Die Holzhauermusik im Jahr 1969 wartet auf ihren Auftritt im Scheffelhof: (von links) Ekkehard Monz, Berthold Robitz, Ingo Deckel, Gerhard Wiese, Sepp Duttle, Roland Weber, Gerhard Schäuble und Arno Hennenmann.
Die Holzhauermusik im Jahr 1969 wartet auf ihren Auftritt im Scheffelhof: (von links) Ekkehard Monz, Berthold Robitz, Ingo Deckel, Gerhard Wiese, Sepp Duttle, Roland Weber, Gerhard Schäuble und Arno Hennenmann. | Bild: Ingo Deckel

Wer das stolze Alter von 66 Jahren erreicht hat, kann sich meistens bereits auf den wohlverdienten Ruhestand freuen. Nicht so die Holzhauermusik. Daran sich zurückzulehnen und es ruhiger angehen lassen, denken die Mitglieder noch lange nicht. Im Gegenteil. Während der letzten Jahrzehnte ist aus der einstigen Fasnachtskapelle eine Unterhaltungsgruppe für fast jede Gelegenheit geworden. Natürlich sind es nicht mehr die ursprünglichen Gründungsmitglieder, die die treibende Kraft hinter der Holzhauermusik sind. Bereits die dritte Generation von Radolfzeller Blechblasmusikern spielt in der Gruppe.

Ingo Deckel ist seit seinem 14. Lebensjahr dabei

Eine echte Holzhauermusik-Familie sind die Deckels. Ingo Deckel trat als Erster seiner Familie in die Holzhauermusik ein. 1968 fing er als 14-Jähriger an für die Zunft Waldhorn zu spielen. Sein Vater wurde erst ein Jahr nach ihm Mitglied. Damals habe man händeringend nach Musikern gesucht, berichtet Ingo Deckel, heute 64 Jahre alt und somit dienstältestes Mitglied der Gruppe. Seit 50 Jahren ist die Holzhauermusik ein großer Teil seines Lebens. Zahlreiche Fotoalben, sorgfältig geführt und beschriftet von Ehefrau Ingeborg, zeugen von den vielen Erlebnissen mit der Zunft und der Kapelle. Sohn Stefan ist ebenfalls rettungslos mit dem Holzhauermusik-Virus infiziert und seit den ersten selbstständigen Schritten dabei.

Närrischer Frühschoppen der Narrizella im Jahr 1969 (von links): Gerhard Ehinger, Klaus Diez, Sepp Duttle und der damals 15-jährige Ingo Deckel in seinem Konfirmationsanzug.
Närrischer Frühschoppen der Narrizella im Jahr 1969 (von links): Gerhard Ehinger, Klaus Diez, Sepp Duttle und der damals 15-jährige Ingo Deckel in seinem Konfirmationsanzug. | Bild: Ingo Deckel

Gegründet wurde die Holzhauermusik im Jahr 1952. Eine richtige Musikkapelle war sie damals nicht. Mitglieder der Holzhauergilde, ob Musiker oder nur musikinteressiert, fanden sich während der Fasnacht mit allerlei Instrumenten zusammen. Von der Marschtrommel über das Tenorhorn, Helikon, Posaune, Trompete zum Bass. Sogar Klarinetten waren geduldet. Diese Holzblasinstrumente finden sich heute nicht mehr in der Holzhauermusik. Aber damals war man eben froh über alles. Richtig geprobt wurde nur kurz vor der Fasnacht. Das restliche Jahr ruhten die Instrumente. Die erste offizielle, ordentliche Probe fand erst 1965 unter Oberholzer Gerald Schäuble statt. Er hatte die Vision einer richtigen Musikkapelle.

