Früher machte die Mettnaukur, also sie auch noch offiziell so hieß, vor allem durch prominente Gäste von sich reden. Von Arbeitsminister Norbert Blüm, Kernzitat "Die Rente ist sicher", geht die Legende, dass er in den neunziger Jahren die Küchen der näheren Umgebung unsicher gemacht haben soll: "Wollte nur mal sehen, wie ihr das so kocht", platzte er gerne unangemeldet in das Allerheiligste der heimischen Gasthäuser in Radolfzell und auf der Höri, um seine Nase, die Köstliches roch, in die Pfanne zu halten.

Mundpropaganda im politischen Bonn und später in Berlin sorgte für regen Prominentennachschub auf der Halbinsel Mettnau am Untersee: SPD-Politiker Egon Bahr, Baumeister der deutschen Ostpolitik, war ständiger Gast, genau so wie Manfred Wörner, der bereits als einfacher CDU-Bundestagsabgeordneter, später als Verteidigungsminister und Nato-Generalsekretär in Radolfzell "Heilung durch Bewegung" suchte. Was den Politikern guttat, haben auch bekannte Fernseh-Journalisten getestet. Der spätere Moderator der Tagesthemen und Ausnahmejournalist Hanns Joachim "Hajo" Friedrichs turnte schon als ZDF-Sportchef Anfang der Siebzigerjahre unter Anleitung des früheren Olympiasiegers Willi Stadel für die Stabilisierung seines Herz-Kreislauf-Systems in den Kuranlagen. Ihm folgten etwa Heute-Journal-Moderator Claus Kleber und Geschichtsprofessor Guido Knopp.

Diese Namen gaben und geben den medizinischen Rehabilitations-Einrichtungen in Radolfzell die Aura der Promi-Kur. Die Radolfzeller freut es, wenn ein bekannter Gast auf ihrer Halbinsel weilt und diesen Flecken Erde lobt. Die bekannteren unter den Gästen schätzen es, dass ihr Rückzug ins Private in Radolfzell respektiert wird. Doch die Wertschätzung der Radolfzeller für ihre Kur wird in diesem Jahrzehnt auf eine harte Probe gestellt. Denn die Kur will mehr Mettnau. Diesen Anspruch führen die medizinischen Rehabilitationseinrichtungen, die die Stadt Radolfzell als Eigenbetrieb führen, seit ein paar Jahren schon im werblichen Namen, sie firmieren nicht als Kur, sie nennen sich nur noch in Großbuchstaben "METTNAU". Das früher getroffene Werbe-Versprechen "Heilung durch Bewegung" war sehr konkret, ist aber durch den Allgemeinplatz "Bewegung ist Leben" ersetzt worden.

Doch im Moment geht es weniger um die Bewegung der Patienten, es geht um Immobilien. Kurdirektor Eckhard Scholz treibt die Zentralisierung der verschiedenen Einrichtungen beim Kurmittelhaus und die Ausdehnung der Hermann-Albrecht-Klinik voran. Doch der erste Griff auf Flächen des Strandbads und des Tennisclubs Radolfzell in der Nachbarschaft scheiterte krachend, nachdem die Erweiterungspläne bekannt wurden. Bevor sich das aufziehende Gewitter einer alarmierten Bevölkerung entladen konnte, kassierte der Gemeinderat im März die Pläne und erklärte das Strandbad für unantastbar und eine Aufgabe des Tennisclub-Anlage an diesem Standort zugunsten eines Kur-Parkplatzes für nicht verhandelbar.

Ursprünglich hieß es, die Kostenträger hätten von den Reha-Einrichtungen in Radolfzell verlangt, dass Patienten und Kurgäste trockenen Fußes zu ihren Anwendungen kommen müssten. Doch große Kostenträger wie die Deutsche Rentenversicherung und die AOK wollten eine solche Forderung nach einer so genannten "Inhaus-Anwendung" nicht bestätigen: "Das haben wir nie gefordert." Nun ist der Kurdirektor auf eine andere Argumentationslinie umgeschwenkt, die den eigentlichen Kern der Zentralisierungswünsche offen legt: Die vier Standorte Klinik Seehalde, Kurpark Klinik, Werner Messmer Klinik und Hermann Albrecht Klinik fordern mehr Personal und sind teuer im Unterhalt. In den Worten von Eckhard Scholz heißt das: "Für eine solch dezentrale Struktur ist ein erheblicher personeller und sachbezogener Aufwand notwendig." Und noch ein Argument spricht aus Sicht des Betriebswirts für die Neubauten, eine Sanierung der bestehenden Klinikgebäude käme mindestens genau so teuer, das hätten die Gutachter vorgerechnet.

