Mit der Erinnerung an vergangenes Leid und ganz aktuelle menschliche Tragödien hat der Radolfzeller Gemeinderat und FDP-Landtagsabgeordnete Jürgen Keck gestern die Aktualität des Volkstrauertages einmal mehr verdeutlicht. Bei seiner Rede am Radolfzeller Mahnmal für die Gefallenen beider Weltkriege auf dem Luisenplatz stellte Keck zusammen mit zwei jungen Menschen das Leid vergangener und aktueller Kriege gegenüber.

Verstädnis für die junge Generation

Quintessenz dieses Vergleiches war die Erkenntnis, dass Kriege nicht nur sinnlos, sondern in ihren Auswirkungen verheerend sind. Das ausgelöste Leid sei damals wie heute von erschreckend nachhaltiger Wirkung. Genau aus diesem Grund brach Keck eine Lanze für das bewusste Erinnern an solche Vorkommnisse, wie man es am Volkstrauertag vollziehen könne. Gleichwohl zeigte Jürgen Keck Verständnis für die heutige Generation junger Menschen, die oftmals nicht einmal mehr persönlich einen Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs befragen können: „Wir müssen uns mit den Generationen unterhalten, die nicht mehr aus erster Hand erfahren können, was es bedeutet im Krieg zu leben.“

Stadtrat Jürgen Keck (Mitte) erinnerte zusammen mit Francesca Citera und Luca Hölbing an die fortwährende Aktualität von Kriegen und ihren Folgen.
Stadtrat Jürgen Keck (Mitte) erinnerte zusammen mit Francesca Citera und Luca Hölbing an die fortwährende Aktualität von Kriegen und ihren Folgen. | Bild: Jarausch, Gerald

Mit der Brücke, die er in die Gegenwart spannte, machte der Politiker darauf aufmerksam, dass die Gefahr von Kriegen und ihren Folgen keineswegs gebannt sei. „Das Thema Krieg ist nach dem Zweiten Weltkrieg nie mehr so nah an uns herangerückt, wie heute“, stellte Keck angesichts der Ereignisse in Syrien, Libyen oder der Ukraine fest.

Schüler wollen eine Schule ohne Rassismus

Eine kleine Gruppe von Schülern einer neunten Klasse aus der Gerhard-Thielcke-Realschule ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls das Wort zu ergreifen. Die Schüler hatten im Deutschunterricht bei ihrer Lehrerin Dorothea Prutscher die Literaten der Weltkriegsgeneration behandelt, sie seien so für das Leid und Folgen der Kriege sensibilisiert worden.

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Mit Zitaten von Wolfgang Borchert, Käthe Kollwitz und Dietrich Bonhoeffer machten die Schüler die fortwährende Erinnerung und die immerwährende Aktualität der Aufarbeitung deutlich: „Unsere Schule hat sich dem Motto ‚Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage‘ verschrieben. Wir wissen also, dass wir in der Pflicht stehen, unseren Beitrag zu leisten unsere Gesellschaft zu schützen, indem wir die Menschenrechte für alle achten, wir versuchen das im Alltag“, erklärten die Realschüler auf dem Luisenplatz.

Möggingen geht neuen Weg

Die Gedenkveranstaltung im Ortsteil Möggingen war außergewöhnlich gut besucht. Rund jeder zehnte der über 800 Einwohner Möggingens nahm daran teil. Ortsvorsteher Ralf Mayer stellte die provokante Frage: „Ist dieser staatliche Gedenktag – mehr als 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – noch zeitgemäß?“ Mayer gab die Antwort: „Wir meinen ja! Und deshalb gestalten wir bewusst die Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2019 neu, mit einem Friedensgedenken.“ Man wolle mit dem Werben für Toleranz und Freundlichkeit im Umgang untereinander dafür sorgen, dass auch nachfolgende Generationen weiterhin in Frieden leben können.

Vor der Kirche in Möggingen: Ortsvorsteher Ralf Mayer (links) spricht zum Volkstrauertag und erreicht mehr Bürger als erwartet.
Vor der Kirche in Möggingen: Ortsvorsteher Ralf Mayer (links) spricht zum Volkstrauertag und erreicht mehr Bürger als erwartet. | Bild: Michael Jahnke

Mayer sagte: „Aktuell gibt es 28 Kriege und bewaffnete Konflikte in der Welt. Menschen werden Opfer von Gewalt.“ Da sei es für ihn ein Widerspruch, dass Deutschland Rüstungsgüter im Wert von mehr als 5,3 Milliarden Euro exportiere. Der Volkstrauertag sei ein Tag der Besinnung, „wie wir auf Krieg, Gewalt und Terror reagieren“. Wenn jede Ortschaft dies zum Ausdruck brächte, könne eine friedliche Zukunft gelingen.

Dicht gedrängt und sich vor dem Regen schützend: Beinahe fast 80 Besucher verfolgen die Videoinstallation am Voklstrauertag in Möggingen.Beim Volkstrauertag in Möggingen: Besucher unter der Zeltplane. Bild: Michael Jahnke
Dicht gedrängt und sich vor dem Regen schützend: Beinahe fast 80 Besucher verfolgen die Videoinstallation am Voklstrauertag in Möggingen.Beim Volkstrauertag in Möggingen: Besucher unter der Zeltplane. | Bild: Michael Jahnke

Diese Einstellung brachte man in Möggingen auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck. In einem Video trat Udo Lindenberg mit dem Lied „Wir ziehen in den Frieden“ auf. Klaus Jerger und Lennart Hovemann, beide aus Möggingen, waren von diesem neuen Ansatz, aus einem Volkstrauertag ein Friedensgedenken zu machen, überzeugt. „Das ist der richtige Weg, um die jüngeren Generationen auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Ortschaftsrat Markus Honsel zog sein Fazit: „Die Diskussionen zeigen, wie wichtig der Volkstrauertag ist.“ Noch nie seien so viele Besucher nach der Gedenkveranstaltung im Rathaus gewesen, um sich auszutauschen und über diesen Tag nachzudenken.