Bild: Ingo Deckel

Bis Ende der Sechzigerjahre war die Holzhauermusik noch eine lose Zusammenstellung von Zunftmitgliedern und Musikern. "Wir hatten auch immer wieder Gastspieler aus der Stadtkapelle oder anderen Zünften dabei, was man halt grad so gebraucht hat", erinnert sich Ingo Deckel. Zu der Zeit habe es überhaupt wenig Musiker in Radolfzell gegeben. Die intensive Nachwuchsarbeit der Musikschule hatte erst Mitte der Sechzigerjahre begonnen. Deckel selbst wurde aus dem Jugendblasorchester angeworben. Drei andere Jugendliche aus dem JBO folgten. "Damals war es ziemlich cool in einer Fasnachtskapelle zu spielen, auch wenn wir die Jüngsten waren", erzählt Deckel. Nach und nach füllten sich die Reihen der Holzhauer mit jungen Musiker. Die Zeit der Gastmusiker war vorbei.

Fasnacht 1998 (von links): Stefan Deckel, Hansjörg Blender mit dem damals noch recht kleinen Dominik Baur.
Fasnacht 1998 (von links): Stefan Deckel, Hansjörg Blender mit dem damals noch recht kleinen Dominik Baur. | Bild: Ingo Deckel

Mit dem festen Ensemble probte die Holzhauermusik zu dieser Zeit im Feuerwehrhaus am Untertorplatz. "Wir hatten eine relativ begrenzte Stückzahl, hauptsächlich Fasnachtsmärsche und Schunkellieder", erzählt Ingo Deckel. Mehr war während der Fasnacht auch nicht notwendig. Man sei schließlich von Wirtschaft zu Wirtschaft getingelt und habe dort das selbe Programm abgespielt. Und da in jeder Kneipe andere Gäste waren, reichte das Repertoire. Die Holzhauerbälle an Fasnacht im Scheffelhof waren bald legendär. Vor allem die Party nach der Party erreichte schnell Kultstatus. Dann, wenn die Gäste gegangen waren und die Holzhauer mit ihren Helfern zusammenkamen, spielte die Holzhauermusik noch eine Runde. Heute ist es eine fulminante Mitternachtsshow im Milchwerk.

Im Jahr 1984 lautete das Motto "Rückblick: Heimatmuseum in der Höllstraße". Die Holzhauermusik marschierte in historischer Tracht.
Im Jahr 1984 lautete das Motto "Rückblick: Heimatmuseum in der Höllstraße". Die Holzhauermusik marschierte in historischer Tracht. | Bild: Ingo Deckel

Mit Rainer Gabele begann in den Achtzigerjahren das freie Spielen, fernab der Märsche und Fasnachtsmusik. Das Problem war: "Zu den modernen Liedern gab es kaum Notenmaterial", erinnert sich Ingo Deckel. Was also tun? "Wir haben uns die Lieder auf der Schallplatte oder als Kassette im Auto in Dauerschleife angehört, bis wir jeden Ton auswendig konnten, und haben das einfach nachgespielt", erklärt Deckel. Für eine Blaskapelle aus Blechbläsern war dies in den Achtzigerjahren Neuland. Lieder von Künstlern wie James Last zu spielen, auf die Idee war bisher kaum einer gekommen. Die Holzhauermusik konnte bald ein Programm von zwei bis drei Stunden auswendig spielen, arrangierte sich die Stücke selbst. "Als wir als Blaskapelle das erste Mal moderne Stücke gespielt haben, sind die Leute fast vom Glauben abgefallen. Aber es hat ihnen gefallen", sagt Ingo Deckel nicht ohne Stolz.

Jährlich wechselt das Motto der Holzhauer: Im Jahr 1986 sind sie als Gurus durch die Straßen gezogen.
Jährlich wechselt das Motto der Holzhauer: Im Jahr 1986 sind sie als Gurus durch die Straßen gezogen. | Bild: Ingo Deckel

Das freie Spielen populärer Musik war der Motor, der der Holzhauermusik bis heute den Ruf als Unterhaltungsband verschafft hat. Martin Schäuble, heutiger Präsident der Narrizella, brachte erstmalig Mitte der Neunzigerjahre als musikalischer Leiter der Holzhauermusik Gesangseinlagen in das Programm. Heute treffen sich Moderne und Tradition in der Musik der Holzhauer. Mit den Jahren begann die Professionalisierung, noch immer getragen vom Herzblut aller Musiker. "Das gute Feedback der Leute hat uns angetrieben, weiter zu machen und besser zu werden", sagt Ingo Deckel. Etwas, was bis heute für die Holzhauermusik gilt.