Dieser Aufwand scheint unter den aktuellen Voraussetzungen im deutschen Gesundheitswesen nur schwer zu erwirtschaften sein. Die METTNAU legt nächste Woche die Zahlen für das Geschäftsjahr 2016 dem Gemeinderat vor, nach dem Bericht ist bei einem Umsatz von 23,5 Millionen Euro ein Gewinn von 640 000 Euro ausgewiesen worden.

Der Kurdirektor hat sich mit dem abschlägigen Bescheid des Gemeinderats nicht zufrieden gegeben, zusammen mit den ihn beratenden Architekten hat er nachgelegt. Weil die medizinischen Reha-Einrichtungen der Stadt Radolfzell rund um das Scheffelschlösschen bei der Hermann-Albrecht-Klinik nicht in die Breite gehen dürfen, weil Strandbad und Tennisclub sich behaupten, müsse die Einrichtung dort in die Höhe gehen. Fünfstöckig in drei Klötzen. Der Werner Messmer Klinik und der Kurpark Klinik wird von dieser Seite keine Zukunft beschieden, weil die Sanierung so teuer wie ein Neubau sei und Bauarbeiten Lücken in die Belegungslisten reißen. Scholz hat eine erste Kostenschätzung für das Projekt Zentralisierung parat: "Wir sind von 40 Millionen Euro ausgegangen."

Ob es zur Zentralisierung der Kur auf der Mettnau kommt? Der Gemeinderat hat vorerst nur einem Architektenwettbewerb zugestimmt. Wenn dieser überzeugt, könnte er in Etappen bis zum Jahr 2030 vollzogen werden. Auch Kurdirektor Scholz weiß, dass der gestalterische Anspruch hoch ist: "Das muss dem Gast gefallen." Nicht nur den Gästen, das Ergebnis benötigt auch eine hohe Zustimmung in der Radolfzeller Bevölkerung. Sie will auf ihr Naherholungsgebiet Mettnau nicht einseitig zugunsten der Mettnaukur verzichten. Von der Mettnau wollen alle was haben, sie gehört – zumindest die Flächen im öffentlichen Besitz – auch allen.

 

Rund um die Mettnaukur

Die Medizinischen Reha-Einrichtungen der Stadt Radolfzell bieten auf der Mettnau Prävention und Rehabilitationsmaßnahmen für Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, sowie Störungen der Lungenfunktion an. Dazu kommen Behandlungen bei degenerativen Erkrankungen des Stütz-, Halte- und Bewegungsapparates, der Wirbelsäule und der Gelenke. Ein weiterer Schwerpunkt sind funktionelle Beschwerden oder auch psychovegetativen Erschöpfung (Burnout, emotionale Erschöpfung, chronische Müdigkeit).

Die vier Kliniken: Die Mettnaukur verteilt ihre Gäste und Patienten auf vier Häuser – die exklusive Klinik Seehalde mit 55 Betten, die Kurpark-Klinik mit 59 Betten, die Werner-Messmer-Klinik mit 229 Betten und die Hermann-Albrecht-Klinik mit 138 Betten. Die Werner-Messmer-Klinik und die Kurpark-Klinik sind nicht barrierefrei ausgebaut. Das ist allerdings eine Forderung der Kostenträger. Die Kur beschäftigt rund 400 Mitarbeiter, viele in Teilzeit, in Vollzeitstellen gerechnet sind es knapp 240 Arbeitsplätze.

Prominente Gäste waren: die Politiker Egon Bahr, Peter Struck, Walter Riester (SPD), Norbert Blüm, Manfred Wörner (CDU), IG-Metall-Chef Franz Steinkühler, die Fernsehjournalisten Claus Kleber, Hanns Joachim Friedrichs, Guido Knopp, die Regierungspräsidenten Norbert Nothhelfer (Freiburg) und Franz-Josef Antwerpes (Köln) sowie Astronaut Thomas Reiter.

Hermann Albrecht, von 1955 bis zu seinem Tod im Januar 1968 Bürgermeister in Radolfzell, hatte die Idee zur Gründung der Mettnaukur. Der SÜDKURIER meldete am 23. Januar 1957: "Die Stadt Radolfzell soll der erste Sportkurort werden – dies ist der Gedanke von Bürgermeister Albrecht." Schon am 7. Juni 1958 wurden die ersten Kuranlagen auf der Mettnau ihrer Bestimmung übergeben.

Das Naturschutzgebiet Mettnau erstreckt sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Flächen der Mettnaukur und des Strandbads. Es hat eine Ausdehnung von rund 140 Hektar.

Das Scheffelschlösschen, das Zuhause des Dichters Victor von Scheffel (1826 – 1886), steht oberhalb des Landungsstegs. Dort hat die Kurverwaltung heute ihren Sitz. (bec)