäftsführer der Kur in Radolfzell war der gebürtige Westfale zwei Jahre Betriebsdirektor und stellvertretender Geschäftsführer des Zentrums für Psychiatrie Reichenau.

Wenn die Mettnau in Großbuchstaben erscheint

Warum die Kur die Mettnau in Großbuchstaben schreibt und was die Kostenträger zur sogenannten Inhaus-Unterbringung sagen 

  • Die medizinischen Reha-Einrichtungen (Mettnaukur) sind ein Eigenbetrieb der Stadt Radolfzell. Er beschäftigt bis zu 400 Mitarbeiter, je nach Saison. In Vollzeitstellen gerechnet sind es knapp 240 Arbeitsplätze. Für das Geschäftsjahr 2015 ist ein Umsatz von 22 Millionen Euro, der Gewinn mit 550 000 Euro ausgewiesen. Die Zahlen für 2016 sind noch nicht veröffentlicht. Die Kapazitäten: Klinik Seehalde 55 Betten, Kurpark-Klinik 59 Betten, Hermann-Albrecht-Klinik 138 Betten, Werner-Messmer-Klinik 229 Betten.
  • Die METTNAU in Großbuchstaben: Die Mettnau normal geschrieben ist die Halbinsel im Untersee zwischen Zeller See und Markelfinger Winkel des Gnadensees und gehört zu Radolfzell. Die METTNAU groß geschrieben ist der Werbename der Medizinischen Reha-Einrichtungen der Stadt Radolfzell – oder eben der Mettnaukur. Dieser Name geht für Kurdirektor Eckhard Scholz gar nicht mehr, weil der Begriff "Kur" seit der Gesundheitsreform im Jahr 2000 offiziell nicht mehr verwendet wird. Den Begriff gibt es aber nach wie vor. Die AOK Baden-Württemberg erklärt auf ihrer Internetseite: "Kuren sollen Krankheiten vorbeugen. Reha-Maßnahmen dienen der Wiederherstellung der Gesundheit." Da das Wort "Mettnau" ausgesprochen keinen Unterschied macht, ob es groß oder normal geschrieben ist, bleibt der SÜDKURIER dabei, für die medizinischen Einrichtungen auf der Mettnau den Begriff Mettnaukur zu verwenden. Die Ausnahme: Eckhard Scholz sei die Verwendung der Schreibweise METTNAU in seinen Antworten auf unsere Fragen zugestanden.
  • Die Kostenträger widersprechen auf Anfrage dieser Zeitung der Aussage, dass sie von der Mettnaukur eine Inhaus-Unterbringung fordern. Unter diesem Begriff versteht man die Möglichkeit für Patienten, vom Bett zur Anwendung trockenen Fußes zu gelangen. Gerhard Gottwald, Pressesprecher der AOK, schreibt: "Die AOK als Kostenträger hat die sogenannten Inhaus-Kuren nicht verlangt." Unter den gesetzlichen Krankenkassen ist die AOK nach eigenen Angaben der größte Beleger der Mettnaukur. Ähnliche Antworten kommen von der Deutschten Rentenversicherung (DRV) Bund und Land. Gerd Markowetz, Pressesprecher der DRV Baden-Württemberg, sagt: "Es gibt keine Indoorvorschriften. Was bei uns gefordert ist, sind behindertengerechter und barrierefreier Ausbau." Aus Berlin teilt Manuela Budewell mit, eine solche Forderung an die Mettnaukur sei nicht gestellt worden: "Denn grundsätzlich werden alle Versicherten der DRV Bund im Haupthaus der Einrichtung untergebracht." Die letzte Visitation der DRV sei im Jahr 2012 mit sehr gutem Ergebnis erfolgt: "Investive Forderungen wurden nicht aufgestellt."
  • Der Gemeinderat Radolfzell berät am Dienstag, 30. Mai, erneut über eine Änderung des Bebauungsplans für das Kurgebiet auf der Mettnau. Nachdem die Erweiterungspläne auf dem Gelände des Strandbads und des Tennisclubs keine Mehrheit fanden, wird nun eine Bebauung mit teilweise bis zu fünf Stockwerken rund um die Hermann-Albrecht-Klinik beantragt. (bec)