Die Reichspogromnacht vor 80 Jahren markierte den Übergang von der Diskriminierung der Juden zu deren systematischer Verfolgung im Deutschen Reich. Rund 100 Radolfzeller gedachten in der ehemaligen Kaserne mit einem ökumenischen Gottesdienst an die Opfer der November-Pogrome und erinnerten vor dem Mahnmal an die Gräueltaten des NS-Regimes. Das Bläserquartett der Stadtkapelle untermalte den Gottesdienst.

In der Nacht vom 9. November 1938 wurden die Gebetshäuser in Konstanz, Wangen, Randegg und Gailingen zerstört – von in der SS Kaserne Radolfzell ausgebildeten Einheiten und Schlägertrupps. Neuesten Forschungen nach wurden in Deutschland mehr als 1400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume ebenso zerstört wie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe. Mehrere hundert Juden wurden dabei ermordet, in den Selbstmord getrieben oder starben an Folgen der Inhaftierung in den darauf folgenden Tagen.

"Das an den Juden während der NS-Zeit begangene Unrecht stellt einen nie da gewesenen Tiefpunkt in der Geschichte der Menschheit dar", erläuterte Matthias Armgard in seiner Andacht: Fabrikmäßig sollte ein ganzes Volk vernichtet werden. Der Gemeindeleiter der neuapostolischen Kirche erinnerte daran, dass es bereits ab dem 3. Jahrhundert einen Antisemitismus christlicher Kirchenväter gegeben habe. Schon Paulus hätte Heidenchristen vor der Versuchung gewarnt, nichtchristliche Juden zu verachten, so Armgard. Der Antisemitismus hielt jedoch Einzug in die Kirche – bis in das 20. Jahrhundert. Diese Phase sei überwunden und das Verhältnis zur jüdischen Religion korrigiert.

Mit Bedauern beobachtet Gemeinderat Norbert Lumbe, dass Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus wieder zu Tagesordnung gehöre und dass die NS-Geschichte verunglimpft, Fakten in Frage gestellt und zu Wortspielereien benutzt würden. "Wir brauchen die Jungen und müssen ihnen helfen zu begreifen, dass Verantwortung für die Geschichte nicht zu verwechseln ist mit permanenter Schuld und verbotenem Patriotismus", so Lumbes Plädoyer für eine gesunde Erinnerungskultur. Der Gemeinderat habe alles zu tun, dass das Erinnern möglich würde.